Vergessen

Vergessen

Echte Geisterstätte sehen nicht so aus wie im Film. Es gibt keine verlassenen Holzhütten im Wüstensand, keine Steppenhexen, die idyllisch durch die Landschaft rollen. Keine Abenteuersonne, die im Gesicht brennt und zu Heldentaten auffordert.
In einer echten Geisterstraße ist man zwischen Häuserschluchten eingekeilt, ohne brennenden Himmelskörper, die einem den Weg weisen. Es riecht nach Hundekot, Urin und alter Cola, die in der Sonne stand. Süßlicher Verwesungsgeruch mischt sich mit dem Müllduft der Großstadt. Die Häuserfassaden waren einst hell gestrichen und strahlten Zuversicht aus, sind nun durch Jahrzehnte mit Regen streifig vom Dreck, starren einen wie Gitterstäbe im Gefängnis an. Kein Entkommen aus der grauen Steinwüste. Auf einem Stromkasten prangt ein geradezu obszön herausstechender, roter Farbklecks – jemand hat ein Schimpfwort darauf gesprayt.
Ein junger Mann betritt die Straße, die Hände in den Taschen, den Kopf eingezogen, bahnt er sich seinen Weg durch die braunen Tretminen. Bleibt vor einem einst weißen Gebäude stehen. Zwei Säulen am Eingang, drei Etagen Erinnerungen an seine Kindheit, die noch gar nicht so lange her ist. Heute ein 1-Euro-Shop, früher der Tempel der Spielsachen. Er erinnert sich an die deckenhohen Regale, wie er daran gelehnt auf dem Boden saß, unter einer Flut von Kuscheltieraugen. Das Gefühl von glatten Plastikverpackungen an seinen Kinderfingern. Der Geruch von frisch gepressten Legosteinen und unberührten Hartgummi-Dinosauriern. Von überall vertraute Geräusche: jemand probiert ein ferngesteuertes Auto in der 2. Etage aus, ein Kind weint in der 3., weil seine Mutter ihm das Barbie-Traumhaus nicht kaufen will. Komm klar auf deiner Polly-Pocket-Insel.
Die automatische Schiebetür fährt auf, der gelangweilte Besitzer des 1-Euro-Shops blickt von seiner Zeitung auf, dem jungen Mann direkt in die Augen. Vielleicht doch ein bisschen Western-Atmosphäre.
»Was stehst du da? Was willst du hier?«, blafft er ihn an.
Der junge Mann wartet regungslos, bis die Glastür sich wieder geschlossen hat. »Abschied nehmen«, flüstert er. Dann marschiert er mit schnellen Schritten weiter geradeaus. Er dreht sich nicht noch einmal um.

Vor ihm erstreckt sich die Zukunft. Nur wenige Meter hinter seiner Kindheit, einmal um die Ecke. Gebäude aus Stahl und Glas, deckenhohe Fenster, an jeder Seite Balkone. Ein Eckcafé verströmt den Geruch frisch gemahlenen Kaffees und warmer Milch. Die neue Grünanlage gegenüber sorgt mit ihren klaren Strukturen für einen erträglichen Anteil Natur in der Großstadt. Nur ganz kurz weht ein Windzug noch aus der zurückliegenden Gasse herüber und erinnert an vergangene Träume. Dann ist es vorbei und der junge Mann hat bereits vergessen, wo der Tempel seiner Kindheit stand.

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