Rezension: Zweilicht

Rezension: Zweilicht

Zweilicht von Nina Blazon
416 Seiten (Hardcover)
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570161173
18,99€
Erscheint am: 29.08.2011

Inhalt


Ein ganzes Jahr in der Fremde. Willkommen zu sein, aber nicht großartig beachtet zu werden – das ist Jays Leben seit er beschlossen hat, ein Austauschjahr in den USA beim Bruder seines toten Vaters zu verbringen. Zu Hause in Berlin wartet seine Mutter auf ihn, doch zerstritten, wie sie sind, möchte der sture Junge sich lieber auf sein neues Leben und die hübsche Mitschülerin Madison konzentrieren als auf ihre sms zu antworten.

Madison ist für ihn das Mädchen mit den Mandelaugen. Halb indianischer, halb koreanischer Abstammung, ohne Handy und viel zurückhaltender als die anderen Mädchen an der Schule, ist sie für Jay etwas Besonderes. Doch als er gerade beginnt sie näher kennen zu lernen, taucht plötzlich ein anderes Mädchen auf: Ivy, die nur er zu sehen scheint und die sich in seine Welt drängt. Hin- und hergerissen zwischen den beiden, die unterschiedlicher nicht sein können, beginnt Jay an allem, was er bisher glaubte, zu zweifeln und lässt sich auf ein Abenteuer ein, das genauso gefährlich wie unglaublich ist…

Bewertung


Nina Blazons neustes Werk ist eine kraftvolle Erzählung, die den Leser in eine völlig neue Welt entführt und bis zur letzten Seite fesselt.

Jay ist zu Beginn der einzige Charakter, den man verstehen kann. Aus seiner Sicht erzählt, durchlebt man mit ihm seine Eingewöhnung in das fremde Land und begleitet ihn dabei, wie er vorsichtig versucht Madison näher kennen zu lernen. Dass er ein großer Filmfan ist, merkt man die gesamte Geschichte hindurch immer wieder, wenn er über Filme wie „Matrix“ redet und sich selber mit Charakteren aus seinen Lieblingsfilmen vergleicht. So ist es auch kein Wunder, dass er Madison zu ihrem ersten Date ins Freilichtkino mitnimmt. Die beinahe scheue und vorsichtige Art wie die beiden sich näher kommen, verdeutlicht die entstehenden Gefühle zwischen ihm und Madison glaubhaft und hat nichts von überstürzten und übertriebenen Liebeserklärungen. Ein feiner Humor und detailverliebte Erzählung unterstützen, dass man als Leser dem Geschehen nur zu gerne folgt.

Umso verwirrter ist man, als Ivy aus dem Nichts auftaucht. Sie wirkt in ihrem primitiven Kostüm und mit dem Speer geradezu archaisch und exotisch fremd. Dabei einen Hauch gefährlich… und dennoch geht sie sowohl dem Leser als auch Jay einfach nicht aus dem Kopf. Was zu Beginn nur wie merkwürdige Zufälle aussehen mag, verwebt sich zunehmend zu Ungereimtheiten, die der Junge sich nicht mehr erklären kann und die den leisen Übergang zur eigentlichen Handlung der Geschichte darstellen. So führt uns die Erzählung schließlich weg von einem Liebesroman, der sich zunächst mit einem Hauch „Urban Fantasy“ liest, hin zu mehr Action und Spannung.

Ich selber war zunächst nach dem Bruch der vorherigen Handlung etwas verwirrt und musste mich neu in die Geschichte einfinden, war jedoch gleichzeitig fasziniert von den Ideen, mit denen die Autorin hier aufwartet. Zwischenzeitlich packt einen beim Lesen das kribbelnde Gefühl, das man ansonsten nur beim Betrachten von Sci-Fi-Filmen und Dystopien hat – denn genau an dieses Genre erinnert dann der Fortgang der Erzählung. Genauso faszinierend und aufregend, sowie verstörend und gefährlich ist dann auch die neue Welt, in die Ivy den Protagonisten führt und seine Reaktionen auf die neuen Erkenntnisse sind wunderbar beschrieben und nachvollziehbar. Bisweilen kommt einem die Idee, die dahinter steckt, aus einem Film (der übrigens von Jay selber erwähnt wird) bekannt vor, doch da sich danach die Handlung völlig einzigartig und neu entwickelt, ist diese Parallele viel weniger ein Manko, als eine gelungene Neuinszenierung, die beim Lesen für das gewisse „Kopfkino“ sorgt.

Ein weiteres besonderes Highlight ist mal wieder die Erzählweise von Nina Blazon. Mit kleinen Details vermag sie es zu verzaubern und ihrer Geschichte ein besonders Flair zu vermitteln. Sowohl die Worte, die sie ihren Charakteren in den Mund legt, als auch Beschreibungen unterstützen das stimmige Bild, das man während des Lesens entwickelt. Besonders gefallen hat mir dabei die Beschreibung der „Holländerin“ – einer Frau, die über und über in alte Zeitungsartikel gekleidet ist, die sie wie ein antikes Kleid tagein, tagaus trägt. Sie ist in ihrer Nachbarschaft nur als verrückte, aber harmlose Gestalt bekannt, doch hinter ihrem enormen Wissen über die Geschichte der schillernden Großstadt liegt so viel mehr verborgen, als einem zunächst bewusst ist. Allein die Vorstellung des im Wind raschelnden Kleides zusammen mit der mysteriösen Beschreibung der Frau lassen ganze Bilder vor dem Auge des Lesers entstehen, die einen ganz und gar verzaubern.
So schwebt man ständig zwischen Altbekanntem – der Gegenwart, dem New York, das man aus Filmen kennt – und einer fantastischen Erzählung über eine fremde, wilde Seite unserer Welt.

Gemeinsam mit den Charakteren entwickelt sich auf diese Weise eine Geschichte, die letztendlich facettenreich mehrere Genre verbindet und schließlich sogar an ein Märchen erinnert.
„Er hatte nicht gewusst, wie ausgehungert er nach Bildern und Geschichten gewesen war.“ (S. 268) stellt Jay zwischenzeitlich fest – und ganz genau so geht es auch dem Leser bei „Zweilicht“. Wer sich auf diese Erzählung einlässt, wird immer wieder überrascht werden, folgt mit Spannung den Charakteren und lässt sich mühelos von den zwei Mädchen, die wie Sonne und Mond sind, verzaubern. Zum Schluss hin stellt man dann wehmütig fest, dass man gar nicht zum Ende der Geschichte kommten möchte, sich die Gändehaut noch etwas bewahren will. Denn man kann dieses Buch gar nicht mögen, man muss es einfach lieben.

In Sternen: 5/5

Über die Autorin


Nina Blazon wurde 1969 in Slowenien geboren und wuchs in Neu-Ulm in Bayern auf. Sie studierte Slawistik und Germanistik bevor sie begann als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und Texterin in einer Werbeagentur zu arbeiten. Heute arbeitet sie als Journalistin und Autorin verschiedener Jugendbücher – ihr Repertoir umfasst dabei historische Romane genauso wie Krimi und Fantasy. Ihren ersten Fantasy-Jugendroman verfasste sie 2003 und wurde noch im selben Jahr mit dem Wolfgang-Hohlbein-Preis, sowie 2004 mit dem Deutschen Phantastik-Preis dafür ausgezeichnet. Privat hat sie großes Interesse an Skandinavien und Kino, was man ihren Büchern immer wieder anmerkt (so z.B. „Totenbraut“, welches in Serbien spielt, oder auch „Zweilicht“, in dem die Liebe zum Film hier und da durchblitzt).  Mittlerweile zählt sie unter den Jugendbuchautoren schon lange nicht mehr zu den Geheimtipps und hat eine große Fangemeinde. Für ihre Bücher erhielt sie bis heute zahlreiche Auszeichnungen.

Homepage: www.ninablazon.de

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4 Comments
  • Stephie
    Posted at 09:43h, 03 Juni Antworten

    Ich bin ja schon so gespannt auf das Buch!

  • Jana
    Posted at 12:05h, 03 Juni Antworten

    Hallo :)
    Hab dir zwei Awards verliehen, schau mal hier:

    Liebe Grüße,
    Jana :)

  • Sandra
    Posted at 11:28h, 03 Juni Antworten

    Ich habs auch heute bekommen und freu mich schon riesig drauf. Schön, das es dir gefallen hat :)

  • Windfänger
    Posted at 18:20h, 06 Juni Antworten

    Ich bin neidisch ;) Das hört sich toll an und ich will das auch unbedingt lesen! Solltew mir während der Wartezeit vielleicht doch endlich mal eines der anderen Bücher von Nina Blazon zulegen. Hört sich so an, als wärst du von ihr begeistert. :)

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