Rezension: Skinned

Rezension: Skinned

Sie sagt, sie könne sich an den Unfall nicht erinnern. Das ist besser, als zu erzählen, welche Qualen sie in ihrem brennenden Auto erleiden musste, eingeklemmt und hilflos.

Lia Kahn, wie ihre Freunde sie kannten, hörte an jenem Tag auf zu existieren. Als sie nach dem Unfall erwacht, erwacht sie als ein Skinner: eine Maschine – ein Computer – in menschlicher Gestalt. Um sie zu retten, wurde ihr Gehirn gescannt und all ihre Erinnerungen, ihre Gedanken – ihre Persönlichkeit, in diesen neuen Körper gespeichert. Und obwohl sie aufs Neue lernt zu laufen, zu sprechen und zu leben, ist alles anders als zuvor, denn ihre Freunde und ihre Familie wenden sich von ihr ab. Ist das der Preis, den Lia führ ihre Unsterblichkeit zahlen muss?

Selten erwischt man ein (Jugend-)Buch, das so teifgründig ist, wie Skinned es schafft. Wer eine fröhliche Science Fiction Geschichte erwartet, wird mit dem Auftakt von Robin Wassermans Trilogie um das 17-jährige Mädchen nicht viel anfangen können.
Ich selbst war von der ersten Seite an gefesselt und konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.

Deprimierend kommt Lias neues Leben daher. Natürlich ist sie nun in einem perfekten Körper, kann weiterhin alles tun, was sie vorher getan hat, aber eigentlich ist nichts mehr normal für sie. Als Leser lernt man die Skinnerin vom ersten Tag nach ihrem künstlichen Koma kennen. So nah dran, wie es nur möglich ist, erfährt man ihre Gedanken und Gefühle, kann ihre Ängste und Sorgen nachvollziehen. Denn obwohl sie nun durch und durch ein Computer ist, denkt sie doch wie ein ganz normaler Mensch.
Und dieser Umstand macht es ihr im Verlauf der Geschichte so besonders schwer. In der Zukunft, in der „Skinned“ spielt, gehört moderne Technologie zum alltäglichen Leben dazu und die neue Generation beginnt ihr Leben, kaum, dass sie aus den Windeln entwachsen sind, bereits im virtuellen Raum. So wird Kleidung nur noch über das „Internet“ bestellt, das halbe soziale Leben spielt sich auf den PivWalls der Freunde und der eigenen EgoZone ab (am ehesten wäre das wohl vergleichbar mit StudiVZ oder Facebook) und sogar die Autos fahren ferngesteuert und von ganz alleine. An Menschen in Computergestalt hat sich aber noch niemand gewöhnt und die MechHeads (oder verachtend „Skinner“ genannt) bilden eine verpönte Randgruppe:
So ist es auch für Lia erschreckend mitzuerleben, wie ihre besten Freundinnen ihr argwöhnisch gegenübertreten, ihr Freund plötzlich Angst hat sie zu berühren und sogar ihre Schwester ihr gegenüber offensichtlich feindlich eingestellt ist.

Durch die knapp 375 Seiten muss man sich als Leser durchleiden. Nicht selten habe ich mich dabei ertappt, mich zu fragen, wie viel schlimmer er für Lia noch werden kann. Und es wird noch schlimmer, ehe sie anfängt für sich zu erkennen, was sie mit ihrem neuen Leben anfangen kann – und sollte.
Aber egal wie deprimierend die Geschichte sein mag, sie ist auch wunderschön geschrieben. Nicht nur der flüssige Schreibstil trägt dazu bei, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, sondern auch die vielen geradezu philosophischen Fragen, die immer wieder auftauchen.
Wie gut kennen wir unsere Freunde eigentlich wirklich?
Was macht einen Menschen aus? Sein Denken, Handeln, Fühlen – oder gehört mehr dazu?
(Bisweilen mutet es gar an die vier kantschen Fragen der Philosophie an: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“)
Insbesondere in diesem Kontext schafft Wasserman es das Thema Tod und Leben zu beleuchten, sodass es den Leser wirklich zum Nachdenken bringt. Sogar ganz alltägliche Sachen, die für uns so normal sind, dass wir sie gar nicht mehr registrieren, werden in „Skinned“ beleuchtet und derart entfremdet, dass sie einen stutzig machen. Etwas, über das man niemals vorher nachgedacht hat, sticht einem plötzlich ins Auge.

Ein Beispiel:
“Wenn man schläft, spürt der Körper das Vergehen der Zeit. Das Gestern stirbt in der Dunkelheit; der nächste Tag erwacht. Du schlägst die Augen auf und weißt Bescheid. Der Körper altert, das Stundenglas leer sich, der Tod kommt näher, die Zeit vergeht, aber sie geht nicht verloren.“

Nicht umsonst gibt es bei einer sozialen Plattform im Internet die Gruppe „Morgen ist erst, nachdem ich geschlafen habe“. Wird einem nun die Möglichkeit auf Schlaf geraubt… wie menschlich ist man dann noch?

Aus diesem Grunde muss man „Skinned“ einfach lieben. Lia selber ist ein ausgesprochen interessanter Charakter und dankbarer Weise nicht so oberflächlich, wie viele andere Romanheldinnen. Auch die obligatorische Liebesgeschichte fehlt in diesem Buch. Und obwohl sie sich durchaus mit schwierigen Themen befasst, ist die Geschichte niemals anstrengend oder langweilig geschrieben. Für mich persönlich definitiv ein Highlight in der Jugendliteratur und eine uneingeschränkte Leseempfehlung wert! Der zweite Band („Crashed“) wurde jedenfalls schon umgehend bestellt und der Dritte lässt hoffentlich auch in der deutschen Übersetzung nicht mehr allzu lange auf sich warten.

Bewertung: 5/5


Skinned von Robin Wasserman
375 Seiten (Hardcover)
Verlag: Script5
ISBN: 978-3839001066
16,90€

6 Comments
  • Pia
    Posted at 21:26h, 25 März Antworten

    Ich habe Skinned genau so gemocht wie du. Ich konnte mir nur leider nicht so gut den Unterschied zwischen den vielen „Fachbegriffen“ (EgoZone, PrivWall…) merken, aber naja, ich denke das wird sich noch verflüchtigen. Ich werde Crashed auch aufjedenfall noch lesen! :)

  • admin
    Posted at 21:27h, 26 März Antworten

    Stimmt, die Begriffe fand ich auch teilweise sehr schwierig zu unterscheiden. PrivWall und egoZone konnte ich mir dann nur merken, weil es so häufig vorkam :) Bin schon sehr gespannt auf Crashed! Wird auf jeden fall demnächst bestellt ;) Hast du es dir schon gekauft?

  • Pia
    Posted at 16:09h, 27 März Antworten

    Nee, ich hüte mich im Moment davor irgendwelche Bücher zu beantragen oder zu kaufen. Ich will meinen SuB nicht über 100 bringen :( (Gutes Vorhaben – Gierig wie ich bin habe ich natürlich wieder einige Anfragen verschickt, ich könnte mich echt köpfen dafür xD)
    Ich drücke uns mal die Daumen, dass der zweite Band genau so gut wie der erste ist – Stefanie meinte zum Beispiel, dass sie den zweiten abgebrochen hat, obwohl der erste ihr gefallen hat :/

    Die Begriffe konnte ich mir stellenweise auch merken. Aber die Bedeutung meistens nicht. Ich hoffe und denke (wie gesagt), dass sich das nach einer Zeit verflüchtigen wird, wenn man „mehr“ mit den Begriffen zutun hat :)

  • Cara
    Posted at 21:40h, 28 März Antworten

    Ich habe ja schon viel Gutes von dem Buch gehört – jetzt will ich es auf jeden Fall lesen!
    Schöne Rezension!

    liebe Grüße,
    Cara

  • admin
    Posted at 16:48h, 31 März Antworten

    @Pia: Oh wirklich? Es wäre schade, wenn der 2. Band nicht mehr so gut ist… aber ich lasse das jetzt erst mal auf mich zukommen :)
    Wie hoch ist dein SuB denn momentan? Solange er nicht bei 500+ liegt, ist es doch gar nicht so schlimm ;) Da gibt es Leute, die haben (erschreckenderweise) viel, viel mehr!

    @Cara: Danke! Ich wünsche dir dann schon mal viel Spaß mit dem Buch :)

  • Rishu
    Posted at 21:41h, 03 April Antworten

    Ich hab das Buch ja jetzt auch ausgelesen und ich frage mich ehrlich gesagt, worum es im zweiten Teil noch gehen soll? Die Inhaltsangabe klingt so schwammig. Und so interessant Lias Selbstfindung auch war, ein zweites Buch wird die Autorin damit nicht füllen können.
    Ich fand die Begriffe recht leicht zu merken. Die EgoZone ist halt sowas wie Facebook und eine PrivWall ist der private Bereich innerhalb dieser Zone, den nur ausgewählte Leute sehen können. Also wie beim VZ und Facebook die Einstellungen „Was dürfen die Leute sehen?“ Jedenfalls habe ich das so verstanden XD

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