Rezension: Silberlicht

Rezension: Silberlicht

Ich starrte auf das Aquarium und ließ mich von den geschmeidigen, blattförmigen Wesen darin hypnotisieren. Ihre Behausung sah so schön und friedlich aus. Doch vielleicht war die Aussicht von innen eine ganz andere.
(‚Silberlicht’ von Laura Whitcomb, S. 272)

Helen existiert seit Jahrzehnten als Geist in unserer Welt. Sie kann sich nicht daran erinnern, was in ihrem Leben passiert ist, ist aber davon überzeugt, dass ihr der Zugang zum Himmel verwehrt bleibt, weil sie etwas Furchtbares getan hat.
Ohne die Erinnerung an ihr Leben versucht sie der Hölle zu entkommen indem sie sich „Bewahrer“ aussucht: Poeten, Dramatiker und Autoren denen sie eine heimliche Muse sein will.
Mr. Brown, ein Englischlehrer und Hobbyautor, ist ihr aktueller Bewahrer. Helen begleitet ihn in seinen Unterricht und korrigiert gerade mit einem unsichtbaren Stift einen Aufsatz, als sie bemerkt, dass sie angeschaut wird.
Als Lichtgestalt kann sie von Menschen normalerweise nicht gesehen werden und ist mehr verängstigt als erfreut, dass der 17-jährige Billy sie unverhohlen anblickt und es sogar wagt mit ihr zu sprechen. Schnell wird aber klar, dass Billy in Wirklichkeit James ist – eine Lichtgestalt wie Helen, nur im Körper eines Jungen.
Die beiden verlieben sich in einander und um zusammen sein zu können, suchen sie für Helen einen Körper, den sie in Besitz nehmen kann. Ihr Glück scheint perfekt als dies auch gelingt, aber sowohl die Gegenwart als auch die Vergangenheit lassen den beiden Geistern keine Ruhe…

Oft habe ich im Vorfeld gehört, dass es sich bei „Silberlicht“ um eine wunderschöne Liebesgeschichte handelt. Helen und James seinen „das neue Traumpaar der übersinnlichen Welt“, verkündet sogar der dick gedruckte Satz auf der Rückseite des Buches. Ehrlich gesagt: die Liebesgeschichte ist schön, aber was mich viel mehr fasziniert hat, war, dass dieses Jugendbuch so ganz anders ist, als alle Liebesgeschichten, die man sonst liest. Und erst die ganzen Themen, die unterschwellig – mal mehr und mal weniger offen – im Buch thematisiert werden!
Das Zitat am Anfang der Rezension habe ich ausgesucht, weil es meiner Meinung nach eines der wichtigsten Themen im Buch genau erfasst; ebenso gut, könnte dort auch „nicht alles was glänzt, ist Gold“ stehen. Nun ja, die Metapher mit dem Fischen ist allerdings schöner ;)
Heuchelei, Angst, Verdrängung und Liebe werden als Themen so geschickt in das Buch eingespannt, dass man als Leser anfängt sich darüber Gedanken zu machen und zu hinterfragen – dabei hat man aber niemals das Gefühl von einer „Moralkeule“ erschlagen zu werden, sondern fängt an das fragile Netzwerk menschlicher Beziehungen zu verstehen. Als Helen einen Körper findet, landet sie in der Hülle eines 15-jährigen Mädchens mit sehr streng religiösen Eltern. Ihr Haus wird als perfekt und geradezu steril sauber beschrieben, hinter der Fassade brodelt es aber und eigentlich ist das Familienleben dort alles andere als perfekt. James, der als Billy hingegen in einer sozial schlechter gestellten Familie mit offensichtlichen Problemen lebt, erfährt dafür, dass sich auch in einer nach Außen hin kaputten Familie echte Fürsorge finden lässt.
Während die Geschichte fortschreitet und auf faszinierende und bildlich wunderschöne Art und Weise erzählt wie sich sowohl die Liebesgeschichte zwischen Helen und James entwickelt, als auch die leiseren, tiefgründigeren Themen behandelt werden, erfährt der Leser noch mehr über das vergangene Leben der beiden Liebenden. So bleibt es bis zum Ende immer spannend und hat mich vorangetrieben das Buch fast in einem Rutsch durch zu lesen um mich an der außergewöhnlichen Geschichte zweier Geister zu erfreuen. Empfehlen kann ich das Buch allen, die gerne eine Liebesgeschichte wollen, die nicht nur Spaß zu Lesen macht, sondern auch noch tiefgründig ist. Die vielen Metaphern und lebendigen Beschreibungen machen die knapp 310 Seiten von „Silberlicht“ zudem zu einen kleinem Abenteuer.

Bewertung: 4/5

Silberlicht von Laura Whitcomb
310 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur (PAN)
ISBN: 9783426283288
14,95€

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