Rezension: In deinen Augen

Rezension: In deinen Augen

In deinen Augen von Maggie Stiefvater
496 Seiten (Hardcover)
Verlag: Script5
ISBN: 978-3839001264
18,90€

 

„Langsam lernte ich, als Wolf zu überleben, aber niemand konnte mir beibringen, wie ich so leben sollte.“ (S. 72)

Es sollte Sams Winter sein. Der Winter, den er genießen als Mensch genießen konnte. Doch statt ihm streift nun Grace durch die Wälder von Mercy Falls und er ist wieder allein.

Erst als die Tage wieder länger werden und die ersten Sonnenstrahlen den kalten Waldboden kitzeln, kann er sich auf die kommende Zeit freuen. Grace sollte bald zu ihm zurückkehren und dann wäre er endlich mit seinem Sommermädchen vereint.

Nur überschattet ein grausamer Mord das Glück der beiden. Ein Mädchen wird tot im Wald gefunden – offensichtlich von Wölfen angegriffen. Die Einwohner von Mercy Falls haben Angst vor dem Wolfsrudel und die Angst schlägt, wie so oft, in Hass um. Eine Hetzjagd soll die Lösung des Problems sein und Grace und die anderen Wölfe sind plötzlich in Lebensgefahr. Sam muss versuchen das Rudel zu retten. Doch ist er bereit seine menschliche Gestalt dafür zu verlieren?

 

Das lang ersehnte Finale der Trilogie um Sam und Grace ist endlich da. Und nur eine Frage brennt dem Leser unter den Nägeln: werden die beiden endlich ihre Ruhe und ein gemeinsames Glück finden?

Zunächst scheint alles dagegen zu sprechen. Während Sam sich seiner menschlichen Gestalt sicher ist, muss Grace mit ihren Verwandlungen kämpfen. Nur für kurze Zeit, wenn die Sonne im Frühling stark genug scheint, verwandelt sie sich zurück. In diesen kostbaren Stunden sehnt sie sich nach nichts mehr, als Sam wieder zu sehen. Doch jeder kleine Schatten, jeder kalte Windhauch kann ihre Hoffnungen wieder zerstören. Da man bis jetzt die Perspektive des Wolfes nur aus Sams Erzählungen gewöhnt ist, bekommt man in „In deinen Augen“ vollkommen neue Einsichten. Diese berühren und sensibilisieren dafür, wie schwer es für die Wölfe von Mercy Falls sein muss zwei Leben zu leben: eins im Sommer und eins im Winter.

Auch über Cole und Isabelle, die besonders in „Ruht das Licht“ in den Fokus getreten sind, erfährt man mehr. Und obwohl Cole noch immer Probleme mit seiner Verwandlung hat und Isabelle kein Wolf ist, erscheint die Beziehung der beiden zueinander wie die zweier Wölfe, die sich umkreisen, nach dem anderen schnappen und trotzdem spielerisch miteinander umgehen. Sie bilden den Gegenpol zu Sam und Grace und erfüllen ihre Aufgabe wunderbar. Oft muss man schmunzeln wenn die beiden Gewitterfronten aufeinander treffen und nicht selten erwischt man sich dabei, wie man begierig darauf wartet, dass Isabelle und Cole sich wieder einen Schlagabtausch bieten. Umso überraschter ist man, wenn Cole plötzlich eine neue Seite von sich zeigt. Diese spielt in „In deinen Augen“ eine nicht unbeträchtliche Rolle und fesselt an das Geschehen.

Beinahe vergisst man darüber kurz, wie die Gefahr dem gesamten Rudel im Nacken sitzt. Denn die Mannschaft für die Hetzjagd auf die Wölfe ist bereits gefunden und nur der Termin steht noch zur Debatte. Mit dieser permanenten Anspannung, lesen sich die knapp 500 Seiten wie im Flug.

Einen Kritikpunkt habe ich dennoch. Mich beschlich teilweise das Gefühl, dass der Höhepunkt der Geschichte künstlich aufgeschoben wurde. Anstatt zu handeln, erleben Sam und die Wölfe die Geschehnisse beinahe etwas zu passiv. Die Zeit rinnt ihnen davon, als Leser möchte man wissen was nun passiert – und dann verzögert sich die Auflösung wieder einmal. Dieses Herauszögern des Finales lässt es dann beinahe schon enttäuschend wirken nach der langen Wartezeit. Und das, obwohl es garantiert für die eine oder andere Träne sorgen wird.

So oder so könnte man dies als Jammern auf hohem Niveau bezeichnen. Maggie Stiefvater ist und bleibt meiner Meinung nach eine der besten Jugendbuchautorinnen, die sich momentan auf dem Buchmarkt tummeln. Vermutlich könnte sie absolut unsinnige Geschichten schreiben und würde dennoch damit begeistern. Denn ihr Schreibstil ist einzigartig poetisch, ruhig und einfühlsam. Wie eine zarte Melodie begleiten einen ihre Worte noch lange, nachdem man das Buch beendet hat und lassen einen wehmütig auf den letzten Band der Reihe schauen. Zum Glück kann man die Wölfe immer mal wieder besuchen, wenn einem danach ist: ein kurzer Griff ins Bücherregal und schon ist man wieder mitten drin, bei unseren Lieblingswölfen der Literatur.

In Sternen: 4/5

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