Rezension: XVI

Rezension: XVI

Der sechzehnte Geburtstag sollte etwas Besonderes sein. Ein symbolischer Übergang ins Erwachsenenalter. Genauso sollte ein Tattoo ein Ausdruck der Individualität, der Kreativität sein. Nicht so in Nina Oberons Welt: an ihrem 16. Geburtstag bekommen alle Mädchen an ihrem Handgelenk das exakt selbe Tattoo: ein XVI – die römischen Ziffern für “16″.
Noch ist Nina fünfzehn, doch schon bangt sie ihrem Geburtstag im Dezember entgegen. Wir haben das Jahr 2150 und kaum etwas erinnert noch an unsere Gesellschaft, denn in ihrer Welt wird man nicht “sixteen” sondern “sex-teen”. Mit sechzehn ist man offiziell erlaubt Sex zu haben – und wird sogar dazu ermuntert. Den Mädchen werden schon in der Schule Videos gezeigt, die ihnen beibringen sollen, wie man möglichst viele Männer auf sich aufmerksam macht, die Medien puschen alles aufreizende Verhalten.
Nina selber ist mit ihrer jüngeren Schwester bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater Ed groß geworden. Während Ed die Regierung und die Medienkampagnen unterstützt, ist Ninas Mutter Ginnie vorsichtiger: sie bläut ihrem Mädchen ein, dass das Erkennungstattoo keinesfalls zu ihrem Schutz dient und sie vielmehr zu Freiwild macht.
So ist ihr kommender Geburtstag lange Ninas einzige Sorge. Doch dann wird ihre Mutter ermordet und verrät ihr auf dem Sterbebett ein Geheimnis, das ihr Lebens ins Wanken bringt.
Plötzlich sind die Regierung und die ständige Werbung nicht mehr bloß nervige Nebenerscheinungen, sondern grausame Geheimnisse kommen ans Licht. Und Nina erfährt, dass Dinge nicht immer so sind wie sie scheinen: sie erfährt gänzlich Neues über ihre Mutter, erfährt brisante Informationen über ihren Vater und steckt plötzlich mitten im Kampf der NonCons – der Regierungsgegner. Zudem ist da dieser Junge, Sal, der viel zu viele Geheimnisse hat… und doch kann Nina nichts dagegen tun ihren Vorsatz keinen Freund zu wollen, zu brechen und sich in ihn zu verlieben….

Mit “XVI” drängt eine neue, gesellschaftskritische Dystopie auf den Markt der Jugendbücher. Julia Karr zeichnet hier allerdings eine Gesellschaft, die der Leser nur langsam begreift und dadurch umso mehr in ihren Sog gerät.

Nina selber ist die Erzählerin der Geschichte. Sie begegnet uns als Leser zunächst als Mädchen mit festen Vorstellungen und Ängsten, die sie (auch dank ihrer Mutter) bereits früh verinnerlicht hat. Zwar ist sie der Regierung und den Medien gegenüber kritisch und versucht selber zu denken, anstatt sich alles vorkauen zu lassen, doch befreit aus der Gesellschaft ist sie noch lange nicht. Die “tiers”, etwas in der Art wie Kasten, bilden auch für sie Grenzen, vor denen sie Respekt hat. Als eine Angehörige einer der unteren Kasten kann sie es sich nur leisten billige Kaufhausware zu erwerben und führt ein relativ schlichtes, aber dennoch fröhliches Leben.
Erst, als sie beginnt durch die Informationen ihrer Mutter mehr über die Hintergründe ihres Landes zu erfahren, beginnt sie auch das große Gesamtbild zu verstehen und muss sich der Herausforderung stellen selber zu begreifen, was “gut” und was “schlecht” ist. Ihre erschreckenden Entdeckungen verändern die Fünfzehnjährige und lassen sie erwachsener werden, genauso, wie ihre erste Liebe. Hin und Hergerissen zwischen all ihren Gefühlen und ihren Erfahrungen, muss sie so für sich selber einen Weg finden.
Da das Buch aus ihrer Sicht geschrieben ist, kann man als Leser ihre Gedanken und Gefühle gut nachvollziehen. Nina ist kein besonders herausstechender oder besonderer Charakter – eher durchschnittlich und gewöhnlich. Dass sie sich plötzlich in ungewöhnlichen Umständen wiederfindet, macht ihre Entwicklung umso spannender und man schließt sie schnell beim Lesen ins Herz.

Insgesamt besonders begeistert war ich von der Welt, die Julia Karr in ihrer Dystopie geschaffen hat. Die Regierung kontrolliert die Medien und die Medien kontrollieren die Menschen. Eine ständige Reizüberflutung mit Werbung, Videos, Musik und Anzeigen strömt auf die Bewohner dieser Welt ein. Mädchen werden in zwei Gruppen eingeteilt: die unter sechzehn und die, die offiziell Sex haben dürfen. Das Tattoo: ein Brandzeichen, für jeden sichtbar. Nicht gleich sichtbar, aber dennoch da ist hingegen der GPS-Sender, den alle Mädchen bis zu ihrem 16. Geburtstag tragen müssen. Zu ihrem Schutz, sagen die Medien. Zur Kontrolle, sagen die NonCons.
Ganz so abwegig ist diese Zukunftsgesellschaft gar nicht. Julia Karr hat lediglich überspitzt, was bei uns heute schon so oft kritisiert wird: die Übersexualisierung und den Einfluss der Medien. Warum also nicht einen Schritt weiter gehen und darüber schreiben was passiert, wenn die Medien ihre Zuschauer derart beeinflussen, dass Mädchen und Frauen sich geradezu in die Promiskuität werfen?
Erfrischend und gleichzeitig spannend war auch, wie Karr uns diese Welt nun näher bringt. Sie erklärt keinesfalls zu Beginn alle wichtigen Begriffe und erzählt über die Organisation der Regierung – vielmehr wirft sie uns direkt ins Geschehen. Es tauchen häufig Begriffe auf, die von den jugendlichen Protagonisten ganz selbstverständlich verwendet werden, uns Lesern aber ein Rätsel sind. Manchmal erst nach mehreren Seiten werden die Bedeutungen in einem anderen Gespräch oder einer anderen Situation geklärt. So hat man bisweilen das Gefühl, tatsächlich ein Beobachter des Geschehens zu sein. Als stünde man unsichtbar irgendwo am Rande und hätte die Gelegenheit das Handeln der Charaktere zu beobachten und zu belauschen. Dieses Vorgehen bringt einen außergewöhnlichen und erschreckend nahen Bezug zur Geschichte und lässt einen ungewohnt intensiv mitfiebern.

Einzig der Schreibstil kam mir manchmal etwas schwierig vor. Als jemand, der nur mit dem überkorrekten Schulenglisch vertraut ist, wirken die Satzkonstruktionen der Autorin ab und zu etwas anstrengend und befremdlich.
Hinzu kommt, dass das Ende der Geschichte sehr plötzlich und unbefriedigend daher kommt. Gerade hat man Blut geleckt und beginn sich zu fragen, wie weit Nina in die Auseinandersetzung der Regierung und der NonCons gerät, da ist plötzlich Schluss. Das Buch ist durchaus in sich abgeschlossen, doch würde man gerne noch mehr erfahren, noch tiefer in die Verschwörung gegen die Regierung abtauchen.
Insofern war ich etwas enttäuscht als ich dann auf der Homepage der Autorin sah, dass sie bereits die Fortsetzung schreibt (bzw. sogar schon überarbeitet). Auf diese Fortsetzung bin ich zwar sehr gespannt, denn das Buch war im Großen und Ganzen wirklich gut, doch stört es noch so lange warten zu müssen und sich mit dem sehr abrupten Ende abzufinden, das gerade dann kam, als es wirklich spannend wurde.

Insgesamt ist “XVI” definitiv allen zu empfehlen, die gerne Dystopien lesen und sich selber kritisch mit dem Thema Medien und ihrem Einfluss auseinander setzen möchten. Auch die Probleme typischer Teenager werden auf wenig klischeeweise und ansprechende Art thematisiert, sodass das Buch facettenreich und packend einen ganzen Nachmittag füllen kann.

Bewertung: 3/5

XVI von Julia Karr
272 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Speak
Sprache: Englisch
ISBN: 978-0142417713
6,40€

5 Comments
  • Stephie
    Posted at 14:28h, 16 April Antworten

    Das Buch finde ich auch sehr interessant. Gut, dass deine Rezi so positiv ausgefallen ist. Ich warte allerdings, mal wieder, auf die deutsche Ausgabe.

  • Lena
    Posted at 14:31h, 16 April Antworten

    Klingt richtig super, wandert also sofort auf meinen Wunschzettel!

  • Karo
    Posted at 17:32h, 19 April Antworten

    Klingt wirklich gut, und ich hab gerade entdeckt, dass es im Januar 2012 bei cbt kommt. Ob ich allerdings so lang warten kann, weiß ich noch nicht. :) Dystopien atme ich zurzeit sozusagen ein. Und diese klingt sehr originell. Danke für die Rezi! :) LG!

  • jennifer0509
    Posted at 09:30h, 20 April Antworten

    klingt nach einen guten Buch, kommt auf meine Wunschliste, sobald es auf Deutsch raus ist ;)

  • Charlousie
    Posted at 23:03h, 23 April Antworten

    Deine Rezension finde ich richtig, richtig gut, denn sie beschreibt genau das, was ich auch gedacht habe.
    Allerdings fand ich die Satzkonstruktionen von Julia Karr so störend, dass mich die Geschichte nicht sooo begeistern konnte. Julia Karr hat das zwar alles gut aufgebaut, aber ich hatte mir viel, viel mehr erhofft!
    LG!

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