Rezension: Sternenwandler

Rezension: Sternenwandler

Um der Gewalt zu Hause zu entkommen, flieht die sechzehnjährige Tori mitten in der Nacht auf ein großes Feld. Ihren Geburtstag hatte sie sich eigentlich nicht so vorgestellt, aber nun bleibt ihr nichts anderes übrig als einsam ein paar Pirouetten zu drehen um so ihren Sorgen für einige Augenblicke entkommen zu können.
Ein Mädchen alleine mitten in der Nacht auf einem Feld, tanzend – das ist an sich schon bizarr genug, doch als auch noch ein paar betrunkene Jungen aus ihrer Schule auftauchen und ihr zu Nahe kommen, geschieht etwas für Tori Unbegreifliches: ein braunes Pferd bricht aus dem nahe gelegenen Waldrand hervor und wirkt, als wolle es das Mädchen instinktiv schützen. Tatsächlich lassen Liam und seine Freunde von Tori ab, doch das Pferd wird am Kopf verletzt, fällt benommen zu Boden… und verwandelt sich vor ihren Augen in einen ziemlich nackten Jungen. Um genau zu sein in den ziemlich nackten neuen Schüler ihrer Schule: Cam.
Dass sie sein Geheimnis kennt und sich auch noch zu ihm hingezogen fühlt, ist für Tori schließlich ebenso aufregend wie gefährlich, denn Cam ist nicht der einzige „Sternenwandler“ und eine große Firma ist den Gestaltenwandlern viel zu nahe auf der Spur…

Ich gebe zu, dass mich der Klappentext zunächst etwas abgeschreckt hat. Schon wieder so ein triefig-kitschiger Fantasyroman. Aber dem ist zum Glück nicht so!
Tracy Buchanans Schreibstil ist sehr bildlich und schön zu lesen. Sie versteht es Kleinigkeiten durch gekonnte Vergleiche und Beschreibungen zu etwas Besonderem werden zu lassen – und es ist eine Wohltat ein Buch mit so schöner Sprache zu lesen. Sogar die Dialoge der Jugendlichen wirken nicht verkrampft „hip“ oder sind auf der anderen Seite viel zu erwachsen. Sie trifft genau die Tonart, die man bei Sechzehnjährigen erwarten würde und verleiht ihren Charakteren so die nötige Glaubhaftigkeit.

Tori selber ist weit entfernt von einem Leben auf der Sonnenseite – und das gefällt mir an ihr als Protagonistin besonders gut. Im Buch wird nicht nur das Thema ihrer Liebe zu Cam breitgetreten, sondern es kommen auch ernstere Themen wie häusliche Gewalt und Emanzipation, Vertrauen, Eifersucht und Familienzusammenhalt am Rande zur Sprache. So wie sie selber, sind auch ihre Eltern und Cam realitätsnah beschrieben und machen es dem Leser leicht eine Verbindung zur Geschichte zu finden.

Interessant war auch die Herangehensweise der Autorin an das Fantasy-Thema des Buches. Es geht um Gestaltwandler, die sich in jede beliebige lebendige Form verwandeln können. Dabei wird das „wie“ und „warum“ tatsächlich nicht übergangen und macht einen Großteil der Geschichte aus. Wissenschaftlich versucht Tracy Buchanan zu klären was es mit den Verwandlungen auf sich hat und wie es dazu kommen kann. Normalerweise bin ich von wissenschaftlich angehauchten Fantasy- oder SciFi-Büchern ein riesengroßer Fan. Nur deshalb gefiel mir zum Beispiel „Jurassic Park“ damals so gut. Allerdings stört es mich immer etwas, wenn ich selber beim Lesen merke, dass die Erklärungen… nun ja… hinken. Wer absolut keine Ahnung von Naturwissenschaften hat, könnte sich mit der hier gebotenen Lösung natürlich zufrieden geben, ich selber bin wohl etwas zu sehr Fachidiot geworden während des Studiums und musste ab und zu lächeln bei der Vorstellung, dass tatsächlich die im Buch dargelegte Lösung realistisch wäre. Wer also besonderen Wert auf realitätsnahe Erklärungen legt, könnte hier etwas daneben greifen – aber um ehrlich zu sein: man liest ja auch kein Fantasy und möchte es hundertprozentig logisch haben.

Widerum sehr schön beschrieben finde ich die Beziehung zwischen Cam und Tori. Kein überstürztes „Ich-liebe-dich-auf-ewig“ und kein übertriebenes Rumgesülze. Eine (beinahe) normale Beziehung zwischen zwei Teenagern wächst hier langsam und ist mit allen seinen Höhen und Tiefen besonders glaubwürdig. Nicht immer ist alles rosarot und ein ums andere Mal hängt die Beziehung am seidenen Faden. Dafür bedanke ich mich bei Tracy Buchanan und kann allen geschädigten Kitschopfern versichern, dass hier alles ganz ungezwungen und natürlich beschrieben wird.

Bis auf ein paar Slapstick-Stellen, die ich persönlich überflüssig fand und die wissenschaftliche Erklärung, die sich selber allzu ernst nimmt, bin ich sehr froh „Sternenwandler“ gelesen zu haben. Eine durchweg schön geschriebene, spannende und interessante Geschichte, deren Fortsetzung hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt!

Bewertung:4/5


Sternenwandler von Tracy Buchanan
343 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492259453
9,95€

2 Comments
  • Stephie
    Posted at 20:10h, 21 Februar Antworten

    Erst wollte ich ja sagen, dass ich es nun unbedingt lesen will, aber soll der letzte Satz bedeuten, dass es definitiv eine Fortsetzung geben wird?

  • admin
    Posted at 20:14h, 21 Februar Antworten

    Also das Ende des Buches ist relativ offen und kingt schon nach einer Fortsetzung. Direkt fest steht aber wohl noch nichts. Tracy Buchanan selber sagt auf ihrer Homepage dazu: „Oh, and of course, I’m always thinking about the sequels to STERNENWANDLER which a few of you German readers have been hankering after.“ Momentan schreibt sie noch an einem anderen Buch und hat danach auch noch ein weiteres in Planung, das nichts mit Sternenwandler zu tun hat. Insgesamt kann man das Buch auch als Einzelband sehen und braucht nicht unbedingt eine Fortsetzung. Allerdings ist es nur als Taschenbuch erschienen und ich weiß ja, wie ungerne du die kaufst ;)

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