Rezension: Neva

Rezension: Neva

In der sicheren Dunkelheit wird über das Undenkbare gesprochen. Über das Verbotene, die Rebellion.

Wie jeder andere Teenager auch, testen Neva und ihre Freunde ihre Grenzen aus und beziehen Opposition zu den vorhandenen Regeln. Nur, dass es im Falle der 16-jährigen wirklich gefährlich ist Kritik zu üben – denn sie lebt in „Heimatland“, einem Land unter einer Glaskuppel, in der nicht hinterfragt werden darf, was vor Generationen beschlossen wurde. Die komplette Abschottung von der Außenwelt wird der heutigen Jugend als Notwendigkeit erklärt. Doch in ihrem geschützten Refugium ist längst nicht alles so perfekt, wie es sollte: Güter werden knapp, die Kindersterblichkeit ist aufgrund der Inzucht hoch und immer wieder verschwinden einfach Menschen… und keiner weiß wohin.
So auch Nevas Großmutter, die ihr damals den außergewöhnlichen Namen verlieh. Deshalb steht für die 16-jährige und ihre Freundin Sanna fest, dass sie Antworten auf ihre Fragen brauchen, dass sie sehen wollen, ob noch etwas außerhalb der Kuppel über Heimatland existiert.
Dabei erfährt Neva schnell, dass sie nie wieder in die Unwissenheit zurückkehren kann und manche Wahrheiten nur schwer zu ertragen sind…

Nachdem die Jugendliteratur die Fantasy für sich entdeckt hatte und geradezu ein Schwall an Neuerscheinungen auf den Markt drängte, gibt es spätestens seit den „Tributen von Panem“ eine neue Nische, die besonders reizvoll scheint: die Dystopien. Auch Sara Grants „Neva“ ist in diese Schublade einzuordnen und beschäftigt sich mit dem Leben eines Mädchens, das unter einem totalitären Regime aufwächst und beginnt, sich gegen die vorgeschriebenen Regeln zu wehren.

Neva wurde in „Heimatland“ gerade für erwachsen erklärt – was dort automatisch mit einer Zeremonie im 16. Lebensjahr geschieht. Aber nur weil man auf dem Papier als erwachsen gilt, ist man es noch lange nicht. So hat auch das Handelnd der Protagonistin zunächst etwas von typisch jugendlicher Trotzhandlung. Hauptsache gegen die Regeln. Zusammen mit ihrer besten Freundin Sanna scheint ihre Rebellion eine Art aufregendes Spiel zu sein: es wird eine Dunkelparty (inklusive Knutschspielen) veranstaltet und ganz in Geheimagenten-Manier eine illegale Sprayaktion in der Stadt geplant.
Schnell jedoch wird den Beteiligten klar, dass es viel mehr als ein aufregender Spaß ist, gegen das Regime zu protestieren – es ist sogar bitterer Ernst. Und als Neva beginnt zu verstehen, was hinter der perfekten Fassade der Regierung steckt, stellt sie selber fest, dass Unwissenheit manchmal einfacher ist.
Ihr Charakter entwickelt sich im Laufe der Geschichte weiter und tatsächlich wird aus ihr eine junge Erwachsene, die für ihre Meinung und ihren Willen eintritt, die die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht aufgeben möchte und dennoch mit den Problemen, die auf sie zukommen, überfordert ist.

Dass sie sich immer mehr von ihrer besten Freundin Sanna entfernt, erschwert das Vorgehen für die 16-Jährige. Aber während sie schon den Ernst der Lage erkannt hat, scheint Sanna noch immer alles als einen Nervenkitzel zu sehen… bis sie die Konsequenzen ihres Handelns selber erfahren muss. Ich fand es etwas schade, dass man als Leser von Sanna so wenig erfährt. Sie handelt manchmal widersprüchlich und bleibt einem leider relativ fremd, sodass man kaum Mitgefühl für sie hat. Sogar als sie gegen Ende eine große Entscheidung trifft, fragt man sich unweigerlich warum sie nicht den Schritt nach Vorne wagt – so, wie es Neva stattdessen tut.

Die weiteren Charaktere des Buches waren eine Überraschung – mal positiv, mal negativ. Besonders Nevas Mutter und ihr Vater nehmen im Verlauf der Geschichte eine interessante Rolle ein. Ihre Entwicklung wird zwar nur am Rande, dafür aber umso spannender gezeichnet. Sowohl die unscheinbare Mutter als auch der regelkonforme Vater – der übrigens gleichzeitig der Minister für Altgeschichte von Heimatland ist! – sorgen für Wendungen, die viel Potential für einen Ausbau bieten würden. Umso mehr hat mich enttäuscht, dass es bei einer oberflächlichen Erwähnung der Familie der 16-Jähirigen bleibt und kein weiterer Einblick in das Denken und Handeln, die Beweggründe und das Leben der Eltern gewährt wurde.
Genauso ein Rätsel bleibt mir der männliche Part im Buch: Braydon. Der Junge wird als ein Mysterium mit roten Stiefeln vorgestellt – und genau das bleibt er auch. Als Freund von Sanna tritt er eher unauffällig in Erscheinung, nimmt aber im Laufe der Geschichte eine wichtige Nebenrolle ein. Letztendlich kommt allerdings auch sein Charakter auf den knapp 350 Seiten viel zu kurz und es bleibt dem Leser kaum die Gelegenheit ihn richtig kennen zu lernen um sein Handeln nachvollziehen zu können.

Das ist es schlussendlich auch, was mich hauptsächlich dazu verleitet „Neva“ mit nur drei von fünf möglichen Sternen zu bewerten. Die Geschichte ist ohne Frage interessant und spannend geschrieben. Durch den flüssigen Schreibstil und die angenehme Satz- und Kapitellänge ist der gesamte Text einfach zu lesen und verleitet dazu, beim Schmökern die Zeit zu vergessen. Leider passiert auf den wenigen Seiten aber so viel, dass dem Leser keine Zeit bleibt wirklich in der Geschichte abzutauchen. Zu viele Fragen bleiben ungeklärt, zu viel Thematik wird nur oberflächlich angekratzt. So wird zwar immer wieder in kleinen Bruchstücken geklärt was es mit „Heimatland“ auf sich hat, doch hätte mir gut gefallen noch mehr darüber zu erfahren warum eine ganze Bevölkerung überhaupt unter einer Kuppel sitzt. Es wird angedeutet, doch direkt ausgesprochen wird es nicht. Insgesamt pickt sich Sara Grant nur wenige Aspekte der Regierung heraus, die dann beleuchtet werden und stellvertretend für die Grauen der gesamten Machenschaften dort stehen. Als Leser würde man gerne mehr erfahren um sich ein besseres Gesamtbild über die Situation zu machen und ein feineres Gespür dafür zu bekommen, was letztendlich hinter Nevas Kampf für Freiheit steht. So jedoch rast man durch die Handlung und wird auf den wenigen Seiten mit einer Fülle von Vorkommnissen überschüttet, die dazu führen, dass man immer eine gewisse Distanz zu den Charakteren und deren Geschichte bewahrt. Dafür, dass der Schwerpunkt in „Neva“ nicht auf der Liebesgeschichte liegt, sondern viel mehr auf der Dystopie, erfährt man meiner Meinung nach zu wenig.

Nichtsdestotrotz hat Sara Grant eine durchaus interessante Zukunftsgesellschaft gezeichnet, deren Prinzip gar nicht so fern liegt. Mit ein bisschen mehr Raum für Erklärungen und Details wäre das Buch ein Paradebeispiel für eine gelungene Dystopie – so ist es immerhin ein leicht zu lesendes und unterhaltendes Buch, das noch Platz für Spekulationen bietet. Da es keine Fortsetzung zu „Neva“ geben wird, bleibt mit Spannung abzuwarten, was der nächste Roman der Autorin bietet.

Bewertung: 4/5

Neva von Sara Grant
352 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN
ISBN: 978-3426283486
16,99€

4 Comments
  • Pia
    Posted at 18:24h, 30 März Antworten

    Okay, hmh, das hört sich zwar nicht so gut an, aber trotzdem bin ich noch gespannt auf das Buch. Leider hast du mit deiner Rezension auch Dinge angesprochen die mich stören würden und deswegen bezweifle mich, dass ich das Buch mögen werde. Aber ich werde es ja sehen :)

  • admin
    Posted at 16:48h, 31 März Antworten

    Naja, es gibt auch viele Leute, die absolut begeistert sind! Ist ja alles Ansichtssache :) Lass es dir nicht verderben und viel Spaß beim Lesen!

  • Caro
    Posted at 09:09h, 01 April Antworten

    Hi,
    super Rezi! Genauso ging es mir auch :) Die Welt und die Charaktere werden einfach zu oberflächlich beschrieben. Ich fände eine Fortsetzung schön, denn gerade das Ende lassen viel Luft zum Spekulieren :) Die Autorin hat sich wohl auf der Leipziger Buchmesse geäußert (laut Pan) und gesagt, dass es eigentlich keine Fortsetzung geben soll, sie allerdings schon Lust hätte nochmal nach Heimatland zurückzukehren. Wir dürfen gespannt sein :)
    Liebe Grüße
    Caro

  • Lese♥Jenny
    Posted at 10:47h, 24 Juli Antworten

    Warum gibt es keine Fortsetzung? :((

    Schade würde gerne so vieles wissen was sich nicht aufgeklärt hat.

    Vllt. wie Caro schon gesagt hat gibt es doch noch einen Hoffnungsschimmer :D

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