Rezension: Interview mit einem Vampir

Rezension: Interview mit einem Vampir

Ein dunkles Zimmer in einem Hotel. Irgendwo, ganz egal wo. Was zählt, sind die beiden Männer die sich dort gegenüber sitzen: der eine, kaum älter als ein Junge, der Andere wandelt seit 1766 auf dieser Welt.
Louis war einst ein reicher Plantagenbesitzer in New Orleans. Führte ein gutes Leben mit seiner Schwester und seinem strenggläubigen Bruder zusammen. Doch dann starb sein Bruder und Louis gab sich die Schuld dafür. Er wollte nicht mehr leben, war aber zu feige um seiner Existenz selber ein Ende zu setzen. So verbrachte er seine Tage und Nächte wie in einem Nebel. Bis er Lestat fand. Bis der Tod ihn fand.
Lestat erkor Louis zu seinem Begleiter durch die Ewigkeit aus und machte ihn zu einem Vampir.
Und jetzt, heute, sitzt Louis in diesem Hotel, gemeinsam mit einem jungen Reporter und einer Tasche voller Tonbänder, die darauf warten besprochen zu werden. Besprochen mit der Geschichte seines Lebens – und seines Todes…

Zu diesem Buch eine Rezension zu schreiben, fällt mir ehrlich gesagt ausgesprochen schwer, weil ich schon im Vorfeld den Film kannte. Deshalb komme ich auch nicht umhin, immer mal wieder etwas zum Vergleich Buch – Film zu sagen, aber ich fange erst mal mit dem Grundsätzlichen an.

Dadurch, dass Louis tatsächlich ein Interview gibt und aus seinem Leben direkt erzählt, erhält die ganze Geschichte eine unglaubliche Plastizität und man wird regelrecht hinein gesogen. Als Leser erfährt man Louis als einen Charakter, der schon unheimlich viel erlebt hat und darunter sehr zu leiden hatte. Das beginnt damit, dass sein Bruder Selbstmord begeht und er sich die Schuld dafür gibt, geht dann aber über Jahrhunderte weiter und zieht sich bis in die Gegenwart. Da er bereits unter den Fehlern seines menschlichen Lebens leidet und recht sensibel ist, ist wohl auch Lestat der denkbar schlechteste Mentor, den Louis haben kann. Denn wo Louis sich nach einem friedlichen Leben sehnt, möchte Lestat lediglich seinen Instinkten vertrauen und sich dem Blutrausch ergeben. Der ältere Vampir ist bisweilen grausam und hat Spaß am Tod seiner Opfer während Louis einen Widerwillen gegen das Trinken von menschlichem Blut hegt. Seine Versuche seinem Mentor zu entkommen, entpuppen sich ebenfalls als äußerst schmerzhafte Erfahrungen und sich loszureißen gelingt ihm erst mit Hilfe des Vampirmädchens Claudia, die ihm von ihrem Wesen her zwar ganz und gar fremd ist, jedoch so vertraut wie eine eigene Tochter erscheint.

Die Mischung aus Ich-Erzählung und Anne Rices düsterem, getragenem Erzählstil vermittelt schließlich eine außergewöhnliche Stimmung, die dem gesamten Buch so eigen ist. „Interview mit einem Vampir“ ist jedenfalls ganz anders, als die Jugendbücher über die Blutsauger, welche Momentan überall in den Buchhandlungen zu finden sind. Die Geschichte ist weder besonders actionreich, noch enthält sie Sexszenen – dennoch verfolgt man gebannt das Geschehen und merkt, dass die Autorin das Bild der Vampire durchaus subtil erotisch zeichnet. Hier sind die Untoten tatsächlich Wesen, die gefangen sind zwischen ihrer menschlichen Existenz und ihrer neuen als Raubtier. Louis selber stellt sich häufig die Frage ob Vampire Geschöpfe des Teufels sind und versucht einen Sinn hinter seiner Existenz zu ergründen, sucht jedoch vergeblich und verzweifelt zunehmend daran. So handelt es sich hier um eine ganz ernsthafte Geschichte mit leisen Untertönen und man merkt, wie viele Gedanken sich die Autorin zum Thema Unsterblichkeit gemacht hat.

Für mich persönlich wäre das Buch beinahe perfekt gewesen – hätte ich nicht schon den Film vorher mehrmals gesehen. Denn obwohl der Film ebenfalls überaus gut gelungen ist, versaut er einem doch die ganze gedruckte Geschichte. Anders, als es bei Literaturverfilmungen oft der Fall ist, ist hier der Film sehr nahe an der Buchvorlage und distanziert sich nur hier und da einmal ganz davon. So wusste ich permanent, was als nächstes passieren würde und wurde teilweise ungeduldig beim Lesen. Tatsächlich schafft Anne Rice es, auf den knapp 290 Seiten sehr viel ausführlicher und detailverliebter Louis Geschichte zu erzählen, als es der Film vermag. Gerade das ist aber ein Manko, da man durch die intensiven Beschreibungen gleich beim Lesen Bilder vor Augen hat. Ohne Vorkenntnisse des Filmes garantiert eine sehr gut gelungene Erzählung, mit allerdings schwierig, da man so das Gefühl hat, gezwungen zu sein, den Film in Zeitlupe zu betrachten. Man möchte praktisch unwillkürlich dem Verlauf des Filmes folgen da die Grundstimmung und der Handlungsrahmen sich präzise überschneiden, doch kann es nicht, da das Buch immer wieder ausschweift und nicht so schnell vorwärts kommt. Dadurch zieht sich das Lesen dann wie ein altes Kaugummi und man kann leicht die Geduld verlieren, was nicht nur überaus schade ist, sondern dem Buch auch auf keinen Fall die ihm gebührende Achtung schenkt.

So kann ich zusammengefasst sagen, dass das Buch erfrischend anders ist. Die düstere Stimmung, die ernsthafte Geschichte und die verlorenen Charaktere betrachten den Mythos Vampir einmal auf eine erwachsene und interessante Art und Weise. Wer allerdings den Film schon kennt und liebt, wird unter Umständen Probleme haben, sich durch die 290 Seiten zu lesen. Hier empfehle ich also: erst Buch, dann Film!

Bewertung: 3/5

Interview mit einem Vampir von Anne Rice
288 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442469222
7,95€

3 Comments
  • Laura
    Posted at 21:04h, 22 Mai Antworten

    Mir ging es ganz genauso! Hatte den Film auch schon vorher gesehen und Schwierigkeiten beim Lesen aufmerksam zu bleiben.

  • Windfänger
    Posted at 13:50h, 23 Mai Antworten

    Schön zu lesen, dasss dir das Buch doch gefallen hat ;) Ich gehöre auch zu denen, die erst den Film gesehen und dann das Buch gelesen haben – aber mir ging es ganz anders beim Lesen als dir: ich war wahnsinnig fasziniert von Louis‘ Geschichte und seiner Melancholie. Von seinen Selbstzweifeln während der gesamten Geschichte. Ich liebe Claudia, wenn sie auch manchmal ein wenig erschreckend ist. Lestat konnte ich zu Anfang nicht leiden – wie konnte er Louis das antun? Aber nachdem ich den nächsten Band der Vampirchroniken gelesen hatte, habe ich auch ihn ganz anders wahrgenommen. Langer Rede kurzer Sinn: ich liebe dieses Buch ;)

  • admin
    Posted at 16:35h, 24 Mai Antworten

    @Laura: Es beruhigt mich irgendwie, dass ich nicht die Einzige bin, der es so ging ^^

    @Windfänger: So hat das wohl auf jeden eine andere Wirkung ^^ Ich wünschte mir, ich hätte das Buch vor dem Film gelesen – dann wäre ich sicher ähnlich begeistert wie du! Ansonsten kann man wirklich nicht meckern: die Schreibweise hat mir sehr gut gefallen und die Melancholie kam richtig greifbar rüber. Lohnt es sich noch die anderen Bände der Vampirchroniken zu lesen? Ich bin mir nicht sicher ob ich Lestat überhaupt anders sehen möchte ;)

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