Rezension: Seelennacht

Rezension: Seelennacht

Seelennacht von Kelley Armstrong
368 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN
ISBN: 978-3426283424
14,99€

Achtung: Die Rezension enthÀlt Spoiler, wenn man den 1. Teil noch nicht gelesen hat!

Inhalt


Gerade wĂ€hnte Chloe sich den FĂ€ngen des Lyle Houses entkommen, da endete ihre Flucht abrupt bei Dr. Davidoff der Edison Group. Derek und Simon konnten entkommen, aber fĂŒr Chloe, Tori und Rae scheint es zunĂ€chst kein Entrinnen aus den RĂ€umen der mysteriösen Vereinigung zu geben. Doch die fĂŒnfzehnjĂ€hrige gibt nicht auf und bringt BeĂ€ngstigendes in Erfahrung: sie und die Anderen Jugendlichen aus Lyle House waren unfreiwillige Teilnehmer eines Experimentes. Die Edison Group manipulierte einst ihre Gene um ihre ĂŒbernatĂŒrlichen FĂ€higkeiten in den Griff zu bekommen doch jetzt, wo das Experiment zu scheitern droht, sind die Leben aller in Gefahr


Bewertung


Der zweite Teil der Reihe um die junge Nekromantin Chloe setzt direkt nach dem ersten Teil an und geht genauso spannend weiter.

So ist das MĂ€dchen von Anfang an fest davon ĂŒberzeugt, dass die Edison Group gefĂ€hrlich fĂŒr sie und ihre Freunde sein kann und sucht verzweifelt nach Informationen und einer Fluchtmöglichkeit. Doch als sie tatsĂ€chlich entkommen kann, beginnt eine Flucht, die weitaus gefĂ€hrlicher ist, als sie sich das je getrĂ€umt hĂ€tte.
Mir hat dabei gut gefallen, wie die Charaktere insgesamt ihrer Linie treu geblieben sind. Ihre Eigenschaften, die bereits im ersten Teil zur ErwĂ€hnung kamen, werden nun nĂ€her beschrieben und man erfĂ€hrt mehr ĂŒber die KrĂ€fte der einzelnen Jugendlichen. Besonders hervorzuheben sind Beschreibungen, die sich die Zeit nehmen um eindringlich und bildhaft zu sein. Ich glaube, ich habe noch nie eine so plastische Beschreibung einer Werwolf-Verwandlung gelesen und war zu gleichen Teilen begeistert und erschĂŒttert darĂŒber, was Chloe in diesem Moment beobachtet. Geradezu greifbar beschreibt Kelley Armstrong Situationen, die dem Fantasy-Genre angehören, sodass sie absolut real wirken. Das ist eine StĂ€rke des Buches und der Geschichte, die in kaum einem anderen Jugend-Fantasy-Buch einen Vergleich findet.

Ebenfalls positiv ĂŒberrascht wurde ich immer wieder von Vergleichen und Beschreibungen, die passender nicht sein könnten. An diesen Stellen erkennt man, dass es sich hier nicht „bloß“ um ein Jungendbuch handelt, das lediglich unterhalten will, sondern, dass teilweise auch etwas Tiefgang durchblitzt. So wird darĂŒber fabuliert, dass eine schlimme Wahrheit besser als eine „angenehme LĂŒge“ (S. 45) ist oder es wird punktiert das Dilemma der Jugendlichen unter Erwachsenen erlĂ€utert:
„Wenn die Erwachsenen mir den Kopf tĂ€tschelten und mir sagten, wie erwachsen ich war, dann meinten sie damit, wie froh sie waren, dass ich nicht erwachsen genug war, um Zweifel zu haben und mich zu wehren.“ (S. 9)

Damit hören allerdings meine positiven Anmerkungen auch schon auf. Ich empfand es teilweise als sehr anstrengend ĂŒber Wörter wie „Beschiss“ und „Yeah“ im Text zu stolpern. Gerade das „yeah“, welches hier anstatt eines „Ja“ oft verwendet wird, kann ich einfach nicht als ein Wort unseres natĂŒrlichen Sprachgebrauches akzeptieren. Ich kenne zumindest niemanden, der so spricht. Nicht, wenn er oder sie Deutsch redet. Und da diese „Nicht-Übersetzung“ gerade zu Anfang hĂ€ufig vorkommt, stört es den Lesefluss.
Weiter hatte ich das GefĂŒhl, dass den Jugendlichen doch etwas (zu) viel passiert. Auf ihrer sowieso schon abenteuerlichen und spannenden Flucht mĂŒssen sie auch noch auf verwesende Leichen (die ĂŒbrigens einfach irgendwo rum liegen) und Orte grausamer Verbrechen stoßen. Diese kurzen Zwischenspiele mögen noch einmal fĂŒr zusĂ€tzliche Spannung sorgen, empfinde ich aber einfach als ĂŒbertrieben.

Der letzte Kritikpunkt betrifft dann Chloe, die Protagonistin, selber. Sie wird als ein MĂ€dchen beschrieben, dass in stressigen Situationen anfĂ€ngt zu stottern. Doch bis auf ein einziges, kurzes Mal stottert sie ĂŒberhaupt nicht. Meiner Meinung nach sollte man eine Charaktereigenschaft konsequent durchziehen oder es ganz lassen. In diese Konstellation wirkt es ein wenig, als sollte das der ansonsten beinahe perfekten Chloe einen greifbaren Mangel geben, der sie sympathisch macht. Da es aber doch – bis auf ein Mal – komplett unerwĂ€hnt bleibt, hat es einfach diesen gezwungenen Anschein.
Ebenso ihre Liebe zum Film. Im ersten Band wurde das schon als eine ihrer grĂ¶ĂŸten Leidenschaften hervorgehoben und auch jetzt gibt es immer wieder Szenen, in denen Chloe sich vorstellt, sie wĂ€re in einem Film. Das ist eine durchaus interessante Idee und hat viel Potential, doch leider wird das hier einfach nicht richtig ausgenutzt. Als Leser bekommt man in diesen Moment nur ein „die Heldin in einem Film wĂŒrde jetzt
“ vorgesetzt und muss ich damit zufrieden geben.

Alles in Allem ist „Seelennacht“ aber keine schlechte Fortsetzung. Da man durchaus sehr gute Stellen im Buch findet und die Geschichte insgesamt weiterhin spannend ist und fesselt, tippe ich hier auf den typischen DurchhĂ€nger eines Mittelbandes einer Trilogie. Wem „Schattenstunde“ genauso gut gefallen hat wie mir, der wird auch an „Seelennacht“ seine Freude finden und sich auf den letzten Band („Höllenglanz“) weiterhin freuen können.

In Sternen: 3/5

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