Rezension: Shining

Rezension: Shining

Schon mal alleine in einem großen Haus übernachtet? Eines mit klappernden Fensterläden und knarrenden Dielen? Klingt gruselig, aber es geht noch schlimmer…

Der Hausmeisterjob sollte Jack Torrance und seiner Familie endlich aus der schweren Zeit helfen. Seit der Ex-Alkoholiker seine Stelle als Lehrer verloren hat weil er einen Schüler verprügelte, sind harte Zeiten für ihn, seine Frau Wendy und ihren Sohn Danny angebrochen.
Nun hat Jack das Angebot die Wintermonate über auf das einsam gelegene Overlook-Hotel in den Bergen Colorados aufzupassen. Nichts Schwieriges: er soll lediglich kleinere Hausmeisterarbeiten erledigen und abwechselnd die Korridore des Hotels beheizen damit über den strengen Winter hin keine großen Schäden am Gebäude entstehen können. Mit dem Job wären zumindest die Geldnöte der Familie endlich vergessen und in der Einsamkeit des Hotels könne Jack vielleicht sogar sein lange geplantes Theaterstück zu Ende schreiben – es danach einer Agentin schicken und damit Geld verdienen. Zudem hofft er dort zur Ruhe zu kommen, den Entzug vom Alkohol zu vergessen und die zerworfene Familie wieder zusammen zu bringen.

Der Haken bei der Sache stellt sich aber schnell raus: Das Hotel ist komplett abgeschottet von der restlichen Welt – über die Wintermonate mit meterhohem Schnee bedeckt und keine Möglichkeit in Sicht das Gelände zu verlassen. Auch Jacks Sohn Danny, der ein übernatürliches Feingespür hat und ab und zu sowohl die Zukunft als auch die Gedanken seiner Eltern liest, ahnt Schlimmes. Denn das Overlook ist ein Hotel mit einer schrecklichen Vergangenheit und die Geister der dort geschehenen Gräueltaten wollen die Familie Torrance nicht in Ruhe lassen…

„Shining“ kannte ich bis jetzt nur als Film. Da es sich zudem um das erste Buch von Stephen King handelt, das ich je gelesen habe, waren meine Erwartungen vielleicht einfach falsch.
Die Geschichte beginnt sterbenslangweilig und sehr, sehr langsam damit, dass erst einmal die Hintergründe der Familie Torrance erklärt werden. Der Vater: ein Säufer, Schläger und perspektivloser Widerling. Die Mutter: immer im Zwiespalt ob sie ihren Mann verlassen soll oder ihm noch eine Chance gibt. Der Sohn: viel zu reif für seine gerade einmal fünf Jahre und noch dazu mit einer übersinnlichen Gabe gesegnet.
Ich wollte auf den ersten hundert Seiten manchmal gar nicht weiter lesen weil ich endlich etwas Nervenkitzel erwartet hatte und schlicht und ergreifend enttäuscht wurde.
Danach passierte zwar noch immer nicht viel mehr – es wurde hauptsächlich durch Perspektivwechsel der drei Familienmitglieder erzählt – aber langsam begriff ich den Sog, den die Geschichte ausübt.

Nachdem die Torrances im Overlook Hotel angekommen sind, wird es aber richtig spannend. Eher schleichend und in leisen Tönen, als mit detailliert beschriebenem Grauen, zaubert Stephen King dem Leser eine Gänsehaut auf die Arme. Der geistige Zerfall von Jack und die daraus wachsende Gefahr für sein Kind und seine Frau werden geradezu physisch greifbar. Wirklich toll dabei ist, dass man als Leser das Gefühl hat, dass ein grausames Ende unausweichlich ist: jede Person handelt so, wie es normal intelligente Leute tun würden und dennoch steuern sie ungebremst auf eine Klippe zu. Sowohl die Realität als auch die Sicherheit und Geborgenheit der Familie zerrinnen beim Lesen wie Sand zwischen den Fingern.
Die Handlung ist bisweilen so psychologisch dicht und gruselig gesponnen, dass ich einfach nicht aufhören konnte weiter zu lesen – dass ich sogar das Gefühl hatte zusammen mit Jack Torrance den Sinn für die Realität zu verlieren und selber verrückt zu werden.

Ehrlich gesagt war zu diesem Zeitpunkt der schwierige Einstieg und etwas langatmige Anfang der Geschichte vergessen. Ich wollte weiter daran teilhaben wie der Familienvater Mordpläne schmiedet, sich selber wieder zur Vernunft ruft und kurz darauf erneut drohte in den Wahnsinn abzurutschen…
Es war faszinierend.

Dann allerdings näherte sich die Handlung dem lange erwarteten Höhepunkt. Obwohl ich bis dahin sogar schon verziehen hatte, dass der Sohn Danny Gedanken lesen kann, wurden nun alle meine guten Eindrücke wieder zur Nichte gemacht. Das Ende wirkt stark konstruiert, nicht annähernd so fulminant wie es sich angekündigt hat und, was am schlimmsten ist, absolut übertrieben unrealistisch.

Wie gesagt kannte ich vorher nur den Film und war auch mit Stephen Kings Schreibstil nicht vertraut und vielleicht rühren daher einfach meine falschen (?) Erwartungen an das Buch. Vielleicht finde ich sogar noch ein Buch von King, das nicht plötzlich von einem psychologisch düsterem Horrordrama in eine Fantasy-Witznovelle übergeht.
Von „Shining“ jedoch bin ich im Nachhinein einfach enttäuscht. Hätten die übersinnlich-fantastischen Elemente nicht ohne Vorwarnung den Hauptpart übernommen und die Geschichte wäre eher bei der Thematisierung von Jacks Wahnvorstellungen geblieben, hätte das Buch volle 5 Sterne von mir bekommen… so allerdings kann ich nur aufgrund des wirklich genialen Mittelteils zwei Sterne vergeben.

Bewertung: 3/5


Shining von Stephen King
624 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3404130085
8,99€

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