Rezension: The Forest

Rezension: The Forest

Es ist ein beklemmendes Szenario, das uns Leser erwartet: Mary lebt in einem kleinen Dorf, vollkommen isoliert. Nur von einem Drahtzaun umgeben werden die simplen Holzhütten und das große steinerne Anwesen der Schwesternschaft vor den Ungeweihten geschützt.

Die Ungeweihten, das waren einst ganz normale Menschen, die sich aber durch einen Biss infizierten, starben und schließlich „zurückkehrten“. Als schlurfende Untote mit fortwährendem Hunger auf Fleisch.

In ihrem Dorf geht Mary eigentlich einem relativ normalen Leben nach: sie erledigt die ihr zugeteilten Aufgaben, schwärmt heimlich für den gleichaltrigen Travis und kümmert sich um ihre Mutter, die, seit sie ihren Mann an die Ungeweihten verlor, ihre Tage lethargisch vor dem Zaun wartend verbringt. Immer auf der Suche nach dem bekannten und geliebten Gesicht, das sie nie wieder in die sicheren Grenzen des Dorfes zurückholen kann.

An jenem Tag kurz vor dem Erntefest im Herbst allerdings ändert sich Marys Welt für immer: nur einen Moment ist sie nicht aufmerksam, da geht ihre Mutter zu nahe an den Zaun und infiziert sich ebenfalls.
Vom Bruder aus Wut verstoßen, muss Mary sich der streng gläubigen Schwesternschaft anschließen – dabei träumt sie eigentlich nur von einem Leben in Freiheit mit Travis, am Meer, so wie ihre Mutter es ihr als Kind immer in ihren wunderbaren Geschichten erzählt hat.
Als schließlich die Ungeweihten den Zaun durchbrechen und im Dorf Panik ausbricht, muss Mary entscheiden ob sie den Mut hat sich auf die Suche nach dem Meer zu machen…

Ich bin mit Spannung an das Buch herangegangen und wurde leider enttäuscht.

Der Schreibstil von Carrie Ryan ist, gerade zu Beginn, durchdringend intensiv. So wird schnell die Beengtheit des Lebens der Menschen in dem Dorf klar: immer umgeben von der Gefahr, immer beschränkt auf das, was sie in ihrer nächsten Umgebung haben. Mary kennt kein Leben außerhalb des Dorfes im Wald und kann sich nicht einmal vorstellen, wie unendlich weit das Meer sein muss. Es wird zu einem Symbol für ihren Freiheitswunsch und der einzige Grund, der sie dazu antreibt die erstickende Enge der Sicherheit zu verlassen.
Die streng gläubige Schwesternschaft hat im Dorf allerdings alle Fäden in der Hand. Sie regeln die Vergabe von Nahrungsmitteln, vereinbaren Heiraten um den Fortbestand der Menschen zu sichern und erzählen unermüdlich, dass es Gottes Wille sei, dass sie als letzte Menschen der Erde überleben und innerhalb der Mauern des Dorfes bleiben.

Beim Lesen kam ich einfach nicht umhin einige mir bereits bekannte, ähnliche Szenarien mit der Geschichte zu vergleichen, da immer wieder Ähnlichkeiten auftraten. Das Dorf, zum Beispiel, stelle ich mir ähnlich vor wie im Film „The Village“: schlicht, von einem ständigen dicken Nebel und einer mystischen Bedrohung umgeben. Die Ungeweihten – oder nennen wir es einfach beim Namen: Zombies – hatten in ihrer Beschreibung hingegen etwas von „I am legend“. Das Infizieren mit einem Virus, der sich über die gesamte USA und dann den Rest der Welt ausbreitete, ließ die ersten Untoten erst entstehen.
Und obwohl man beim Lesen dieses durchaus imposante und schauerliche Bild vor Augen entwickelt, konnte die Geschichte nicht mithalten.

Nachdem Mary und ein paar andere Menschen dem Angriff der Ungeweihten entkommen konnten, finden sie sich in einem Gangsystem wieder, das direkt von ihrem Dorf aus in die Weite führt. Nicht versteckt, sondern oberhalb der Erde und ebenfalls umgeben von einem hohen Zaun. Jeder Bewohner des Dorfes hat das Tor zu diesem Gang schon mal gesehen, aber noch keiner hat es je durchschritten weil man sich nicht sicher war, was sich dahinter verbirgt.

Da fangen für mich die Probleme mit der Geschichte an. Mary berichtet nämlich gleich zu Anfang, dass sehr wohl schon mal spekuliert wurde, wo dieser Gang hinführt, ihn aber einfach noch nie jemand benutzt hat. Ich frage mich schlicht: warum? Wenn er offensichtlich auch durch einen Zaun geschützt ist, hätte ihn in all den Jahren der Isolation doch wenigstens ein Mutiger entlang wandern müssen… oder wollen.

Es werden zwar viele Andeutungen gemacht, dass die Schwesternschaft durch ihre eiserne Kontrolle und Manipulation dies verhindert haben könnte, doch näher wird nicht darauf eingegangen. Auch die oft erwähnten „Geheimnisse“ der Schwesternschaft werden nicht weiter geklärt und nach dem Verlassen des Dorfes lassen Mary und die Anderen scheinbar alle ihre Fragen genau so wie ihre alten Häuser zurück. Wir Leser bleiben an dieser Stelle etwas irritiert zurück. Warum wird denn nicht ansatzweise geklärt, was nahezu die gesamte erste Hälfte des Buches so spannend angedeutet wird?

Folgend entwickelt das Buch sich zu einem monotonen Gang durch das Zaunsystem. Diejenigen, die dem Angriff der Ungeweihten entkommen konnten, laufen tagein, tagaus sicher zwischen den Zäunen umher und suchen einen Ort an dem sie bleiben können.
Zwar scheint die Geschichte kurzzeitig wieder an Spannung aufzunehmen, das Tempo bleibt aber weiter schleichend und eintönig, sodass man sich als Leser anfängt zu fragen, was eigentlich die Intention der Protagonisten ist.
Sogar interessante Ansätze, die immer mal wieder auftauchen, werden sofort im Keim erstickt. So fragt sich Mary einmal, ob es möglich wäre ihre Vorstellung von Gott von der Schwesternschaft zu trennen. Sie philosophiert ungefähr zwei Sätze lang darüber ob es mehr auf der Welt gibt als das, was sie in ihrem kleinen Dorf diktiert bekommen hat, lässt diesen Gedanken aber schnell wieder fallen und führt ihn nicht weiter.

Ich hatte erwartet eine Geschichte zu lesen, in der der Wunsch der Protagonistin nach Freiheit für spannende Überlegungen sorgt. Das ganze Thema hat so unendlich viel Potential, dass es umso mehr schockiert, dass sich alles in sinnloser Monotonie ergibt.

Das Ende kommt dann überraschend plötzlich und wirkt ähnlich sinnlos wie der größte Teil der Geschichte.

Von mir bekommt das Buch gerade noch zwei Sterne, weil der Anfang wirklich fesselnd ist und die Thematik Spielraum für eine faszinierende Geschichte geben könnte. Leider wurde das nur überhaupt nicht umgesetzt und eine Leseempfehlung gebe ich dieses Mal nicht.
Wer weiß: das Ganze soll ja eine Trilogie werden (obwohl der 2. Band schon etliche Jahre später spielt) und vielleicht entwickelt sich da noch etwas. Falls ich die Fortsetzungen einmal in die Hände bekommen sollte, berichte ich gerne weiter.

Bewertung: 2/5


The Forest – Wald der tausend Augen von Carrie Ryan
400 Seiten (Hardcover)
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570160497
16,95€

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