Rezension: Winterlicht

Rezension: Winterlicht

Als zwei Vertreter eines Landes, das gar nicht mehr existiert, reisen Sir Topher und der 19-jährige Finnikin durch die Gebiete Skuldenores um mit Flüchtlingen ihres Landes Lumatere zu sprechen – immer auf der Suche nach einem neuen Flecken Land, auf dem sie siedeln können.
Zehn Jahre zuvor geschahen die fünf Tage des Unsagbaren: der rechtmäßige König und seine Familie wurden niedergemetzelt, Tumulte brachen aus und eine zu Unrecht beschuldigte Frau brachte einen Fluch über Lumatere. Seitdem gibt es das Drinnen und das Draußen: wer damals fliehen konnte, findet keinen Einlass mehr in seine Heimat, die nun durch eine todbringende Kraft geschützt ist. Innen lebt der Rest des Volkes ebenso in Elend, denn der Thronräuber, der seit jenen Tagen regiert, führt sein Land mit harter Hand.
Finnikin und sein Lehrer treffen auf ihrer Reise auf das Mädchen Evanjalin, die ihnen erzählt, dass sie in die Träume derer, die in Lumatere gefangen sind, einblicken kann und so erfahren hat, dass der Prinz – jetzt wäre er rechtmäßiger König – die unsagbaren Tage überlebt hat. Und obwohl Finnikin nach Vorne blicken möchte, lassen die Worte Evanjalins etwas in ihm keimen, das er schon längst verloren glaubte: Hoffnung.
Gemeinsam machen die drei sich auf den Weg um den Thronfolger Balthasar zu suchen und einen Weg zu finden, den Fluch zu durchbrechen. Dabei verliebt sich der junge Mann in Evanjalin obwohl er weiß, dass sie dem neuen König versprochen ist. Zudem scheinen nicht alle Beteiligten die Wahrheit gesagt zu haben und ihre Mission erweist sich als ein Kampf zwischen Hoffnung und Resignation, Vertrauen und Furcht…

Nach „Sayuri“ und spätestens seit „Nachtlilien“ hat auch mich ein neues Genre gefangen genommen: High Fantasy. Dass es dabei nicht immer ein Epos wie „Herr der Ringe“ sein muss und auch keinesfalls eher etwas für Jungen ist, beweist „Winterlicht“ gekonnt.

Zwar ist Finnikin der Protagonist der Geschichte, doch Evanjalin ist die eigentliche Heldin dieser Erzählung. Sie ist eine starke Frau, die genau weiß was sie will und ihre Ziele kompromisslos verfolgt. So kann sie kämpfen wie ein Mann, ist klug und beweist immer wieder innere Größe. Perfekt ist sie dabei aber dennoch nicht, denn auch ihre Fehler und bisweilen kaltherzigen Handlungen fallen immer wieder ins Auge. Dadurch ergibt sich ein Gesamtbild des 18-jähirgen Mädchens, das in sich stimmig ist und ihr eine realistische Glaubhaftigkeit verleiht.

Finnikin hingegen ist mit seinen 19 Jahren schon ein sehr geplagter Charakter. Damals war er der beste Freund des Thronfolgers, doch seit vor zehn Jahren der Fluch ausgesprochen wurde, ist er auf der Suche nach einer neuen Heimat für die Flüchtlinge des Landes. Der Verlust seiner Freunde, Familie und Lumateres nagt schwer an ihm und er reagiert bisweilen unwirsch, wenn er auf jemanden trifft der noch Hoffnungen daran setzt, zurück in die Heimat zu gelangen. „Wir haben kein Zuhause“ ist der Satz, der ihn verzweifeln lässt und gleichzeitig auf seiner Mission vorantreibt. Erst, als er Evanjalin kennen lernt, beginnt auch er wieder Hoffnung zu schöpfen und wagt an eine Zukunft in Lumatere zu denken. Dennoch plagen ihn immer wieder Zweifel und Ängste – wurde ihm doch prophezeit, dass Blut fließen wird, damit er zum König aufsteigt. Er fühlt sich gar schuldig für das, was in jenen Tagen in Lumatere geschah.
Aus diesem Grunde geht er mit viel Misstrauen an seine neue Mission und ist immer wieder darauf angewiesen, dass Evanjalin ihn (mehr oder weniger) freiwillig in die richtige Richtung stupst. So entwickelt sich langsam eine tiefe Zuneigung zwischen den Beiden – eine Liebe, die eigentlich nicht sein soll.

Als Leser kann man genau nachvollziehen, wie die Charaktere sich entwickeln und welche Gedankengänge sie verfolgen. Es hat mich absolut positiv überrascht, wie detailgetreu Melina Marchetta ihre Figuren zeichnet und so vor unseren Augen zum Leben erweckt.

Die Geschichte selber verfehlt das typische High Fantasy-Muster nicht: Helden auf einer Mission. Dennoch werden immer wieder Aspekte eingebracht, die den Text auf überraschende Weise zu einer tiefgründigen Lektüre machen. Dabei wird nie das Hauptaugenmerk darauf gelegt – viel mehr werden in Nebensätzen Aspekte der Gesellschaft thematisiert, die durchaus auch auf unsere reale Welt übertragbar sind. So zum Beispiel ein homosexuelles Pärchen in der Armee, oder die Frage nach dem Verschließen der Augen vor grausamen Taten. „Es gibt Schlimmeres als eine Lüge und es gibt Besseres als die Wahrheit!“ (S. 348) ist definitiv eine der Grundthematiken des Buches.

Einen kleinen Punktabzug gibt es von mir nur dafür, dass es mir teilweise schwer fiel, mich in Marchettas Schreibstil einzufinden. Zwar findet man oftmals wunderschöne Abschnitte, Vergleiche und Beschreibungen, doch ab und zu musste ich einen Satz zweimal lesen um nicht aus Versehen etwas zu übersehen.
Nachdem ich mich allerdings eingefunden hatte, blieben nur all die oben erwähnten, positiven Aspekte dieser schönen Fantsygeschichte. Enden möchte ich meine Rezension deshalb mit einem der bildlich starken Momente des Buches, der noch einmal aufgreift, wie wichtig es für Finnikin und Evanjalin ist, eine Möglichkeit zu finden, wieder zurück nach Lumtere zu gelangen:
“Er hatte kräftige, zupackende Hände. Hände eines guten Handwerkers. Hände, die etwas erschaffen konnten. Aber hier war kein Ort, um etwas zu erschaffen. Hier konnten Hände nichts anderes tun, als Tote zu begraben.“ (S. 156)

Meine Leseempfehlung für alle, die einmal in das Genre High Fantasy hineinschnuppern möchten und eine Geschichte mit einer starken Protagonistin und lebensnahen Charakteren schätzen.

Bewertung: 4/5

Winterlicht von Melina Marchetta
537 Seiten (hardcover)
Verlag: Ravensburger Buchverlag
ISBN: 978-3473353347
17,95€

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