Rezension: Swoon

Rezension: Swoon

Swoon von Nina Malkin
432 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Simon Pulse
Sprache: Englisch
ISBN: 978-1416998013
7,00€

Inhalt


Eine kleine, beschauliche Stadt in Neuengland. Gelangweilte reiche Jugendliche… und plötzlich das Chaos.
Dice, die erst vor kurzem nach Swoon, neben ihre Tante und Cousine, gezogen ist, staunt nicht schlecht, als es so unerwartet mit dem ruhigen Leben vorbei ist. Denn an einem Nachmittag klettert ihre Cousine Pen im Drogenrausch auf einen Baum, fällt herunter und ist fortan von einem Geist besessen. Dieser seit über 200 Jahren tote junge Mann kommt nämlich mit nur einem Ziel zurück in seine Stadt: Rache für das, was die Stadtväter damals ihm und seiner Freundin angetan haben. Und obwohl von Anfang an klar ist, dass Sin nichts als Ärger bedeutet, baut Dice mit ihren sensiblen und seherischen Fähigkeiten eine Verbindung zu ihm auf. Als sie ihn mehr aus Versehen als gewollt auch noch aus ihrer Cousine exorziert und ihm dadurch seinen eigenen Körper zurückgibt, verliebt sie sich Hals über Kopf in ihn. Doch seine dunklen Rachepläne gefährden jeden einzelnen in der Stadt – darunter auch Dice Cousine und ihre Freunde…

Bewertung


Als „sexy“ und „verführerisch“ wird dieses Young Adult Buch (= Jugendbuch ab 16) beschrieben, doch überzeugen kann es trotz der einprägsamen Anpreisungen auf dem Buchcover bei Weitem nicht.

Zunächst einmal ist Dice eine sehr unsympathische Protagonistin. Warum sie überhaupt von New York nach Neuengland zieht, wird erst gegen Ende verraten und so ist dieses ganze Thema ein rotes Tuch, welches bis zur unerwarteten Auflösung eigentlich gar nicht angesprochen wird. Somit sind ihre Hintergründe dem Leser völlig unbekannt und man konzentriert sich ganz auf die Gegenwart, in der sie leider keinesfalls einen guten Eindruck hinterlässt. Denn abgesehen davon, dass sie mit ihrer Cousine zusammen gerne Drogen konsumiert, sich betrinkt und Jungs hinterhergafft, erfährt man zu Beginn nicht mehr über die Siebzehnjährige. Viel mehr Informationen kommen auch im Verlauf der Geschichte nicht unbedingt hinzu, denn ihre Gedanken- und Gefühlswelt wird allerhöchstens oberflächlich angekratzt. Aus diesem Grunde bleibt einem hauptsächlich in Erinnerung, dass sie zwar mit ihrer Cousine eng befreundet ist, sie jedoch ständig als „hohl“ und „dumm“ bezeichnet, gerne Gras raucht, viel Unsinn macht und noch dazu sich selber für viel tiefgründiger und cleverer als die anderen Jugendlichen der Stadt hält.

Sinclair Youngblood Powers, kurz Sin, ist ebenfalls ein beinahe grotesk unsympathischer Charakter. Als er auftaucht (zunächst noch im Körper von Dices Cousine Pen), merkt man schon, dass er etwas im Schilde führt. Zumindest spielen alle Leute in seiner Umgebung völlig verrückt und benehmen sich plötzlich noch mehr daneben, als sie es eh schon tun. Später wird dann geklärt, warum er überhaupt Rache nehmen will und was genau damals vorgefallen ist, doch auch, wenn diese Geschichte traurig ist und durchaus Mitgefühl hervorruft, macht sein Verhalten dies gleich wieder zunichte.

So ist es auch völlig unverständlich, warum Dice sich so unsterblich in den Geist verliebt. Tatsächlich scheint er eine unglaubliche Anziehungskraft auf so ziemlich alle weiblichen Charaktere zu haben (was an seinen Fähigkeiten liegt), doch da Dice sich dieser Tatsache bewusst ist, fällt sie nicht unter die unwillig beeinflussten Mädchen. Im Gegenteil: mit offenen Augen nimmt sie wahr, wie Dice eine Gefahr für die gesamte Stadt ist und wie ekelhaft er sich Menschen gegenüber verhält, die eigentlich nichts dafür können, was ihre Vorfahren vor hunderten von Jahren verbrochen haben, und verzeiht im dennoch vor blinder Liebe alles.

Dieses unlogische Verhalten und das Klammern an nicht nachvollziehbare Gefühle, erreichte für mich den Gipfel in einer Szene im Altersheim.

[spoiler]Dort übt Sin Rache am Besitzer des Alterheims, indem er das Gebäude einfach niederbrennt. Alle Einwohner des Heims sind noch zugegen und während die alten Leute um ihr Leben kämpfen, steht Sin dazwischen und lacht irre. Zwei Menschen sterben, viele weitere werden schwer verletzt – alles nur, um den Besitzer des Heims finanziell zu ruinieren.[/spoiler]

Dice bekommt dies alles mit und ist trotzdem nicht geschockt. Zwar sagt sie dem Geist immer, dass sie ihn stoppen will und dass sein Verhalten nicht richtig sei… aber dennoch geht sie ganz normal mit ihm um und beharrt darauf, ihn aus ganzem Herzen zu lieben.

Ebenso schockierend ist meiner Meinung nach alles, was immer wieder in der Geschichte erwähnt wird. So scheinen alle Jugendlichen der Stadt ein ernsthaftes Drogenproblem zu haben, denn abgesehen vom Alkoholmissbrauch, werden illegale Drogen wie Cannabis, Koks, Crystal und Ecstasy ganz selbstverständlich konsumiert.

Ob dies nun eine Folge von Sins Einfluss auf die Stadt sein mag oder nicht – sowohl die Drogenexzesse als auch die Sexorgien, die hier immer wieder thematisiert werden, haben meiner Meinung nach in einem Jugendbuch rein gar nichts verloren wenn sie ungestraft und nicht einmal mit einem Funken Kritik erzählt werden. So schauen die Schüler in einer Szene gemeinsam Pornos und das Ganze artet, dank Sins Magie, zu einer Orgie aus. Als Leser sitzt man dann mit einem etwas entgleisten Gesicht vor dem Buch und fragt sich, warum immer wieder so übersexualisierte Szenen eingebaut werden müssen. „Swoon“ kommt so eigentlich tatsächlich ähnlich wie ein Schmuddelfilmchen daher: viele versaute Bildchen aber leider wenig Geschichte.

Zwischendurch war ich in der Tat versucht das gesamte Buch als eine Parodie abzustempeln. Zu offensichtlich obszön und verstörend sind die Charaktere oberflächlich und unsympathisch, die Handlung wenig sinnvoll und sogar die Sprache mehr als gewöhnungsbedürftig. Denn Nina Malkin legt Wert darauf ihre Charaktere wie ungebildete Gossenkinder sprechen zu lassen – obwohl alle aus gutem Hause kommen und (was immer wieder ausdrücklich Erwähnung findet) der Oberschicht angehören. Wie also könnte man es anders deuten als ein ins Lächerliche ziehen von Klischees? Ganz einfach: als das, was es ist. Ein wirklich miserables Buch. Denn so gerne ich auch meine Parodie-Theorie bestätigt gesehen hätte, so wenig Anhaltspunkte gibt es dafür. Das Buch scheint sich selber wirklich ernst zu nehmen und das macht die gesamte Handlung einfach nur abstoßend.

Es gibt an der gesamten Geschichte eigentlich nur zwei Punkte, die ich als interessant (und somit Pluspunkte) nennen kann. Zum einen ist das die offensichtliche „nomen est omen“ Idee: Sinclair Youngblood Powers wird kurz einfach „Sin“ (= Sünde) gerufen, er ist außerdem jung (Youngblood –> young blood = junges Blut) und hat eine unwiderstehliche Macht (= power) über die Stadt. Die Stadt selber versinkt im Chaos und begegnet den sündigen Veränderungen ohnmächtig (Ohnmacht = swoon). Dice hingegen heißt eigentlich Candice. Ihr Kosename kann damit in Verbindung gebracht werden, dass sie sich als Einzige einmischt und dadurch, dass sie Sin überhaupt erst einen Körper gegeben hat, die ganze Katastrophe ins Rollen gebracht hat (Sie hat sozusagen die Würfel = dice in der Hand).

Außerdem interessant ist die tatsächliche Geschichte von Sin und seiner Freundin. Zu erfahren, was genau damals passierte und welches Unrecht den jungen Erwachsenen getan wurde, ist durchaus lesenwert und die wohl einzige tiefsinnige Stelle im Buch.

Zusammengefasst ist „Swoon“ also eher weniger etwas für Leser, die eine interessante und andersartige Fantasygeschichte lesen wollen. Meiner Meinung nach kann eine Geschichte auf viele Weisen sexy und verführerisch erzählt sein… „Swoon“ allerdings ist weder das Eine, noch das Andere. Platt, nervig, nicht nachvollziehbar. Von der Fortsetzung werde ich die Finger lassen.

In Sternen: 1/5

4 Comments
  • Stephie
    Posted at 18:00h, 10 August Antworten

    Klingt ja wirklich grauenhaft, liest sich aber köstlich! (Die Rezension meine ich)

    Das mit dem Drogenkonsum und dem vielen Sex erinnernt mich ein wenig an den Film ‚LOL‘, wo es mich auch total gestört hat, dass es bei 14-Jährigen als das natürlichste von der Welt hingestellt wurde, ständig zu kiffen und sich durch die Schule zu vögeln. Aber da geht es ja offensichtlich nicht nur mir so

  • Lena
    Posted at 19:07h, 10 August Antworten

    Danke für die Rezi, die wirklich toll geschrieben ist. Ich hatte das Buch eigentlich schon lange auf meinem Wunschzettel stehen, weil mich sowohl das Cover als auch die Inhaltsangabe sehr angesprochen haben. Doch jetzt mache ich doch lieber einen Bogen um das Buch.

    Wie findest du denn ‚Das Parfum‘ bisher? Musstet ihr das damals nicht in der Schule lesen? Ich fand es einfach nur grauenhaft, was sicherlich nicht nur daran lag, dass ich es lesen MUSSTE. Das Lesen war für mich die reinste Qual. Patrick Süskind schmeißt doch in der Geschichte nur so mit Beschreibungen um sich und Dialoge gibt es kaum. Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, was alle an diesem Buch finden.
    Bin auf jeden Fall schon sehr auf deine Rezi gespannt :-)

  • Rishu
    Posted at 13:27h, 11 August Antworten

    Ich hatte schon eine andere Rezension zu dem Buch gelesen, die ähnlich kritisch ausgefallen ist. Aber deine Beschreibungen klingen noch grauenvoller! Wie kann man sowas nur schreiben, geschweige denn wie kann ein deutscher Verlag das Buch auch noch gut genug zur Veröffentlichung finden? *kopfschüttel*

  • Damaris
    Posted at 22:16h, 16 August Antworten

    Super Rezi! Besonders deine Aufschlüsselung der Namen gefällt mir gut :-) Das Buch selbst klingt schrecklich, die Szene im Altersheim geht gar nich! Und auch Sexorgien u. Drogenexzesse halte ich in einem Jugendbuch für fragwürdig!
    LG,
    Damaris

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