Rezension: No & ich

Rezension: No & ich

No & ich von Delphine de Vigan
256 Seiten (Hardcover)
Verlag: Droemer
ISBN: 978-3426198315
16,95€

Inhalt


„Wir sind imstande, Überschallflugzeuge und Raketen ins All zu schicken, einen Verbrecher anhand eines Haars oder eines winzigen Hautpartikels zu identifizieren, eine Tomate zu züchten, die im Kühlschrank drei Monate lang völlig faltenfrei bleibt, und Milliarden von Informationen auf einem Mikrochip zu speichern. Wir sind imstande, die Leute auf der Straße sterben zu lassen.“ (S. 81)

Lou ist dreizehn Jahre alt und hochbegabt. Ihr IQ von 160 schützt sie aber nicht davor, Angst vor Referaten zu haben. Als ihr Lehrer sie fragt, über welches Thema sie vortragen möchte, antwortet sie deshalb ziemlich widerwillig und eher spontan: über obdachlose Mädchen. Und so beginnt sie für ihren Vortrag zu recherchieren. Dabei trifft sie am Bahnhof auf die obdachlose No, die mit ihren achtzehn Jahren schon viel zu viel Schlimmes erlebt hat. Was als Schulprojekt beginnt, entwickelt sich aber schnell zu einer zaghaften Freundschaft. Lou und No treffen sich und reden, reden, reden. Und irgendwann wird der Dreizehnjährigen klar, dass sie etwas verändern will. Dass sie Lou helfen und die Welt ein Stück verändern möchte…

Bewertung


„No & ich“ ist ein sehr ernsthafter Roman über das Erwachsenwerden, den Glauben an das Gute und über das Leben selber.

Lou ist eine sehr ernste Protagonistin. Nicht nur ihr besonders hoher IQ, der sie bereits zwei Klassen hat überspringen lassen, macht sie dabei zu einer ununterbrochenen Denkerin. Auch die Probleme, die zu Hause totgeschwiegen werden, belasten das Mädchen. Umso erstaunlicher scheint es, dass ausgerechnet der älteste Schüler der Klasse, Lucas, ihr einziger Freund ist. Der Siebzehnjährige nennt sie Krümel und findet immer wieder aufheiternde Worte für Lou.
Erst als No in ihr Leben tritt, verändert sich für sie alles. Denn sie sieht in der Obdachlosen eine Freundin und ein Projekt gleichermaßen. Mit ihrem naiven Tatendrang nimmt sie sich vor etwas zu verändern und schafft es tatsächlich – wenn auch anders, als sie es sich vorgestellt hat.

Wunderbar fand ich an „No & ich“ wie Delphine de Vigan für ein so schwieriges Thema sensibilisiert. An einer Stelle beschreibt Lou sehr passend, wie man den Anblick Obdachloser einfach ausblendet, wie einem die Menschen, die dort tagein, tagaus am Straßenrand hocken, gar nicht mehr auffallen und beinahe mit dem Hintergrund verschwimmen. Tatsächlich kann man sich als Leser dort an vielen Stellen wieder erkennen und fängt an darüber nachzudenken, wie man selber mit diesem Thema umgeht. Die durchgehend etwas melancholische, getragene Sprache des Buches unterstützt dieses Gefühl und wendet sich so an das Moralempfinden es Lesers. In der Tat ist das der ergreifende und gleichzeitig erschreckende Teil des Buches – bekommt man doch einen Spiegel vorgehalten und empfindet ein schlechtes Gewissen dabei, wie mutig Lou etwas verändern will.

Was letztendlich aber dazu führte, dass ich nur drei Sterne vergeben habe, liegt am Verlauf der Geschichte. Das Ende ist vorhersehbar und auch wenn man es erwartet, und es sich logisch in die Erzählung einfügt, so hinterlässt es doch ein leicht ungutes Gefühl beim Leser. Ich selbst weiß noch immer nicht genau, was ich aus „No & ich“ denn nun mitnehmen soll. Man wird für etwas sensibilisiert und beginnt sich Gedanken zu machen. Ja, man kann etwas verändern, man muss nicht die Scheuklappen anlegen. Aber wozu führt das Ganze? Was hat man davon? Das Ende lässt einen etwas unbefriedigt zurück und nüchtert doch zumindest in dieser Hinsicht wieder aus.
Auch fand ich es etwas störend, dass Lou mit ihrem Aktionismus zwar nur Gutes im Sinn hat, ihre kindliche Naivität ihr Vorhabe aber ad absurdum führt. Sie möchte in No eine Freundin sehen und sie in ihre Familie aufnehmen, doch letztendlich behandelt sie sie wie ein Projekt oder ein Haustier. Es ist ihr nicht möglich tatsächlich ihre Scheuklappen abzulegen und so zu handeln, wie sie es sich vornimmt.
Darin liegt vermutlich auch der Knackpunkt der Geschichte, der sich zum einen darauf beschränkt die Gefühlswelt einer Dreizehnjährigen wieder zu geben und auf der anderen Seite zwar Hoffnung schürt, diese aber enttäuscht. Die letztendliche Aussage des Buches bleibt beklemmend und irgendwie hoffnungslos. Einzig die Entwicklung von Lous Mutter scheint eine positive zu sein. Durch Nos Anwesenheit blüht sie erstmals wieder auf und beginnt wieder zu leben. Aber auch die Aussage, die da hinter steckt, hat mir persönlich nicht gefallen. Hart ausgedrückt, empfand ich diese Entwicklung als „wenn du selber Probleme hast, such dir einen Sozialfall, mach ihn zu deinem Projekt und du kannst deine Probleme überwinden. Du musst nur jemanden finden, dem es noch schlechter geht.“.

Die Geschichte ist also recht treffend und realistisch geschrieben und gibt tatsächlich Eindrücke in das Denken eines Kindes, das erst noch erwachsen werden muss. Doch diese durchweg negative Stimmung hat mir nicht gefallen. Denn sich seine Träume bewahren zu können, ist es doch erst, was wirklich reizvoll ist. „No & ich“ desillusioniert eher und ist meiner Meinung nach etwas schwieriger Stoff für ein Jugendbuch.
Wem das gefällt, der wird durchaus Vergnügen an dieser Erzählung haben, denn „anders“ ist sie alle Male. Die schöne Sprache im Buch gibt natürlich auch einen großen Pluspunkt.

In Sternen: 3/5

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