Zombies und so

Zombies

Vor mir laufen Zombies über die Straße.

Schlurfend dem Sonnenuntergang entgegen. Ihre bleichen Gliedmaßen schlotternd in den ärmellosen Klamotten, die vor langer Zeit einmal farbecht waren. Die leeren Augenhöhlen starr nach vorne gerichtet.

Von meinem Platz aus sehe ich die verlassenen Gebäude rechts und links des Weges. Habt ihr schon einmal ein wahrlich totes Haus gesehen? Keines, das über Jahrzehnte leer stand und langsam dem grünen Würgegriff der Natur überlassen wurde. Eins, dessen Wärme, dessen Bewohner, dessen Leben von einem Tag auf den anderen verschwand. Jedes blinde Fenster erzählt eine eigene Geschichte.

Da. Das oben rechts, in dem sich der blutrote Himmel spiegelt, gehörte dem kleinen Mädchen. Würde man die Fassade hochklettern und sich auf den Fenstervorsprung setzen, sähe man ein typisches Kinderzimmer. Ein winziges Bett mit Blumenbettwäsche, unordentlich zu einem Haufen geknüllt und an die Wand geschoben. Ein Miniaturschreibtisch, auf dem ein aufgeschlagenes Hausaufgabenheft liegt. Mathematik, einfache Rechnungen, ein Tintenklecks auf der Acht. Im Regal stehen Bücher über Prinzessinnen und Prinzen, wahre Freundschaft und den Glauben daran, dass alles möglich ist. Eine Spinne hat ihr wunderbares Netz zwischen einem Plüschlöwen und dem Barbie-Traumhaus gesponnen.
Unten links das Wohnzimmer. Das Sofa ist schon lange nicht mehr neu. Von den vielen Beinen, die sich im Laufe der Jahre an seiner Kante gerieben haben, ist der Bezug rau geworden. Auf der Kommode stehen Familienfotos. Lachende Gesichter, umeinander geschlungene Arme, sonnige Tage. Eine dünne Staubschicht lässt die Erinnerungen wie Träume verblassen und begräbt sie schleichend für alle Ewigkeit im Nichts. Der Fernseher ist das Prunkstück und der Mittelpunkt des Zimmers. Groß und schwer bedeckt er die weiße Tapete und glotz aus schwarzen Augen auf das unbesetzte Sofa. Es ist niemand mehr da, um ihn zum Leben zu erwecken.

Unten rechts, hinter dem Milchglasfenster, verbirgt sich das Badezimmer. Die Dusche hat mittlerweile aufgehört zu tropfen. Dafür erobert der Dreck, den sich die Bewohner über all die Jahre abgewaschen haben, endlich die Keramik. Alle verlorenen Hautschuppen, Tränen und vergeudeten Gelegenheiten verklumpen das Abflussrohr und faulen vor sich hin. Der Medizinschrank steht ein kleines Stückchen offen. Die Aspirin- und Zopliconpackungen sind leer, die Reservezahnpasta hält einsam die Stellung.

In diesem Haus gab es einmal Leben. Jetzt hört man nur noch nachts das Klackern von Nagerkrallen zwischen den Stockwerken. Und morgens die Zombies auf der Straße. Eine ewige Symphonie aus Schlurfen und Klackern, Schlurfen und Klackern, Schlurfen und Klackern. Hier gibt es keine Prinzessinnen mehr, die auf ihren Prinzen warten. Keine Träume von allem und mehr.

Ich trinke den Kaffee aus und stehe auf. Ein letzter Blick auf die graue Haut der toten Karawane, dann schließe ich das Fenster und mache mich ebenfalls auf den Weg zur Arbeit.

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One thought on “Zombies und so

  1. Patrizia

    Thumbs-ups kann man hier ja keine geben. Deshalb kurz und knapp, aber schriftlich: echt gut!

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