Rezension: Nightshade

Rezension: Nightshade

Ein Menschenleben erscheint so zerbrechlich.
Das merkt Calla, als sie auf einer Patrouille in Wolfsgestalt durch ihren Waldabschnitt in Colorado auf den Wanderer Shay trifft. Wider der Gesetze ihres Clans entschließt sie sich den Jungen vor einem angreifenden Bären zu retten und offenbart ihm so ihr wohl gehütetes Geheimnis: sie ist eine Wächterin, ein Mensch, der sich nach Belieben in einen Wolf verwandeln kann.
Als Alpha ihres Rudels steht ihr die Vereinigung mit dem Alpha eines anderen Wächterrudels kurz bevor und seit ihrer Kindheit weiß sie, dass ihre Zukunft Ren gilt. Doch irgendetwas an Shay zieht sie vom ersten Moment an magisch an und bringt sie dazu die Gesetze der Wächter zu brechen. Nachdem sie dem Jungen das Leben gerettet hat, erwartet sie eigentlich nicht ihn so bald wieder zu sehen, doch Shay taucht plötzlich an ihrer Schule auf. Und als ob eine Entscheidung zwischen Pflicht und Gefühl, Ren und Shay noch nicht schlimm genug wäre, fängt dieser auch noch an unangenehme Fragen zu stellen. Calla beginnt zu hinterfragen ob das, was ihr ein Leben lang erzählt wurde, auch wirklich stimmt und gerät dabei in einen Konflikt, der seit Jahrhunderten wütet…

In Sachen Werwolf-Geschichte war ich bis jetzt noch kein großer Experte. Dank Andrea Cremer hat sich das zum Glück geändert.

Calla selbst tritt uns gleich zu Beginn der Geschichte als das gegenüber, was sie ist: eine starke Alpha-Wölfin. Sie hat ihr Rudel im Griff, weiß sich zu behaupten und schämt sich nicht wegen ihrer wölfischen Natur. Der Kampf und die Jagd sind selbstverständlich ein Teil von ihr – genauso wie ihre menschlichen Seiten. Auffällig dabei ist, dass sie zwar auf der einen Seite eine Anführerin darstellt, zu Hause bei ihren Eltern jedoch als beinahe normaler Teenager agiert. Sie streitet mir ihrer Mutter, wird zurechtgewiesen und ist ganz allgemein eine Tochter. Die bevorstehende Vereinigung mit Ren setzt sie sehr unter Druck und so sieht man erstmals, dass sie nicht nur stark und dominant ist, sondern auch verletzlich und unsicher. Auch ihre erste Begegnung mit Shay offenbart dem Leser kurze Einblicke in ihr Gefühlsleben, die sie zu einer spannenden Persönlichkeit machen.

Die beiden Männer in ihrem Leben können hingegen unterschiedlicher nicht sein und appellieren an verschiedene Züge von Callas Charakter. Ren ist ebenfalls ein Alphawolf und lebt diese Seite konsequent. Als hünenhafter Macho und Aufreißer wirkt er bisweilen starrköpfig und oberflächlich. Sein selbstsicheres Auftreten und sein gutes Aussehen jedoch lassen auch Calla nicht kalt und da sie ihm bereits seit ihrer Kindheit versprochen ist, empfindet sie ihm gegenüber ein gewisses Pflichtgefühl.
Shay hingegen hat zunächst nichts mit den Wölfen gemein – viel mehr verkörpert er einen etwas schüchtern wirkenden, verletzlichen jungen Mann. Er ist clever, ohne Frage, wandert gerne, liest viel und wirkt aufgrund der Tatsachen, mit denen er konfrontiert wird, bisweilen etwas hilflos. Dennoch wirken sein Charme und seine hartnäckige Art anziehend auf das Wolfsmädchen. Dass er letztendlich den Anstoß gibt, damit Calla beginnt die starren Regeln der Wächter zu hinterfragen, lassen ihn auch beim Leser punkten.

Insgesamt war ich mehr als begeistert davon, wie Andrea Cremer ihre Charaktere zeichnet. Die wölfische Natur der Rudelmitglieder ist unglaublich präsent – selbst, wenn sie nicht in ihrer Wolfsgestalt auftauchen. So nehmen die Instinkte und Sinne des Raubtiers viel Platz im Text ein: ob es das unterwürfige Verhalten der in der Hierarchie niedrigeren Rudelmitglieder ist, das dominante Verhalten der Alphas, ihre Angriffslust oder unscheinbarere Dinge wie der Geruchssinn, auf den sich Calla oft verlässt und der in manchen Passagen eine zentrale Rolle einnimmt. In diesen Situationen nimmt man Cremer ihre gute Recherche dankbar ab und kann sich gut in die Geschichte hineinfinden.

Ein Kritikpunkt meinerseits ist allerdings, dass gerade zu Beginn einige Zusammenhänge unklar sind. Da am Anfang keine großartigen Erklärungen stattfinden, wird man direkt in die Geschichte hineingeworfen. Das ist eigentlich kein Nachteil, doch die komplexen Zusammenhänge zwischen den Wächtern, ihren übergeordneten Hütern und ihren Gegnern, den Suchern, ist lange Zeit verwirrend. Erst wenn die Handlung fortschreitet, beginnt man als Leser dieses organisierte und fein gewebte Netzwerk zu verstehen – und gleichzeitig mit Calla und Shay zu hinterfragen. So mag die Geschichte an manchen Punkten recht vorhersehbar sein, doch wie die Charaktere in den jeweiligen Situationen reagieren und was sich letztendlich als Lüge herausstellt, ist unklar und sorgt für eine kontinuierliche, ebenmäßige Spannung den gesamten Text hindurch. Gerade Callas Verhalten, das zunächst ihre bekannten Routinen und Regeln zu verteidigen versucht, ist sehr gut nachvollziehbar und interessant gestaltet.

Etwas lästig waren hingegen ihre hormonellen Ausrutscher. Die Dreiecksbeziehung zwischen ihr, Ren und Shay vermag empfindliche Leser etwas zu stören. Mit einer Prise Erotik muss man an diesen Stellen schon klarkommen um nicht genervt mit den Augen zu rollen. Jedoch gibt es auch, was die Beziehungen im Buch angeht, einige positive Aspekte. Zwar kommen die anderen Rudelmitglieder in diesem ersten Teil noch nicht im Vordergrund vor, doch auch ihre Charaktere bekommen immer mal wieder kleine Auftritte, die ihnen ein Gesicht verleihen. Allen voran sollte eine homosexuelle Beziehung erwähnt werden, die, ohne mit dem Finger auf das Thema zu zeigen, für Toleranz und Akzeptanz steht.

Alles in allem war ich von „Nightshade“ angenehm überrascht und wurde durch den leichten Schreibstil, die vielschichtigen Charaktere und eine nicht perfekte, aber dennoch lesenwerte Geschichte, gut unterhalten. Meine Empfehlung geht an alle, die authentische Wölfe in einem Werwolfroman erwarten, in ihren Fanatsygeschichte etwas Liebe und Erotik wollen und zudem Spaß an Verschwörungen haben, die viele Jahrhunderte zurück liegen. Ich selber bin auf den zweiten Band, „Wolfsbane“, der noch dieses Jahr auf Englisch erscheinen soll, sehr gespannt und habe mir den 26. Juli schon im Kalender vorgemerkt.

Bewertung:4/5

Nightshade von Andrea Cremer
384 Seiten (Broschiert)
Verlag: Lyx
ISBN: 978-3802583810
12,99€


Die Reihe
1. Nightshade: Die Wächter (OT: Nightshade)
2. Nightshade: Dunkle Zeit (OT: Wolfsbane)
3. ??? (OT: Bloodrose)

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