Rezension: Numbers

Rezension: Numbers

Jeder Mensch hat seine besondere Zahl.
Das lernt Jem schon früh und kann es dennoch nicht verstehen – bis zu dem Tag, an dem ihre Mutter stirbt.
Die Nummern, die das 15-jährige Mädchen seit ihrer Geburt in den Augen der Menschen sieht, sind ihre Todesdaten. Acht einfache Zahlen die ihr sagen, wann der ihr gegenüber stirbt.

Nachdem ihre Mutter an einer Überdosis gestorben ist, beginnt für Jem eine harte Zeit. Sie wird von einer Pflegefamilie in die nächste gereicht und entwickelt sich immer mehr zum Außenseiter. Mit ihrer harten Sprache und abweisenden Art baut sie sorgfältig einen Schutzwall um sich herum auf um nicht beim Anblick anderer Menschen daran erinnert zu werden, dass jeder früher oder später stirbt.

Mit dieser Taktik schlängelt sie sich mehr oder weniger erfolgreich durchs Leben bis sie eines Tages beim Schwänzen des Unterrichts auf einen ihrer Mitschüler trifft. Spinne ist ebenso Außenseiter wie sie und verdient sich sein Taschengeld mit kleineren illegalen Machenschaften. Und obwohl Jem bemüht ist den Jungen von sich fern zu halten, fasst sie doch Vertrauen zu ihm und die beiden freunden sich an.
Das Problem bei der Sache: Jem sieht in Spinnes Augen, dass er nur noch wenige Wochen zu leben hat.

Als die beiden an einem Tag in die Londoner Innenstadt fahren und sich am London Eye – dem Riesenrad – aufhalten, ist es für die beiden zunächst einfach nur ein schöner Nachmittag. Doch dann fällt Jem auf, dass alle Leute um sie herum das selbe Todesdatum haben: heute. Voller Angst überredet sie Spinne von dem Ort zu fliehen – keine Sekunde zu früh, denn schon steht die Attraktion in Flammen.
Der Terroranschlag erschüttert die Bevölkerung und die Polizei arbeitet auf Hochtouren um Schuldige zu finden. So geraten schnell Spinne und Jem in Verdacht, da man sie auf Überwachungsvideos kurz vor dem Anschlag vom Ort des Geschehens flüchten sieht.
Den beiden bleibt nur eins: die Flucht.

Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, immer verfolgt von der Polizei und Spinnes näher rückendem Todestag…

Obwohl es sich bei “Numbers” um ein Jugendbuch handelt, ist es geprägt von einer harten Sprache. Jem und Spinne gehören beide der Unterschicht an, sind im Strafsystem erfasst und scheuen sich nicht davor bei jeder Gelegenheit Kraftausdrücke zu verwenden.
Normalerweise lese ich gerne Bücher, in denen ungeschönt und frei weg von der Leber erzählt wird… aber hier hatte ich beim Lesen einige Probleme.

Das liegt daran, dass Rachel Ward sehr viel Wert darauf legt immer wieder deutlich zu machen, dass ihre Protagonisten aus schwierigen Verhältnissen kommen und selber schwierig sind. So wie sie Jem und Spinne darstellt, stellt sie sich allerdings meiner Meinung nach selber ein Bein. Auch ungebildete Jugendliche aus der Unterschicht können schließlich eine interessante Geschichte erzählen, aber so, wie man die beiden als Leser präsentiert bekommt, bleibt lediglich ein schlechtes Bild in Erinnerung.
Dadurch konnte ich die gesamte Geschichte über keine Verbindung zu den Charakteren aufbauen und habe mich von Seite zu Seite mehr beim Lesen gequält.
Die typische “Gossensprache” war dabei nicht einmal das Problem – viel mehr war es so, dass Rachel Ward alle Klischees bereits gescheiterter Existenzen ausschlachtet. Eine drogensüchtige Mutter, Gebrauch von Waffen in der Schule, Dealen, Diebstahl,… die Liste geht endlos weiter und ich möchte nicht zu viel verraten (obwohl es natürlich nichts ist, was man nicht auch aus dem Mittagsprogramm von RTL kennt).
Nicht einmal Spinnes von Grund auf liebe und etwas verrückte Großmutter konnte mich überzeugen, da sie manchmal doch etwas zu gelassen und verständnisvoll reagierte.

Vielleicht ist der Autorin irgendwann selber klar geworden wie unsympathisch und oberflächlich ihre Protagonisten wirken, denn plötzlich setzt die große Läuterung ein: aus dem abweisenden, harten Mädchen wird widererwartend eine liebende und fürsorgliche Erwachsene. Spinne entpuppt sich sogar als Romantiker.

Und zwischen all diesem Tohuwabohu geht die eigentliche Geschichte etwas unter. So fliehen die beiden Teenager zwar vor der Polizei und verstecken sich mal hier und mal dort… aber was es mit den Zahlen, die Jem sehen kann, wirklich auf sich hat, wird nicht geklärt. Dem Leser wird diese Information einfach vorgesetzt: Jem kann den Todestag der Menschen sehen und fertig. Es bringt sie in Schwierigkeiten, sie muss fliehen – und Ende. Dabei fragt man sich manchmal warum die beiden überhaupt der festen Überzeugung sind fliehen zu müssen… aber das sei noch einmal verziehen da es sich ja um “schwierige” Jugendliche handelt die schon öfters mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

Gegen Ende wird die Geschichte – wie schon erwähnt – immer merkwürdiger. Jem und Spinne sind geläutert… das wird sogar so weit auf die Spitze getrieben, dass sie vor der Polizei flüchtet und in einer Kirche Asyl sucht. Der große erwartete Showdown, die Konfrontation mit der Polizei, gestaltet sich dann auch eher enttäuschend und letztendlich macht die Geschichte einen Sprung von fünf Jahren um dann mit einem zwar offenen, jedoch recht vorhersehbarem Ende aufzutrumpfen.

Worum es in der Fortsetzung geht, wird jedenfalls mit dem berühmten Zaunpfahl “angedeutet”. Vielleicht bekommt man dann ja auch endlich als Leser ein paar Antworten auf die ganzen offen gebliebenen Fragen – ich selbst aber werde mir den nächsten Teil nicht mehr antun.

Durch eine interessante Geschichte gelockt, wurde ich stark enttäuscht. Im Gedächtnis jedenfalls bleibt mir, dass einer der Protagonisten stinkt (das wird extra auf fast jeder Seite erwähnt – falls wir Leser uns das nicht merken können) und beide einfach nur ein trauriges RTL-Mittagsprogramm-Pärchen sind, das etwas mehr Action als gewöhnliche Jugendliche erfährt weil Jem eine mysteriöse Gabe hat.

Bewertung: 2/5


Numbers von Rachel Ward
368 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Carlsen Verlag GmbH
ISBN: 978-3551520074
13,95€

5 Comments
  • Stephie
    Posted at 22:51h, 26 November Antworten

    Oh, sogar nur ein Stern. Das Buch hat ja bei dir so richtig schlecht abgeschnitten. In den meisten Punkten kann ich dir allerdings zustimmen, war auch ziemlich enttäuscht von dem Buch. Aber ein wenig hat die Story es dann bei mir doch noch heraus gerissen.

  • anne
    Posted at 12:02h, 28 November Antworten

    Es ist wirklich schade, dass dir das Buch nicht gefallen hat!! :(

  • Miss Bookiverse
    Posted at 15:15h, 29 November Antworten

    Was du da über das Verlorengehen der Handlung sagst, trifft es sehr gut. Ich war auch enttäuscht, dass das Sehen der Todesdaten so eine unsignifikante Rolle gespielt hat. Das ist ja eigentlich DAS Element, mit dem das Buch arbeitet (zumindest lässt einen das Klappentext, Cover und Titel glauben) und dann wird es so wenig ausgeschöpft :/

    Krasse Bewertung mit einem Stern, ganz so schlecht fand ich es dann doch nicht.
    Eigentlich hat mich dieser Teil auch nicht direkt zum Weiterlesen animiert, aber ich finde, dass der 2. Band so interessant klingt, dass ich ihm irgendwann noch mal eine Chance geben werde.

  • Sarah
    Posted at 16:33h, 30 November Antworten

    @Miss Bookiverse: Den Inhalt vom 2. Teil habe ich mir noch gar nicht durchgelesen. Aber ich nehme ja mal an, dass es um den Sohn gehen wird? ;)
    Vielleicht gebe ich dem Buch noch einmal eine Chance wenn ich es irgendwo ertauschen kann aber kaufen will ich es mir auf keinen Fall.

  • Pia
    Posted at 20:42h, 01 Dezember Antworten

    Ich stimme dir zu 10000% zu. Ich fand das Buch auch schrecklich, wobei mich aber eher die Gossensprache und diese komischen Abkürzungen genervt haben (nich usw.). Sowas hat für mich nichts in Büchern zu suchen, vorallem soviel nicht.

    Das mit dem Grund weswegen Jem diese Zahlen sieht ist mir ehrlich gesagt auch dann erst aufgefallen, als ich deine Rezension gelesen habe. Aber ja, stimmt. Schade, da diese Gabe ja eigentlich ziemlich interessant ist – ich hätte mal gerne gewusst, wie Frau Ward das nun begründet hätte ;)

    Ich fand die Beziehung zwischen Spinne und Jem auch total komisch. Man hat irgendwie garnicht gemerkt, dass sie sich lieben. Keine Ahnung, wie ich das erklären soll, aber irgendwie kamen da keine wirklichen „Gründe“.

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