Rezension: Zeit der Gespenster

Rezension: Zeit der Gespenster

Vom Suchen und Finden der Liebe…

Ross Wakeman hadert mit dem Leben: seit seine Verlobte bei einem Autounfall starb, gibt er sich die Schuld dafür und sehnt sich ebenfalls nach dem Tod.
Klappen will es damit aber nicht, denn obwohl er schon mehrere Selbstmordversuche hinter sich hat, wandelt er noch quietschfidel auf Erden – weder vom Blitz getroffen zu werden, noch sich mitsamt seinem Auto in einem Fluss zu versenken oder direkt von einer Pistolenkugel durchbohrt zu werden, konnten an dieser Tatsache etwas ändern.
Um seiner toten Frau dennoch nahe sein zu können, beginnt er auf Geisterjagd zu gehen und wandert ruhelos von einem Ort zum Anderen um den Geist seiner geliebten Aimee zu finden.
Als er eines Tages bei seiner Schwester Shelby im verschlafenen Neuengland-Nest Comtosook eintrifft, ahnt er nicht, dass er ausgerechnet hier seinem ersten Geist begegnen wird.

Zur selben Zeit soll etwas außerhalb des Örtchens, auf dem Grundstück eines im Sterben liegenden Mannes, ein morsches Haus abgerissen und stattdessen ein Einkaufscenter gebaut werden. Zunächst erscheint der Protest der ansässigen Abenaki-Indianer wie ein schlechter Scherz: angeblich sei auf dem Grundstück ein alter Indianerfriedhof und wenn die Ruhe der Toten gestört werde, könne Schlimmes passieren.
Tatsächlich geschehen aber bald merkwürdige Dinge in Comtosook und die Bauleitung sucht händeringend nach Hilfe, wendet sich voller Verzweiflung schließlich sogar an Ross und bittet ihn darum, nach dem Geist zu suchen.

Damit beginnt die Geschichte sich immer mehr zu verstricken: Was haben die Abenakis mit dem Grundstück des alten Professors, der im Sterben liegt, zu tun? Wie passt ein Mordfall aus den 1930er Jahren dort rein? Inwiefern geht alles zurück auf die furchtbaren Eugenik-Gesetze Vermonts? Und was genau ist die Rolle von Ross bei alldem?

Jodi Picoult verknüpft in ihrem Roman Fiktion und Tatsachen genauso wie geschichtliche Hintergründe und aktuelle Themen.
Überzeugen konnte sie mich mit ihrem neusten Werk dennoch nicht.

Fangen wir mal ganz von Vorne an: Als Erstes hat es mich unheimlich gestört, dass so viele Perspektivwechsel vorkommen. Gerade im 1. Teil des Buches (S. 9 – 137) habe ich riesengroße Schwierigkeiten gehabt den schnellen Wechseln zwischen den vielen Personen zu folgen. So wird gleich zu Beginn der Geschichte etwas über Ross erzählt, dann kommt ein plötzlicher Sprung zu einem Mann im Pflegeheim und dann zu einem Fernsehteam auf Geisterjagd. Ohne Erklärung. Besonders schwierig wurde es, wenn nicht einmal Absätze den Perspektivwechsel andeuteten weil genau von einer Seite zur nächsten der Übergang stattfand. So war er anstrengend sich an die agierenden Personen zu gewöhnen, sich ein Bild von ihnen zu machen und ihre Beziehungen untereinander zu verstehen.
Bis zum 2. Teil der Buches, der in die Vergangenheit der 30er Jahre springt und die tragische Familiengeschichte einer jungen Frau erzählt, wusste ich auch gar nicht so recht, was eigentlich der Punkt der Geschichte ist. Bis zu Seite 140 plätscherte die Handlung einfach nur so vor sich hin und hatte meiner Meinung nach einfach keinen großen Sinn.

Der schon angesprochene 2. Teil war allerdings wirklich spannend und interessant. Nicht nur, dass ein vermeintlicher Mordfall angesprochen und die Tragödie eines Frauenschicksals ergreifend geschildert wird, sondern auch, weil die Geschichte noch eine weitere Ebene bekommt: die politischen Eugenik-Gesetze des Staates Vermont in den 20er und 30er Jahren. Die Eugenik war sowohl in den USA, als auch im Rest der Welt gar kein unbekanntes Thema. Sie hatte sich dem Ziel verschrieben, die Welt zu verbessern, indem nur Menschen Kinder bekommen dürfen, die „gute Gene“ haben. Das hieß damals konkret: Geisteskranke, Behinderte, Randgruppen und Kriminelle sollten sich nicht fortpflanzen dürfen. Jodi Picoult verknüpft diese wahnsinnigen Gesetze – die es tatsächlich gegeben hat! – nun mit der Familiengeschichte der jungen Cecilia und den Abenaki-Indianern Neuenglands.

Im nächsten Teil springt die Geschichte dann wieder in die Gegenwart und nach und nach entwirren sich die Fäden und Zusammenhänge zwischen allen auftretenden Personen und der Geschichte des Ortes werden deutlich. Allerdings verliert die Erzählung schnell an Spannung und das Potential des geschichtlichen Hintergrundes wird meiner Meinung nach nicht ausgenutzt – letztendlich entsteht eine sehr skurrile und übertriebene Liebesgeschichte, mit etwas zu sehr leidenden und tragischen Helden. Noch dazu war die Auflösung des Rätsels um die Zusammenhänge zwischen Damals und Heute vorhersehbar, sobald man erst einmal die Personen einordnen konnte.

Weiter hat mich oft der etwas holprige Schreibstil mit Wiederholungen gestört. Zwei Beispiele:
„‚Dr. Oliver?’ Ihre Sekretärin kam herein. ‚Die Albertsons sind da’, sagte die Sekretärin.“
Und
„Az bekam kaum je eine Menschenseele zu Gesicht. Manchmal fragte Az sich, ob er vielleicht der einzige Mensch war, der hier noch angestellt war.“
Das hat den Lesefluss unnötig gestört und war bisweilen sogar nervig.

Natürlich beurteile ich eine Geschichte nicht unbedingt nach ihrem Schreibstil und da ich von Jodi Picoult vorher noch nie etwas gelesen habe, kann ich auch keine Vergleiche ziehen. So hat mich der zweite Teil der Erzählung am meisten begeistert und ich hatte für kurze Zeit das Gefühl, dass es sich um ein wirklich tolles und spannendes Buch handeln kann – wurde aber letztendlich enttäuscht. Besonders das kitschige und unlogische Ende hat mir noch einmal den Spaß an „Zeit der Gespenster“ geraubt.
Empfehlen kann ich das Buch somit nur allen, die gerne übermäßig unrealistische Liebesgeschichten lesen und Wert auf rosane Happy-Ends legen. Ich selber werde vielleicht noch einmal ein anderes Buch von Picoult lesen, bin momentan aber zu enttäuscht um große Erwartungen daran zu stellen. Wer weiß: vielleicht endet Picoult bei mir in derselben Schublade wie Cecilia Ahern und Audrey Niffenegger – der staubigen Schublade im hintersten Teil meines Bücherregals.

Bewertung: 2/5


Zeit der Gespenster von Jodi Picoult
463 Seiten (Hardcover)
Verlag: Piper
ISBN: 9783492054003
19,95€

1 Comment
  • Cara
    Posted at 16:08h, 15 August

    Schade, dass es dir nicht so gefallen hat. Mit Jodi Picoult lag ich bisher eigentlich immer ganz gut. Diesen Roman habe ich aber noch nicht gelesen. Mal sehen…