Rezension: Memento – Die Überlebenden

Rezension: Memento – Die Überlebenden

Memento von Julianna Baggott
464 Seiten (Hardcover)
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3833901133
16,99€


Die Welt liegt in Schutt und Asche. Nach einem Atomkrieg ist nichts mehr, wie es einmal war. Einige Auserwählte konnten sich vor den verheerenden Angriffen in die sichere Kuppel flüchten, die meisten jedoch waren draußen der starken Strahlung und gefährlicher Nanotechnologie ausgeliefert. Jetzt leben die „‚Unglückseligen“‚ in den Trümmern ihrer Städte, in Elend und Gefahr, verschmolzen mit ihrer Umgebung und auf ewig gekennzeichnet. Denn die Bomben ließen die Menschen mit allem verschmelzen, was sich in ihrer Umgebung befand. Manche tragen Scherben im Körper, andere sind mit weiteren Menschen zusammengewachsen und einige gingen ganz und gar in Staub und Erde über, fristen seitdem halb als Tier, halb als Mensch ihr Dasein und lauern wie wilde Raubtiere im Verborgenen.

Pressia ist eine der Unglückseligen, die an ihrem sechzehnten Geburtstag vor der OSR fliehen muss ‚- einer Organisation, die sich nach dem Krieg aus den Trümmern erhob und zunächst Rettung versprach und mittlerweile doch nur Schmerz bringt. Auf ihrem Weg trifft sie auf Patridge, der ebenfalls auf der Flucht ist ‚ jedoch aus der Kuppel. Der „‚Reine“‚ ist noch ganz erschlagen von den Eindrücken dieser zerstörten Welt, als er und Pressia auf eine Spur geraten, die ihnen mehr über den Krieg offenbart und sie mitten hinein in Intrigen, Geheimnisse und Gefahr stürzt’…


‚Memento‘ ist wahrlich ein außergewöhnliches Buch. Ein Endzeitroman mit dystopischen Elementen, der unter die Haut geht und nicht selten ein beklemmendes Gefühl hinterlässt.

‚“Sie fliegen nicht mal. Man kann sie aufziehen, und sie flattern mit den Flügeln, aber das ist alles.'“
‚“Vielleicht hatten sie bis jetzt nur keinen Ort, zu dem es sich zu fliegen gelohnt hätte.“‚ (S.345)

Ähnlich geht es den Protagonisten der Geschichte. Pressia lebt mit ihrem Großvater zusammen, muss sich mehr schlecht als recht durchs Leben kämpfen und sowohl mit den lauernden Gefahren, als auch der ständigen Bedrohung durch die OSR zurecht kommen. Die Hoffnung hat sie, wie alle anderen Unglückseligen, schon lange aufgegeben. Einzig die wenigen Erinnerungen an ihre Zeit vor dem Krieg sind ihr noch geblieben ‚- auch, wenn diese immer schwächer und bröckeliger werden.

Patridge hingegen kann zumindest über seine Lebensumstände nicht meckern. Er lebt unter der Kuppel ein standardisiertes Leben mit Privilegien, da sein Vater eine wichtige Persönlichkeit im Kapitol ist. Aber die Beziehung zu seinem Vater ist unterkühlt, sein Bruder hat Selbstmord begangen und seine Mutter ist angeblich bei den Bombenangriffen draußen gestorben. Oder doch nicht? Als er Hinweise findet, die auf ihr Überleben deuten, beschließt er, dass es endlich einen Ort gibt zu dem es sich zu fliehen lohnt: außerhalb der geschützten Kuppel.

Ganz anders ist das Leben für Bradwell, den passionierten Widerstandskämpfer. Seine Eltern wurden schon bevor die Bomben fielen erschossen. Sie wussten zu viel. Seitdem sammelt er draußen alles, was an das ‚“davor“‚ erinnert und gibt seinen wenigen Zuhörern das, was er als wahre Geschichte des Krieges kennt, weiter. Hoffnung hat aber auch er keine mehr und seine kleine Bewegung kann weder gegen die OSR noch das Kapitol etwas ausrichten. Der Schaden ist sowieso getan. Das ändert sich erst, als er Pressia trifft, die mit Patridge bei ihm auftaucht.

Gemeinsam machen sich die drei auf den Weg und auf die Suche nach Antworten. Gemeinsam entdecken sie, dass es noch etwas gibt, für das es sich zu fliegen lohnt.

Mehr verrate ich an dieser Stelle nicht über den Inhalt und die Charaktere, denn das langsame Kennenlernen, das stetige mehr und mehr Verstehen nimmt viel in der Geschichte ein. Besonders faszinierend sind aber nicht nur die unterschiedlichen Protagonisten, die immer wieder zu Wort kommen und die Erzählung komplettieren, sondern auch die Art und Weise wie Julianna Baggott ihre erdachte Welt präsentiert.

Düster ist es. Ungemütlich, beängstigend und fremd. Nicht nur für Patridge, der sein Leben unter der wohlbehüteten Kuppel verbracht hat, sondern auch für den Leser. Mutationen, Verschmelzungen und graue Asche, die alles Leben unter sich begräbt. Es gibt ganze geschmolzene Wohnsiedlungen, Schaukeln, die zu dunklen Flecken aus Plastik in der Erde geworden sind. Und als Leser ist man mittendrin und kommt nicht umhin, hin und wieder zu schaudern aufgrund der Szenarien, die die Autorin schafft. Aus diesem Grunde kommt auch die Hoffnungslosigkeit zunächst sehr gut rüber. Jeder auf seine Weise sind doch alle Überlebenden verloren und kämpfen mit den schrecklichen Konsequenzen der Bomben. Nicht selten wird man in Erinnerungs-Rückblicken sogar zu dem Moment geführt, in dem die Bomben fielen und erlebt das Schrecken und die Grausamkeit hautnah.
Doch so grau diese neue Welt auch sein mag: Julianna Baggott überrascht mit fantastischen Einfällen, die teils grotesk, teils faszinierend clever sind. Alle ihre Beschreibungen ‚- sei es von den Mutationen über die Umgebung hin zu den politischen Netzwerken ‚- fesseln und unterstützen die angespannte und ungemütliche Grundstimmung der Geschichte.

Umso schöner ist es deshalb, dass das Buch dennoch nicht deprimiert. Die Hoffnungslosigkeit ist immer greifbar, doch nicht immer im Vordergrund. Patridge, Pressia und Bradwell ergeben ein Gespannt, das den Leser mitreißt. Ihre Geschichte verknüpft und verzwirbelt sich, bis man den Atem anhält und gar nicht mehr so schnell lesen kann, wie man gerne würde.

‚Memento‘ ist ein Endzeitroman und der Auftakt zu einer Reihe, der begeistert. Für Fans von sehr düsteren und teilweise grotesk-gruseligen Szenarien sowie verworrenen Geschichte, plastischen Beschreibungen und einem teils wunderschön-poetischen Schreibstils ein absolutes Muss. Endlich kein Buch aus dem Genre mehr, das durch kitschige Liebesgeschichten oder allzu leichte Thematik vom Kernpunkt des Genres ablenkt, sondern mit gnadenloser Härte direkt hineinsteuert.

In Sternen: 5/5

2 Comments
  • Kermit
    Posted at 19:48h, 07 Mai Antworten

    Ich MUSS dieses Buch haben! Vielen, vielen Dank für diese großartige Rezension. Die deutsche Ausgabe steht schon auf meiner Wunschliste, seit ich Rezis zum Original gelesen habe. Leider habe ich bisher zur Übersetzung überwiegend negative Meinungen gelesen und so ist das Buch dann auf der Prioritäten-Liste etwas nach unten gerutscht. Aber das hat sich gerade ganz schnell wieder geändert :D

  • Carlin
    Posted at 08:16h, 21 Mai Antworten

    Also mir gefällt das Cover sehr gut. Würd ich sofort kaufen. Leider bin ich nicht so auf Endzeit-Romane aus..

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