Rezension: Nach dem Sommer

Rezension: Nach dem Sommer

Wenn man an ein Wolfsrudel denkt, das wild durch den Wald prescht und die Fährte seiner Beute verfolgt, hat man ein etwas unbehagliches Gefühl. Jeder weiß, dass Wölfe Jäger sind – auch, wenn sie Menschen normalerweise meiden und uns nicht gefährlich werden.

Grace hingegen hätte allen Grund Angst vor den Wölfen im Wald hinter ihrem Haus zu haben: das 17-jährige Mädchen wurde als Kind von einem Rudel Wölfe von ihrer Schaukel gezerrt und beinahe getötet – hätte nicht der Wolf mit den leuchtend gelben Augen sie gerettet. Seitdem beobachte sie die Wölfe jeden Winter von ihrem Garten aus und hält dabei besonders Ausschau nach „ihrem Wolf“, dem sie ihr Leben verdankt.
Im Sommer zeigt das Rudel sich nie, aber pünktlich mit dem ersten Frost weiß Grace, dass sie ihn bald wieder sehen wird, wie er am Waldrand steht und zu ihr hinüber sieht.

Über die Jahre nähern die beiden sich immer mehr an einander an und so ist es nicht verwunderlich für Grace, dass er sich in diesem Spätsommer sogar von ihr streicheln lässt. Sie ist nicht einmal besonders überrascht, als „ihr Wolf“ plötzlich angeschossen vor ihrer Haustür liegt – in Menschengestalt.

Sam ist ein Werwolf, genau wie die anderen Rudelmitglieder im Wald. Er erklärt Grace, dass sie alle sich jeden Winter aus ihrer menschlichen Gestalt verwandeln – so lange, bis sie irgendwann ganz und gar in ihrer Wolfsgestalt bleiben. Als die beiden sich in einander verlieben, müssen sie aber erkennen, dass alles gegen sie spricht: nicht nur, dass es Sams letzter Sommer als Mensch sein wird, sondern auch ein junger Werwolf und eine machtsüchtige weiße Wölfin machen große Probleme. Es wird bereits kalt, als die Ereignisse sich überschlagen und Grace nicht nur um ihre Liebe, sondern auch um ihr Leben und das ihrer Freunde kämpfen muss…

Viele werden sich wahrscheinlich denken: nach den Vampiren kommen jetzt halt die Werwölfe. Kann so ein Buch überhaupt gut sein? Das kann ich ganz einfach beantworten: ja, es ist sogar noch viel besser!

Maggie Stiefvater erzählt uns Lesern eine Geschichte, die von der ersten Seite an bezaubert und fasziniert. Die Idee, dass nicht der Vollmond, sondern die Temperatur einen Einfluss auf die Gestalt der Werwölfe hat, ist für mich vollkommen neu und war dennoch – oder gerade deshalb – spannend und nachvollziehbar. So steigern schon die Kapitel, unter denen jedes Mal die Außentemperatur angegeben ist, die Spannung und lassen einen beim Lesen darum bangen, ob Sam sich verwandeln muss oder ob ihm wohl noch ein paar Tage mit Grace bleiben.
Die Charaktere selber sind interessant und glaubhaft gezeichnet, sodass es Spaß macht ihre Entwicklung zu verfolgen. Grace ist keine der beliebtesten Schülerinnen auf der Schule, aber sie ist auch nicht schüchtern und zurückhaltend, sondern schlagfertig, klug und willensstark – was sie unheimlich sympathisch macht. Auch Sam ist weder ein Superheld, noch ein leidender Jammerlappen: er ist witzig und liebt Gedichte von Rilke.

Damit wäre ich auch schon bei einem weiteren Punkt, der mir an „Nach dem Sommer“ so gut gefallen hat: abgesehen von der ausgefeilten Geschichte und den tollen Charakteren ist die Sprache im Buch fantastisch (dieses Kompliment geht also auch an die Übersetzer!). Beim Lesen kann man direkt eintauchen in die Handlung, meint sogar den Wald und die Wölfe darin riechen zu können, so detailliert und farbenfroh wird alles beschrieben. Auch, dass zwischendurch Songtexte und Gedichte (von Rainer M. Rilke) in den Text einfließen, stört nicht im Geringsten, sondern fügt sich einfach, wie ein passendes Puzzlestück, ein.

Da es sich mit diesem Buch um den Auftakt zu einer Trilogie handelt, möchte ich auch dazu noch kurz etwas anmerken. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Charaktere zu oberflächlich angerissen werden, so wie es leider oft in ersten Bänden von Buchreihen geschieht. Dennoch erfährt man auch nicht so viel über jeden auftretenden Charakter, dass man völlig zufrieden ist und auf die Fortsetzungen verzichten könnte (ich zumindest kann es kaum erwarten den nächsten Band zu lesen!). Einen gemeinen Cliffhanger gibt es zum Glück auch nicht und wer das Buch beendet hat, wird nicht frustriert zurück bleiben.

Mit „Nach dem Sommer“ landet man definitiv einen Volltreffer, wenn man eine gefühlvolle Liebesgeschichte lesen möchte, die zart beginnt und spannend weiter geht. Ganz egal ob man Fantasy mag oder Wölfe gut findet – vom Wolf mit den gelben Augen und dem Sommermädchen wird jeder begeistert sein. Und wer noch immer nicht überzeugt ist, der sollte sich mit dem Buch und einer dampfenden Tasse Tee jetzt im Herbst ans Fenster setzen und einfach den Text auf sich wirken lassen. Ich verspreche euch: diese perfekte Spätsommer/Herbst-Lektüre wird euch fesseln und nicht mehr loslassen, bis ihr atemlos die letzte Seite umgeblättert habt und etwas melancholisch und gleichzeitig zufrieden lächelnd feststellt, dass ihr gar nicht gemerkt habt, wie ihr ein ganzes Buch in einem Rutsch lesen konntet.

Bewertung: 5/5


Nach dem Sommer von Maggie Stiefvater
424 Seiten (Hardcover)
Verlag: Script5
ISBN: 9783839001080
18,90€
Erscheinungstermin: 06.09.2010

2 Comments
  • Dani
    Posted at 21:27h, 16 August Antworten

    Seeeeehr schöne Rezi!
    Würde sogar ich als bekennender Fantasy-Nicht-Fan evtl. lesen! ;)

  • myriel
    Posted at 18:14h, 17 August Antworten

    Schöne Rezi :)
    Ich hab das Buch gestern angefangen, nach ca. 3/4 eine kurze Schlafpause gemacht und dann heute den Rest gelesen. Wunderschön… wie ein Märchen und ich mag gar nicht so lang auf die anderen beiden Teile warten.

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