Rezension: Stadt aus Trug und Schatten

Rezension: Stadt aus Trug und Schatten

Stadt aus Trug und Schatten von Mechthild Gläser
412 Seiten (Hardcover)
Verlag: Loewe Verlag
ISBN: 978-3785574027
17,95€

Inhalt


Wer behauptet, dass Schlaf Zeitverschwendung sei?
Flora muss plötzlich feststellen, dass sie mitten am Tag als Einzige merkwürdige Schatten in der Essener Innenstadt wahrnimmt. Als wäre das nicht schon beängstigend genug, fällt sie in dieser Nacht träumend in die Stadt Eisenheim – einen schwarz-weißen Ort, an den alle Seelen im Schlaf wandern. Die meisten Menschen erwachen am nächsten Morgen und erinnern sich an nichts, doch Flora erwacht als eine Wandernde und erlebt bewusst mit, was in Eisenheim vor sich geht. Und das ist nicht gut. Denn wie sich herausstellt, hat ihre Seele dort einiges angestellt, was erklärungsbedürftig ist: nicht zuletzt hat diese den Weißen Löwen, einen mächtigen magischen Stein, vom Regierungsoberhaupt in Eisenheim gestohlen und versteckt. Hinzu kommt der freche Finne Marian, der nicht nur in der Stadt der Träume immer wieder auf Flora trifft, sondern plötzlich auch tagsüber vor ihrer Haustür auftaucht. Doch anstatt sie auf all diese Probleme vorzubereiten und Erklärungen zu geben, hat Floras Seele ihr nur einen mysteriösen Brief hinterlassen, in dem sie schreibt: „Trau niemandem“…


Bewertung


Mechthild Gläsers schafft einen ungewöhnlichen Jugendroman. Ein Buch, das durch neue Ideen und mit dem Ruhrgebiet als Schauplatz überzeugt.

Flora ist eine niedliche Protagonistin. Sie ist trotz ihrer siebzehn Jahre winzig klein und tanzt gemeinsam mit ihrer besten Freundin Wiebke Ballett. Dennoch ist sie nicht unbedingt mädchenhaft, denn ihr sehr vorlautes Mundwerk bringt sie öfters in Verlegenheit. Zu Hause lebt sie allein mit ihrem unselbstständigen Vater und einer recht unnützen Haushälterin, sodass sie sich schon seit ihrer Kindheit um den Haushalt kümmern muss. Eigentlich führt sie also ein recht normales Leben, wenn auch eins mit viel Verantwortung. Richtig spannend wird es erst, als sie beginnt nachts bewusst nach Eisenheim zu wandern. Der Ort, der bis dahin nur ihrer Seele zugänglich war und der sie nun auf so viele Weisen überfordert.

Zum einen, weil sie erfährt, dass ihre Seele ihr kaum ähnlich sieht. Sie muss sich fragen wie es sein kann, dass ihre Seele viel wagemutiger und fruchtloser erscheint als sie selbst. Und wieso sie den Weißen Löwen gestohlen hat. Nur fehlt ihr etwas die Zeit dafür, denn scheinbar ist so ziemlich jeder hinter dem magischen Stein her und Flora wird mit Argusaugen überwacht. Während die Protagonistin also vollkommen überfordert mit der Situation ist und etwas durch die Geschichte stolpert, hat der Leser erstmals Zeit sich die Schauplätze genauer anzuschauen.

Essen und Eisenheim. Unterschiedlicher kann die Ortswahl kaum sein und gerade das macht sie so faszinierend. Ich war wirklich überrascht ein Jugendbuch in der Hand zu halten, das zumindest zum Teil in Deutschland und dann auch noch im Ruhrgebiet spielt. Weichen doch meistens sogar die deutschen Autoren auf ausländische Schauplätze wie London, Paris oder New York aus da es gleich viel exotischer und aufregender klingt. Doch Mechthild Gläser macht ihren Job hier gut. Sie schreibt selber, dass sie über etwas schreiben wollte, was sie auch kennt – und das merkt man ihr an. Beschreibungen der essener U-Bahn und des Einkaufszentrums erscheinen ganz selbstverständlich und beinahe so, als wären sie dem Leser auch bekannt. Man fühlt sich wohl, wenn man mit Flora und Wiebke gemeinsam durch die Stadt läuft.

Richtig interessant wird es dann aber in Eisenheim. Denn hier hatte die Autorin die Möglichkeit wirkliche Exotik und Spannung einzubringen. Angelehnt an die 20er-Jahre, erscheint die Stadt ganz in schwarz-weiß. Riesige Zeppeline durchstreifen den Himmel und berühmte Bauwerke aus aller Welt zieren die Skyline. Der Eiffelturm steht nicht weit entfernt vom Buckingham-Palast, die Cheops-Pyramide ist genauso wie der Kreml in Eisenheim anzutreffen. Ein wenig futuristisch wirkt die Stadt dennoch mit den Lichtern, die so gespenstisch um die Köpfe der Wandernden fliegen. Und sogar leicht dystopisch mag Eisenheim erscheinen. Es gibt versklavte Arbeiter, regierende Oberhäupter und zwielichtige Regierungsvertreter. Nur eins ist für alle gleich: der Himmel über Eisenheim ist schwarz und das Nichts droht die Stadt zu verschlingen.

Wer in „Stadt aus Trug und Schatten“ abtaucht, der wird auf jeden Fall von den fantastischen Ideen der Autorin begeistert sein. Man muss sich auf die Fremdartigkeit schon einlassen, aber etwas Faszinierendes und gleichzeitig Gruseligeres habe ich zuvor noch nicht gelesen. Wenn meine Seele in dieser Stadt Nacht für Nacht leben würde, fände ich das schon beängstigend.

Ein bisschen muss ich dennoch (wenn auch auf hohem Niveau) meckern. Zu Allererst finde ich die aufkeimende Liebesgeschichte gelinde gesagt schwierig. Dass Floras Herzbube natürlich Marian ist, dürfte schon aus der Inhaltsangabe auf dem Buchrücken klar werden. Doch durch gewisse Umstände, die sehr nah an Eisenheim und somit Floras Seele verknüpft sind, wird die sich entwickelnde Geschichte etwas holprig. Zwischenzeitlich habe ich mich sogar gefragt, ob Marians Gefühle für Flora vielleicht nur gespielt sind, weil er eigene Ziele verfolgt. Als Leser etwas im Dunkeln zu tappen und sich zu fragen, wem die Protagonistin eigentlich trauen kann, ist zwar spannend, empfand ich aber als störend in diesem Falle. Denn bis zum Schluss konnte Marian mich nicht ganz überzeugen und mein Leserherz nicht gewinnen. Etwas Misstrauen bleibt.

Hinzu kommt, dass leider einige Charaktere im Laufe der Geschichte etwas untergehen. Wiebkes Bruder, zum Beispiel, drängt sich immer mal wieder ins Bild, verschwindet aber letztendlich in der Versenkung. Ebenso der beängstigende und gleichzeitig faszinierende Kanzler von Eisenheim. Er wird als eine außergewöhnliche und gefährliche Figur eingeführt. Es ist spannend ihn zu beobachten, mehr über ihn zu erfahren und zu lesen, wie Flora auf ihn reagiert. Man darf hoffen, dass in den Folgebänden alle Figuren noch größere Rollen erhalten, denn bis jetzt hatte man das Gefühl, dass ihnen noch nicht der Platz im Buch zugestanden wurde, den sie verdient hätten.

Insgesamt ist „Stadt aus Trug und Schatten“ der Auftakt zu einer Reihe, die viel Potenzial erkennen lässt. Schon der erste Band wirft einen in ein Wechselbad von Gefühlen und lässt den Leser mitbangen, -hoffen und –fiebern. Für den Mut, die Geschichte in Deutschland anzusiedeln und die vielen fantastischen Ideen gibt es etliche Extrapunkte. Da können auch kleinere Schwächen in der Konzeption der Figuren übersehen werden. Meiner Meinung nach ist Mechthild Gläsers Debüt ein durchweg lesenswertes Jugendbuch, das in gleichen Teilen düster und spannend, wie auch leicht und locker zu lesen ist. Mehr davon, bitte!

In Sternen: 4/5

1 Comment
  • Stephie
    Posted at 11:55h, 08 März Antworten

    Schöne Rezension, die macht mich richtig neugierig auf das Buch!

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