Rezension: The Replacement

Rezension: The Replacement

Scheren, Messer, Autos,… in unglaublich vielen Teilen unseres Alltags ist irgendwo Eisen verarbeitet. Was wäre wohl, wenn die bloße Gegenwart des Metalls dir schon Übelkeit verursachen würde?

Mackie Doyle hat dieses Problem. Nicht einmal Blut darf ihm zu Nahe kommen, denn auch darin sind winzige Eisenpartikel enthalten. Dass er ausgerechnet in der Stadt Gentry, die früher für ihren Stahl bekannt war, lebt, macht ihm den Alltag nicht unbedingt leichter. Ganz abgesehen davon, dass er unter keinen Umständen auffallen darf – denn das könnte böse Enden.
Seine Schwester Emma und seine Eltern haben sich vielleicht damit abgefunden, dass Mackie nicht wirklich ihr Sohn und Bruder ist, aber das kleine, düstere Geheimnis, das die Stadt hütet, funktioniert nur, so lange Schweigen und der Schein der Normalität bewahrt werden. Denn Mackie ist ein Wechselbalg. Als Baby aus den dreckigen Tunneln unter der Stadt in die Krippe eines Menschenkindes gelegt. Der echte Mackie Doyle dafür entführt und nie wieder aufgetaucht.

Die Aufmerksamkeit niemals auf sich zu ziehen, gelingt Mackie eigentlich ganz gut. Schwierig wird es erst, als die kleine Schwester von Tate, einer Mitschülerin Mackies, stirbt. Das Mädchen ist davon überzeugt, dass nicht wirklich ihre Schwester gestorben ist, sondern… etwas Anderes. Etwas Fremdes. Sie durchbricht die stillen Regeln der gut funktionierenden Stadt und wendet sich an Mackie – er soll ihr helfen herauszufinden was mit ihrer Schwester wirklich passiert ist und verlangt von ihm endlich auszusprechen, was in Gentry definitiv schon seit Jahrzehnten falsch läuft.
Der Sechzehnjährige muss sich also entscheiden ob es an der Zeit ist das Schweigen für seine Mitschülerin zu brechen oder ob er weiterhin versucht sich unauffällig in der Stadt zu bewegen…


Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch das doch sehr auffällige Cover. Etwas makaber und dennoch sofort geheimnisvoll-anziehend kommt der silberne Umschlag mit dem Kinderwagen im Nebel daher, über dem auch noch allerhand Kinder-unfreundliche Sachen baumeln.
Oben am Rand des Schutzumschlages steht sogar noch „Something’s rotten beneath the town of Gentry…“. Schaurig.
Wie der schöne Schreibstil der Autorin Brenna Yovanoff aber schnell erkennen lässt, ist nicht nur UNTER der Stadt etwas faul, sondern definitiv auch oberhalb. Mit ausführlichen Beschreibungen der Umgebung und gezielt eingesetzten Worten, kommt man als Leser nicht umhin Gentry als eine hässliche Stadt wahrzunehmen. Dem Verfall ausgesetzt, irgendwie düster und ungemütlich.
Umso erstaunlicher ist es den Charakteren des Buches zu begegnen. Mackie selber wirkt zunächst etwas farblos und da von Anfang an nicht verheimlicht wird, dass er ein Wechselbalg ist, bleibt auch der größere Überraschungseffekt weg. Dafür werden aber alle auftretenden Personen sehr liebevoll und interessant gezeichnet: Mackies Vater, der Pfarrer, seine Schwester, die ihn liebt obwohl er offensichtlich nicht ihr Bruder ist und nicht zuletzt auch sein bester Freund Roswell, der ohne Fragen zu stellen schon seit Jahren die Eigenarten des Anderen akzeptiert und immer für ihn da ist.
Ein besonderes Highlight (oder eher: DAS Highlight) im Buch ist allerdings Tate. Sie tritt als sehr energischer, mutiger und eigenwilliger Charakter auf. Sie ist die Einzige, die es nach dem Tod ihrer vermeintlichen Schwester satt ist das Schweigen weiter zu akzeptieren. Zu offensichtlich ist es, dass jeder Einwohner der Stadt weiß, dass ab und zu Kinder verschwinden und durch fremde ersetzt werden… und nur keiner darüber redet. Ihre Art und Weise macht sie zur Sympathieträgerin im Buch, denn gegen sie hat der zurückhaltende und manchmal etwas farblose Protagonist Mackie keine Chance.

Ebenfalls sehr gut gelungen finde ich im Buch die weniger offensichtlichen Themen – die Botschaften zwischen den Zeilen. So mag es überraschen, dass die Bewohner aus den schlammigen Tunneln unter Gentry nicht unbedingt durch und durch böse sind, die Menschen oberhalb allerdings auch nicht die armen Opfer. Reflektiert man im Nachhinein etwas das Gelesene ist es doch interessant Yovanoffs Kritik an der Gesellschaft die nach einem perfekten, sorgenfreien Leben strebt, wahr zu nehmen.

Dennoch tue ich persönlich mich etwas schwierig mit der Bewertung. Die Geschichte ist in der Metaebene sehr gelungen, wirkt oberflächlich jedoch bisweilen etwas schleppend und konstruiert. Die Charaktere bestechen auf ihre Weise, doch ausgerechnet mit dem Protagonisten kann man nicht viel anfangen. Der Schreibstil ist atmosphärisch, düster, bildlich und macht Spaß. Nicht selten hatte man beim Lesen das Gefühl einen gut gemachten Gruselfilm zu betrachten – doch das gewisse Etwas, damit richtige Spannung aufkommt, fehlte.

Deshalb vergebe ich 3,5 (bzw. 3 weil ungerade Bewertungen nun mal etwas wischiwaschi sind) von 5 Sternen und kann empfehlen, die Autorin weiter im Auge zu behalten. Ohne Frage hat Brenna Yovanoff großes Talent zum Schreiben und man darf gespannt sein, was ihre nächsten Projekte angeht. Ach ja, und nur für alle mittlerweile von Serien genervten Leser: The Replacement (bzw. auf Deutsch „Schweigt still die Nacht“) ist ein Einzelband und wird auch einer bleiben.

Bewertung: 3/5

The Replacement von Brenna Yovanoff
352 Seiten (Hardcover)
Verlag: Razorbill
Sprache: Englisch
ISBN: 978-1595143372
12,95€

3 Comments
  • Pia
    Posted at 21:39h, 04 Februar Antworten

    Der Inhalt würde mich brennend interessieren und auch, wenn du zwar nicht richtig begeistert von dem Buch warst, ich werde mir mal meine eigene Meinung bilden :) Ich bin noch am überlegen, ob ich es eher auf englisch oder eher auf deutsch lesen soll…

  • Caro
    Posted at 17:49h, 05 Februar Antworten

    Hi,
    ich habe dir einen Award verliehen:
    http://buecherohneende.blogspot.com/2011/02/mein-zweiter-award.html
    Liebe Grüße Caro

  • Cara
    Posted at 22:50h, 14 Februar Antworten

    Diese Meinung habe ich nun schon des Öfteren gehört. Das Cover ist ja nun wirklich gelungen und macht mich neugierig, aber alle Rezensionen, die ich bisher gelesen habe, bewerten das Buch irgendwie als mittelmaß. Mal sehen, vielleicht stolpere ich in der Bücherei mal drüber. Dann darfs mit.

    lg, Cara

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