Rezension: Lilienblut

Rezension: Lilienblut

Endlich ist der Sommer gekommen – und mit ihm die Ferien und Sabrinas sechzehnter Geburtstag. Aber anstatt sich auf die kommenden Wochen zu freuen und mit ihrer Freundin Amelie die Freizeit zu genießen, sieht Sabrina ihrer Zukunft missmutig entgegen. Als Tochter einer alleinerziehenden Winzerin kann sie nur Amelies Reiseplänen um die ganze Welt zuhören anstatt ihre Sachen zu packen und sich auf und davon zu machen. Sie muss bei der Weinlese helfen und wird nach der Schule in das Geschäft mit einsteigen. Ein Leben lang an den Reben stehen und für ihr Gedeihen sorgen.

Plötzlich aber taucht Kilian mit seinem alten Schiff in einer abgelegenen Bucht auf. Amelie ist sofort Feuer und Flamme für den mysteriösen Fremden, der sich dort versteckt hält und möchte am Liebsten mit ihm davonlaufen. Und auch Sabrina kann sich ihm nicht entziehen.
Doch dann wird Amelie ermordet und Kilian verschwindet mit seinem Schiff über Nacht spurlos. Weder der junge Mann, noch sein Schiff, die Desiree, können gefunden werden. Sabrina kann nicht fassen, dass ihre wilde Freundin plötzlich nicht mehr an ihrer Seite ist und mit ihr Reisepläne schmiedet und will nicht akzeptieren, dass die Polizei mit ihren Ermittlungen nicht weiter kommt. Deshalb macht sie sich auf eigene Faust auf die Suche nach einem Schuldigen und stößt dabei auf einen Mord, der acht Jahre zuvor an beinahe der selben Stelle geschah. Dabei treibt eine Frage sie unermüdlich vorwärts: hat Kilian etwas mit dem Mord zu tun?

Ein Jugendthriller aus und in Deutschland. Abgesehen von der Jette Weingärtner-Reihe (Monika Feth) fällt mir da nicht einmal ein Vergleich ein. Kein Wunder also, dass man als unerfahrener Leser erst einmal vorsichtig an das Thema herangeht.

Allerdings können schon die Charaktere in Elisabeth Herrmanns „Lilienblut“ punkten. Sabrina ist die Protagonistin, aus deren Sicht sich die gesamte Geschichte abspielt. Ein normales sechzehnjähriges Mädchen hat man mit ihr als Hauptakteurin allerdings nicht. Sie hängt sehr an ihrer älteren Freundin Amelie und genießt es regelrecht, in deren Schatten zu stehen. Nicht besonders beliebt in der Schule, keine Streberin und noch dazu mit einem scheinbar vorbestimmten Lebensweg, fällt es ihr leicht den Träumen Amelies ebenfalls nachzuhängen und ihrem Alltag entkommen zu wollen. Dabei ist sie selber eigentlich ganz anders als ihre Freundin: viel zurückhaltender und stiller.
Amelie ist nämlich immer auf der Suche nach Abenteuer, nach Ablenkung. Zu Hause hält sie es selten aus und möchte nichts lieber als weg. Egal wohin. Egal mit wem. So streift sie, immer auf der Suche nach Freiheit und der großen Liebe durch ihren kleinen Ort und findet doch nichts Anderes als kurze Affären, die einengende Realität und letztendlich den Tod.

Was zunächst ein wenig deprimierend klingt, nutzt die Autorin gekonnt, um die Geschichte voran zu treiben. Nur durch diesen Ausgangspunkt kann Amelie letztendlich in die Falle tappen und nur so kann Sabrina beginnen ihr Leben selber in die Hand zu nehmen und auf ihrem Weg, der sowohl Erwachsen werden als auch Abschied nehmen heißt, herausfinden, wer der Mörder ihrer Freundin ist.

Leider ist die Geschichte an einigen Stellen recht vorhersehbar und zumindest die Frage nach dem Mörder ist für aufmerksame Leser schnell geklärt. Dennoch lässt man sich gerne von der besonderen Stimmung des Buches gefangen nehmen. Elisabeth Herrmann bringt, wie kaum eine Andere, kleinste Details in ihrem Text unter, sodass man zu Beginn genauso bedrückt wie die Charaktere ist. Man durchlebt mit Sabina gemeinsam die Angst eines vorbestimmten Lebens, den Willen den Mord aufzuklären, die Frustration, Angst und Nervosität, die sich daraus ergeben. Zum Schluss wird es sogar etwas kitschig – aber nach der Spannung, die man auf knapp 440 Seiten geboten bekommt, erscheint das sogar als runder, angenehmer Abschluss.
Denn wer „Lilienblut“ nur als Thriller abstempelt, hat die fantastisch eingewobenen Untertöne nicht verstanden. Inmitten einer spannenden sowie mysteriösen Geschichte geht es auch um Selbstfindung, um die erste Liebe, um die Zukunft und um das Bild einer beliebigen Stadt in Deutschland mit allen ihren Höhen und Tiefen, ihren Menschen und ihrem Leben.

Ich selber habe jede Seite genossen und bin beeindruckt, wie atmosphärisch dicht und logisch durchdacht die Geschichte sich aufbaut. Definitiv ein Buch, das man so schnell nicht vergisst und an das man sich gerne erinnert.

Bewertung: 5/5

Lilienblut von Elisabeth Herrmann
448 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570307625
8,99€

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