Rezension: Und in mir der unbesiegbare Sommer

Rezension: Und in mir der unbesiegbare Sommer

Und in mir der unbesiegbare Sommer von Ruta Sepetys
304 Seiten (Hardcover)
Verlag: Carlsen Verlag GmbH
ISBN: 978-3551582546
16,90€

Inhalt


„Litauen, Land der Helden…“

Mit fünfzehn hat man eigentlich furchtbar nichtige Sorgen. Wie zum Beispiel einen Jungen kennen zu lernen oder in der Schule gute Noten zu schreiben.
Doch Lina erlebt im Sommer 1941 etwas ganz Anderes in ihrem Heimatland Litauen. Ohne Vorwarnung nimmt die sowjetischen Geheimpolizei Linas Familie alles was sie haben: Genau zwanzig wie Schnee auf einer Herdplatte dahin schmelzende Minuten bleiben ihr, ihrer Mutter und ihrem 10 Jahre alten Bruder um das Wichtigste zusammen zu raffen, bevor sie aus ihrer Wohnung vertrieben und ins Ungewisse verschleppt werden. Der Vater, der zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause ist, kann seiner Familie nicht beistehen.

Es folgt eine bohrende Ungewissheit darüber, was jetzt auf Lina zukommt, als sie von einem Zwischenlager ins nächste verfrachtet wird. Denn schon längst ist klar, dass all die Menschen, die mit ihr und ihrer Familie dort in den Zügen sitzen, noch eine weite Reise vor sich haben. Doch wohin soll es gehen?
Auf der Reise in Richtung Polarkreis findet Lina sich plötzlich in riesigem Elend, Hunger und Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen wieder. Ihr bleibt nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und das Papier, auf dem sie ihre Reise dokumentiert…

Bewertung


Dank Ruta Sepetys taucht man mit „Und in mir der unbesiegbare Sommer“ tatsächlich in ein Kapitel Weltgeschichte ein, das erstaunlicher- und traurigerweise in der Schule oft übergangen wird und liest auf einfühlsame, mitreißende Art über das Schicksal vieler Menschen zwischen den Jahren 1940 und 1951.

Lina, die fünfzehnjährige Protagonistin, erzählt all ihre Erlebnisse dem Leser direkt und verschafft uns nach und nach ein Bild davon, was eigentlich geschehen ist. Sie selber muss praktisch über Nacht erwachsen werden und lernen für sich und andere zu sorgen, als sie plötzlich verschleppt und später zur Zwangsarbeit verurteilt wird. Dabei blitzen aber immer wieder Bruchstücke durch, die daran erinnern, wie jung sie eigentlich ist und wie schwer dieses Schicksal für sie sein muss. Das merkt man dann besonders, wenn sie sich an ihre Cousine Joana erinnert, der sie sich normalerweise immer anvertraut, oder wenn sie ganz in ihrer eigenen Welt aus Stift und Papier versinkt und zeichnet, was sie zu sehen bekommt. So ist ihre Erzählung auf viele Weisen ergreifend: zum einen natürlich die Thematik der Besetzung Litauens durch die Sowjets aber zu einem großen Teil auch dadurch, dass ihr Charakter unglaublich authentisch beschrieben wird.

Aber nicht nur Lina schließt man schnell in sein Leserherz; auch all die anderen Charaktere, und wenn sie auch nur winzige Nebenrollen haben, sprühen vor Lebendigkeit und sind so einzigartig, dass man sie so schnell nicht wieder vergisst. Ich denke dabei zum Beispiel an Linas tapfere Mutter, ihren kleinen Bruder, der viel zu schnell erwachsen werden musste, Nikolai Kretzky, der letztendlich beweisen konnte, dass man mit Menschlichkeit weiter kommt und auch Andrius, in den Lina sich inmitten der Not verliebt.

Besonders an der Erzählweise des Buches fand ich, wie man zwar unglaublich nah an den Charakteren dran war, dennoch doch Erinnerungsfetzen langsam die Möglichkeit bekamt, sich ein Gesamtbild zu machen. Lina weiß bei Weitem selber nicht was mit ihr und ihrem Land passiert, aber als aufmerksamer Leser reimt man sich ohne Probleme die groben Daten zusammen. So erfährt man zwar, dass Litauen (im Übrigen auch Estland, Lettland, Polen und Bessarabien) von Stalin besetzt wurde und auf der anderen Seite der Länder Hitler nach Europa griff, doch drückt Lina das Hauptmerkmal der Geschichte sehr passend aus: „Schwer vorstellbar, dass irgendwo in Europa der Krieg tobte. Wir fochten unseren eigenen Krieg aus…“ (S. 147).
Dass Ruta Sepetys den Weg gewählt hat über ein Einzelschicksal auf der Seite der Opfer zu erzählen was passierte und sich dabei ausgesprochen nahe an Fakten und Erfahrungsberichte Überlebender hielt, fesselt um einiges mehr als bloße Zahlen. Wobei 95.000 Deportierte aus 5 Ländern in nur einem Jahr natürlich auch für sich spricht.

Ich empfand „Und in mir der unbesiegbare Sommer“ als ein wirklich bewegendes Buch. Oft schnürt sich einem beim Lesen die Kehle zusammen, da man meint ganz nah dran zu sein und das Elend beinahe riechen zu können. Es erschüttert und erschreckt zutiefst mitzubekommen, wie Familien und einzelne Menschen plötzlich jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen. Dass das Buch dennoch nicht bloß traurig stimmt, liegt daran, dass die Hoffnung und der Stolz dieser Menschen einen auch als Leser aufrecht hält. Ein Charakter im Buch sagt so beispielsweise: „Wir sind kluge, würdevolle Menschen. Darum hat man uns deportiert.“ (S. 130) und beharrt darauf der Situation und den Sowjets besonnen und würdevoll zu begegnen. Auch kleine Taten der Menschlichkeit und des Zusammenhaltes zeugen davon, dass diese Geschichte nicht bloß deprimeirt.

Einen Wehrmutstropfen gibt meiner Meinung nach allerdings das Ende ab. Denn so abrupt, wie die Erzählung plötzlich aufhört, war ich gar nicht darauf vorbereitet. Eigentlich reichen die knapp 300 Seiten auch für Linas Geschichte – noch mehr ist gar nicht nötig um ein Gespür für das zu bekommen, was die Autorin uns mitteilen möchte – doch überrumpelt es einen beim Lesen doch wie unerwartet ein Zeitsprung stattfindet.

Wer also auch einmal ein Buch mit ernster Thematik lesen möchte, dem rate ich sehr gerne zu „Und in mit der unbesiegbare Sommer“. Rührend, authentisch und klug erzählt uns Ruta Sepetys etwas über Geschichte, von der die meisten Menschen einfach keine Ahnung haben. Gerade, weil bei uns in Deutschland für diese Jahre das Thema Nationalsozialismus eine Monopolstellung zu haben scheint, empfinde ich es als wichtig auch etwas über „die andere Seite“, die Länder, welche vom Kommunismus überrollt wurden, zu erfahren.

In Sternen: 4/5

Über die Autorin


Ruta wurde zwar in Detroit (USA) geboren, doch mit ihrem ausländisch klingenden Namen fiel sie immer auf. So war es für sie nichts Ungewöhnliches fremden Leuten zunächst einmal erklären zu müssen, dass ihr Name litauisch sei und ihre Familie von dort stamme. Sie wuchs in einer Familie auf, die nicht nur litauisch war, sondern auch von Anfang an voller Künstler, Musiker und Buchliebhaber. Mit „Und in mir der unbesiegbare Sommer“ verbindet sie nun endlich ihre Interessen und ihre Geschichte zu einem Buch, das nicht nur unterhalten, sondern auch allen, denen damals Unrecht getan wurde, eine Stimme verleihen soll.

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