Rezension: Moonshine – Stadt der Dunkelheit

Rezension: Moonshine – Stadt der Dunkelheit

Siffige Hinterhofkneipen, in denen an betuchte Herren und arme Schlucker auf Dauerpump Alkohol ausgeschenkt wird. Laute, schnarrende Jazz-Musik dröhnt durch den Saal. Sufragetten demonstrieren auf den Straßen.

Die 20er Jahre in New York waren laut, dreckig, dekadent und korrupt. Der verschwenderische Lebensstil der aufsteigenden Neureichen steht den Hunger leidenden Arbeitern harsch gegenüber.
Mittendrin befindet sich Zephyr, die 24-jährige Lehrerin einer Abendschule und bekennender Gutmensch mit dem etwas degradierenden Ruf eine „Vampirrechtlerin“ zu sein.

Denn das New York Zephyrs wird nicht nur von den üblichen Gangsterbossen, käuflichen Politikern und durchschnittlichen Menschen bewohnt – auch Vampire und Dämonen, die „Anderen“, fristen dort ihr Dasein. So hat sich die junge Frau zur Aufgabe gemacht, jedem zu helfen, der ihre Hilfe benötigt: egal, ob Mensch oder Vampir.

Aus diesem Grunde kann sie auch an dem kleinen Jungen nicht vorbeigehen, den sie an einem Winterabend in einer Gasse findet: zerbissen, wie ein Stück Fleisch. Offensichtlich hat die berüchtigte Kindervampir-Gang „Turn Boys“ erneut zugeschlagen und einen unter-16-Jährigen verwandelt. Darauf steht für den frisch erwachten Vampir die Todesstrafe, denn ein gewandeltes Kind ist schwerer zu kontrollieren, als ein erwachsener Vampir.
Zephyr nimmt ihn aus Mitleid mit zur Arbeit und unterschätzt seine Kraft, als er versucht sie zu beißen.

Mit einer geradezu frustrierend gelassenen Selbstsicherheit hilf ihr Amir, einer ihrer Schüler, gerade noch aus der Patsche. Er bietet ihr sogar an den kleinen Vampir vor der Polizei zu verstecken und sich um ihn zu kümmern. Seine einzige Bedingung: Zephyr soll dafür für ihn den Drogenboss und Vampir Rinaldo finden. Aufgrund ihrer Vergangenheit und einer speziellen Gabe ist die Vampirrechtlerin nicht gerade ungeeignet für den Job und ihre permanenten Geldnöte lassen sie schließlich dem lukrativen Geschäft zustimmen – nicht ahnend, dass sie damit weitaus tiefer in die dunklen Machenschaften der schillernden Stadt gerät, als ihr lieb ist…

Ich gebe zu: ich war skeptisch. Vielleicht sogar mehr als das. Ein Buch über einen Menschen, der in einer Stadt mit Vampiren lebt. Um genau zu sein: im New York der 20er Jahre. Eine neuartige und mit Vorsicht zu genießende Mischung. Viel zu leicht bietet sich hier ein Abrutschen in ausgenutzte Klischees und kitschige Fanatsy-Romantik an.
Aber ich wurde mehr als positiv überrascht!
Zephyr Hollis ist ein sehr authentischer Charakter, den man sofort ins Herz schließt. Sie wird zwar liebevoll-spöttisch als „Vampirrechtlerin“ bezeichnet und hilft tatsächlich wann immer und wo immer sie kann, aber sie ist kein Gutmensch durch und durch. Allein schon ihre etwas mysteriöse Vergangenheit, die sich erst im Laufe der Geschichte aufklärt, gibt ihrem Charakter eine gewisse Vielschichtigkeit, die sie vom grauen Einheitsbrei der momentan so beliebten Romanheldinnen abhebt.
Auch der Dshinn Amir, der mal vertrauensvoll und mal gefährlich, bisweilen sexy und dennoch wie ein Spieler daherkommt, zieht einen beim Lesen in seinen Bann.

Während der Jagd auf Rinaldo entwickelt sich so eine Geschichte zwischen herrlichem Humor und bitterernsten Verwickelungen diverser Klein- und Großgangster rund um eine Frau herum, die eigentlich nur helfen möchte. Mehr als ein mal wird sie dabei dazu gezwungen ihre eigenen Prinzipien zu verraten und muss die Regeln des Spiels akzeptieren um an neue Informationen zu kommen, ihrem Liebesleben einen Tritt zu geben, ihrem Rambo-ähnlichen (und doch sehr herzlichen) Vater die Stirn zu bieten oder einfach nur den Tag zu überstehen.

Mein einziger, winziger Kritikpunkt am Buch ist, dass es nicht unbedingt in den 20er Jahren hätte spielen müssen. Natürlich verleiht es der Handlung einen passenden Rahmen: eine Zeit im Auf- und Umbruch (man denke nur an die gerade aufkeimende Bewegung der Frauenrechte), Widersprüche und Korruption passen auf diese Weise ideal ins Bild und lassen sich leichtens auf die Unterdrückung und Ausbeutung der „Anderen“ übertragen. Dennoch habe ich beim Lesen nicht das typische „Flair“ der Swinging Twenties spüren können. Manchmal wirkte es sogar ein wenig krampfhaft gewollt, wenn beispielsweise „F. Scott Fitzgerald eine Party gab“ oder Zephyr von einem „Model T“ beinahe überfahren wurde. Alles in allem tat das der fantastischen Geschichte aber keinen Abbruch. Ich musste beim Lesen schmunzeln, war vom angenehmen und teilweise stilistisch herausragenden Schreibstil gefangen und habe es genossen Zephyr und Amir auf ihrem Abenteuer zu begleiten.

Der Schlusssatz versprühte dann schon wieder einen Hauch von Hollywood: man hat praktisch die passende Outro-Musik im Kopf und kann das Buch zufrieden zuklappen. Sogar noch zufriedener wenn man weiß, dass Alaya Johnson bereits an einer Fortsetzung schreibt – denn unter uns: das Buch ist zwar in sich abgeschlossen, aber man hat doch das Bedürfnis noch mehr über das chaotische Leben der unkonventionellen Lehrerin zu lesen.

Bewertung: 5/5


Moonshine von Alaya Johnson
425 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN: 978-3426507162
9,99€

2 Comments
  • Stephie
    Posted at 22:21h, 23 September Antworten

    Jetzt, wo du dieses Buch so gut bewertest, ist es wirklich schade, dass es nur ein Taschenbuch ist.

  • Sarah
    Posted at 23:16h, 23 September Antworten

    Kaufst du gar keine Taschenbücher?

Post A Comment