Rezension: Vatermord und andere Familienvergnügen

Rezension: Vatermord und andere Familienvergnügen

„Ich mag das Buch nicht die Spur, ich liebe es.“ – muss ich einmal in abgewandelter Form die Wörter aus ‚Vatermord und andere Familienvergnügen’ gebrauchen.

Das ganze Buch dreht sich um die Familie Dean, die in Australien ihr zu Hause und ihr Schicksal findet. Allesamt komische Käuze, allesamt auf ihre eigene Weise faszinierend.
Jasper Dean erzählt auf knapp 800 Seiten sein zermürbendes Leben mit seinem Vater Martin und lässt dabei kein noch so kleines Detail aus.
So beginnt alles, als Martin noch ein Kind war, das zunächst einmal jahrelang im Koma lag. Als er wieder aufgewacht war, musste er feststellen, dass er mittlerweile einen Bruder hatte: Terry. Terry entwickelte sich von einem seinen Bruder verehrenden, etwas merkwürdigen Kind zu einer Sportskanone und schließlich zu einem der am meisten gefürchteten und verehrten Verbrecher Australiens und wird bis über seinen Tod hinaus vom ganzen Volk bewundert. Martin hingegen stand immer im Schatten seines Bruders, wusste mit seinem Leben nicht so recht etwas anzufangen und tappte von einer verrückten Idee zur nächsten. Irgendwo zwischen der ersten unmöglichen Idee und seinem eher ungewöhnlichen Tod, traf er in Paris auf die verschrobene und wohl ein ewiges Mysterium bleibende Astrid – mit der er schließlich Jasper zeugte.
Und Jasper? Der ist mittlerweile ein erwachsener Mann und erzählt mal zum brüllen komisch, mal hochphilosophisch und mal vulgär wie er bis zum Ende seines Vater versuchte sich über seine Identität klar zu werden.
Klingt sehr verworren und nichtssagend? Ist es aber nicht!

Ich habe schon sehr, sehr lange kein so unglaublich wunderbares Buch mehr gelesen. Dabei ist es auf eine ganz unvergleichliche Art und Weise wunderbar. Es ist witzig, verrückt, melancholisch, zum Verrückt werden traurig, intelligent und anrührend.
Zwar ist Jasper der „Erzähler“ der Geschichte, aber diese fügt sich auch mal aus Tagebucheinträgen seines Vaters oder Teilen seiner Selbstbiografie zusammen. So kommt es immer wieder zu Perspektivwechseln und zu Sprüngen vom Jetzt in die Vergangenheit, die einem die einzelnen Charaktere näher bringen.
Und ich verspreche: man leidet mit jedem einzelnen der Dean-Männer mit. Obwohl Terry vor krimineller Energie nur so sprüht und seinen ganz eigenen Rachefeldzug mit vielen Toten führt, scheint er doch ein eigentlich guter Junge zu sein. Martin ist der wohl deprimierendste Mensch, von dem man je gelesen hat und kann immer wieder nur verwundert den Kopf darüber schütteln, was ihm alles passiert. Die bunte Palette reicht von „sich in die Falsche verlieben“ über „vergiftet werden“ bis hin zu „zufällig in einen Bandenkrieg geraten“ und „depressive Frau, die man nicht im geringsten mag, schwängern“. Sein Leben erscheint als eine einzige Farce und weckt den Eindruck, dass sein Pessimismus absolut angebracht ist.
Oder doch nicht? Denn obwohl er wie ein Ekelpaket daherkommt, hat er oft geniale Gedanken und weiß wohl selber nicht ob sein Verstand näher bei Genie oder Wahnsinn anzusiedeln ist.

Jasper steht nun mit seiner verkorksten Familie und einem nicht minder verkorksten Leben da. Während er sich unentwegt fragt ob er das Spiegelbild oder die verfrühte Reinkarnation seines Vaters ist, führt er uns Leser durch eine Geschichte, die einem den Atem raubt.
Ich habe laut gelacht, ich habe geweint und nun, da ich das Buch durch habe, fühle ich mich beinahe ausgebrannt. Man denkt mit, man denkt nach und man denkt weiter noch während man liest und ist begeistert, wie einfach große philosophische Fragen angegangen und überrumpelt werden. Eine Hommage an das Leben, den ewigen Kampf ums Überleben und an einige große Schriftsteller ergießt sich über jeden, der sich an die 800 Seiten herantraut und sich begeistern lassen will.
Mehr möchte ich über das Buch auch gar nicht preisgeben, weil jeder selber in diesen Familienepos abtauchen muss um zu verstehen, was es heißt ein wirklich, wirklich gutes Buch zu lesen. Manche der Ideen kann man für sich mitnehmen – zum Beispiel den Tatendrang etwas zu verändern – und manche sollte man sicher getrost schmunzelnd wieder vergessen – wie die quasidemokratische Verbrechenskooperative – aber wie auch immer man es dreht und wendet: dieses Buch gehört in jedes Regal!

Bewertung: 5/5


Vatermord und andere Familienvergnügen von Steve Toltz
800 Seiten (Hardcover)
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN: 9783421043894
22,95€

3 Comments
  • Laura
    Posted at 22:08h, 19 Juni Antworten

    Eine sehr schöne Rezension! Das Buch hört sich toll an. Die 800 Seiten machen mir zwar „etwas“ Angst…aber es wandert wohl auf die Wunschliste:)

  • Kari
    Posted at 08:32h, 25 Juni Antworten

    Das ist eine richtig tolle Rezi und das Buch wandert SOFORT auf meinen Wunschzettel! Die Lesezeit für 800 Seiten habe ich zwar momentan überhaupt nicht, aber man muss es ja auch nicht sofort kaufen :D

  • Sarah
    Posted at 11:53h, 27 Juni Antworten

    Danke euch beiden :)

    Ich hatte vor den 800 Seiten zunächst auch etwas Angst und hab mich gefragt ob eine Familiengeschichte wirklich so spannend sein kann, dass sie so viele Seiten füllt. Noch dazu: muss sowas nicht langweilig sein?
    Aber war es zum Glück ganz und gar nicht! Wenn ihr also das Buch irgendwann mal in die Finger bekommt: lest es unbedingt! :D

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