Rezension: Seelenhüter

Rezension: Seelenhüter

Vor knapp 300 Jahren hat Calder das letzte Mal die Erde als Lebender gesehen. Seit seinem Tod wandelt er zwischen der Passage zum Himmel und Orten des Todes hin und her – er ist ein Seelenhüter, ein Begeleiter der Verstorbenen auf ihrem Weg in den Himmel. Seine Aufgabe ist einfach: er wird an den Platz des Todes gerufen, öffnet eine Tür zur Passage in den Himmel und führt die Seelen durch diesen Gang der Erkenntnis und des Vergebens, bis sie an den Fluss gelangen, von wo sie in den Himmel übersetzen können. Doch insgeheim hadert Calder mit seiner Aufgabe, fühlt sich nicht würdig diese bedeutende Aufgabe zu übernehmen. Als er eines Tages zufällig zwei Male in das selbe Haus gerufen wird, fällt seine Aufmerksamkeit auf eine rotblonde Frau, die das Bett eines Kindes hütet. Ihr aufrichtige Liebe zu dem Jungen, der im Sterben liegt, berührt den Seelenhüter so sehr, dass er der Seele des Kindes den Übergang in den Himmel ausredet und ihm so das Leben schenkt. Calder ist sich sicher, dass die Frau, die er nun schon zwei Male erblickt hat, seine Seelenverwandte ist und will sie als seine “Besondere” erwählen – eine Person, die mit ihm die Passage betreten kann.

Doch als er die Chance bekommt zu ihr zurück zu kehren, bricht er alle Regeln der Hüter und borgt sich den Körper eines Verstorbenen. Nicht nur bringt seine Handlung das Gleichgewicht im Himmel ins Wanken, auch muss er erkennen, dass es schwierig wird, die rotblonde Frau zu seiner “Besonderen” zu machen. Calder begreift nur langsam, welche Konsequenzen sein Handeln haben werden und stellt erschrocken fest, dass die Folgen fatal sein können…

Wer bereits “Silberlicht” von Laura Whitcomb gelesen hat, der wird auch in “Seelenhüter” wieder ihren markanten Schreibstil erkennen.
Calder war bei seinem Tod gerade um die 19 Jahre alt und erfährt das irdische Leben seitdem nur Bruchstückhaft in seinen Besuchen an Todesschauplätzen. Als Leser erfährt man zunächst nicht viel über den Hüter und ist neugierig, was seine Beweggründe für das Einmischen in die Geschehnisse auf der Erde sind. Und auch, als er immer mehr in Schwierigkeiten gerät und sich die Folgen seines Handelns abzeichnen, darf man gespannt darauf warten, dass nur nach und nach Erinnerungen an sein irdisches Leben aufblitzen und ihn so näher daran bringen, seine Schuld zu begleichen.

Begleitet wird Calder von zwei besonderen Kindern (bzw. Jugendlichen), deren Hintergrund eine leichte politisch-historische Ebene in das Geschehen bringen. Zu viel möchte ich nicht verraten – das würde die Spannung nehmen – aber es war interessant zu lesen, wie Laura Whitcomb eine Fantasygeschichte mit Historie verbindet. Die Exotik, die diese uns vielleicht nicht ganz so vertrauten Ereignisse um 1918/1919 umgibt, trägt viel zum Reiz der Geschichte bei. Noch dazu sind die beiden Geschwister zwar recht unterschiedlich, dennoch aber lebensnah und glaubhaft gezeichnet. Ihre Eigensinnigkeit und ihr Antrieb Calder zu begleiten, bereichern die Erzählung auf eine faszinierende Weise, sodass man die Charaktere schnell ins Herz schließt.

Nun aber zur Geschichte selber. Es ist schwierig jetzt eine ausführliche Bewertung zu geben, ohne zu viel zu verraten. Für mich persönlich war es definitiv ein Vorteil, dass die Inhaltsangabe auf dem Buchrücken nicht besonders detailliert ist und die Geschichte einen so in ihrem Verlauf sehr überrascht hat. Wer nämlich eine schwülstige Liebesgeschichte erwartet, wird hier enttäuscht werden. Whitcomb konzentriert sich in “Seelenhüter” auf das Schicksal Calders, der noch immer nicht über seine menschliche Vergangenheit hinweg ist und auf seine Reise mit den zwei Jugendlichen um seine Fehler wieder gut zu machen. “Wir sind einmal um die Welt gereist […] wie die Ritter in den Märchen” (S. 320) bemerkt der Junge treffend. Denn wie in ein Märchen müssen die drei “Helden” des Buches Aufgaben erfüllen um ihrem Ziel näher zu kommen, reisen über Russland nach Japan, Amerika und England, treffen auf ihrer Reise auf freundliche Wegbegleiter und werden von bösen Schatten verfolgt. Die ständige Bedrohung, die ihnen dabei im Nacken zu sitzen scheint, treibt sie immer weiter und die Handlung vorwärts, sodass keine Langeweile aufkommen mag.
Wie bereits kurz angedeutet, kommen zum Seelenhüter dabei immer wieder kurze Erinnerungsfetzen an sein Leben auf der Erde zurück. Diese “Geschichte in der Geschichte” wird interessant mit der Gegenwart verwoben und bringt eine Ebene in das Geschehen, die uns Lesern den Protagonisten etwas näher bringt, der ansonsten recht undurchsichtig wäre.

Nicht besonders gefallen hat mir hingegen die später auftretende Liebesgeschichte, die absolut nicht das widerspiegelt, was man eigentlich erwartet hätte. Zunächst gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass Calder etwas wie Liebe überhaupt empfindet und es bleibt leider auch relativ wenig nachvollziehbar, woher diese Gefühle dann plötzlich auftreten. Einzig Andeutungen wie Eifersucht tauchen vereinzelt auf. Es wirkt ein wenig, als hätte Whitcomb die Idee, die dahinter steckt, nicht gänzlich ausgeschöpft. Plötzlich ist der Seelenhüter verliebt, dann scheint es kein Happy End geben zu können und dann ergibt sich doch etwas Neues. Für mich war das definitiv der stärkste Kritikpunkt, denn so halbherzig wie diese Verarbeitung wirkt, will sie ansonsten gar nicht in das wunderschön detaillierte und sprachgewaltige Buch passen.

Der Sprachstil ist es auch wieder, der den “Seelenhüter” zu einer besonderen Lektüre macht. Whitcomb bedient sich häufig Aufzählungen und Beschreibungen um ein genaues Bild der Schauplätze zu geben – mit Erfolg. In einer Szene wird zum Beispiel eine Menschenmenge beschrieben, welche die drei Protagonisten betrachten (S.200). Der Satz geht über nicht weniger als 12 Zeilen (!), aber vermag es trotzdem, direkt ein Bild vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen. Man meint sogar beinahe, die Luft dort riechen und die Geräusche dort hören zu können. Diese besonderen Beschreibungen machen eigentlich den ganzen Zauber des Buches aus, was, gemischt mit den politisch-historischem Hintergrund und der Fantasygeschichte eine fesselnde Mischung ausmacht.

Für mich persönlich war das Ende, neben der Liebesgeschichte, etwas zu abrupt und “glatt”, ansonsten aber habe ich das Lesen von “Seelenhüter” sehr genossen und bin mal wieder davon begeistert, wie die Kalifornierin es schafft in ihren Büchern auf vielen Ebenen eine runde Geschichte zu schaffen, die so viel mehr vermitteln kann, als bloße Unterhaltung. Für Fans von “Silberlicht” und sanften, fantastischen Erzählungen, dürfte auch “Seelenhüter” wieder ein Volltreffer sein.

Bewertung: 3/5

Seelenhüter von Laura Whitcomb
368 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN
ISBN-: 978-3426283325
14,99€

2 Comments
  • Pia
    Posted at 20:01h, 06 Mai Antworten

    Ungefähr so habe ich auch Drei Wünsche hast du frei empfunden. Ich bezweifle, dass dieses Mal meine Meinung anders sein wird, aber ich lasse mich überraschen..

  • Mella
    Posted at 18:54h, 09 Mai Antworten

    Oooh, das Buch will ich auch noch auf jeden Fall lesen.
    Tolle Rezension und sehr schöner Blog!
    Ich werd dich mal bei mir verlinken:)
    Liebe Grüße
    Mella

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