Rezension: Im wilden Osten dieser Stadt

Rezension: Im wilden Osten dieser Stadt

Im wilden Osten dieser Stadt von Irene Stratenwerth
240 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: rororo
ISBN: 978-3499256943
8,99€

Inhalt


Als mitten in der Nacht das Telefon klingelt, ist Kristina Wolland zunächst genervt. Die Anwältin genießt gerade die Zeit mit ihrem Freund, der nach 20 Jahren Aufenthalt in Brasilien so plötzlich wieder vor ihrer Tür stand und es erneut mit einer Beziehung probieren möchte. Doch als sie bemerkt, wie verängstigt und verstört ihre Freundin am Telefon klingt, macht sie sich sofort auf den Weg um ihre ehemalige Kommilitonin mit den psychischen Problemen in eine psychiatrische Anstalt zu bringen. Aber kaum dort eingetroffen, will Angie voller Panik wieder dort weg und zurück in ihre Wohnung. Auch diesen Gefallen tut Kristina ihr – und erfährt am nächsten Tag, dass ihre Freundin ermordet wurde.
Kurz darauf klingelt ihr Telefon erneut und es meldet sich ein junger Deutschrusse, der verzweifelt nach seiner Freundin sucht. Diese habe zuletzt bei Angie gewohnt, sei jedoch verschwunden. Ob der Ukrainerin ebenfalls etwas zugestoßen ist? Kristina beginnt auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen und gerät schnell in eine Szene, die von Frauenhandel lebt. Irgendwo zwischen den waghalsigen Ermittlungen und gefährlichen Situationen findet sie dann auch noch eine Verbindung zu ihrem Freund. Wem kann sie noch trauen?


Bewertung


Irene Stratenwerths Hamburgkrimi klingt vielversprechend. Umso erstaunter ist man, wenn man erstmals das überaus dünne Büchlein in der Hand hält. Ob knapp 240 Seiten bei einer so verworrenen Geschichte ausreichen?
Kristina Wolland ist dem Leser sofort sympathisch – beginnt ihr erster Auftritt doch damit, dass sie verschlafen hat und kurzerhand nach dem ersten Termin des Tages ihre Aushilfe zu Kaffee und Crossaint einlädt. Mit ihren vierzig Jahren steht sie fest im Leben, hat eine eigene Kanzlei und verdient damit nicht schlecht. Doch privat sieht es noch immer sehr chaotisch bei ihr aus. Besonders, seit ihr Ex-und-nun-wieder-Freund Michel sich in ihrer Wohnung eingenistet hat. Der lange in Brasilien untergetauchte Mann hat keinen richtigen Plan für die Zukunft, trinkt zu viel und behält als Fluchtmöglichkeit seinen gepackten Rucksack immer in Griffnähe. Nicht gerade das, was sich eine bodenständige Anwältin wünscht. Und dennoch ist sie froh, dass er wieder in ihr Leben getreten ist.

Absolut undurchsichtig bleibt aber zunächst die Person, die so geheimnisvoll ihre eigenen kleinen Intermezzos bekommt. Der Leser ist plötzlich nicht mehr bei der sympathischen Kristina, sondern liest über die Gedanken eines Mannes, der offensichtlich über seine Affäre nachdenkt. Mit wem? Warum? Was bedeuten seine Andeutungen? Der Leser erfährt es nicht.

Damit bin ich dann auch schon bei meiner Kritik angelangt. Liegt es an den wenigen Seiten? Oder sollte die Geschichte einfach nicht den Platz erhalten, den sie verdient hätte? Denn Potential ist da, aber „Im wilden Osten dieser Stadt“ überzeugt letztendlich nicht. Mit Kristina als ermittelnde Protagonistin fängt der Schlamassel schon an. Die Frau ist Anwältin und keine Polizistin. Im Verlauf der Handlung hat sie allerdings Kontakt mit den ermittelnden Kriminalbeamten und lässt sich auch schon mal auf Missionen ins Ausland schicken. Doch dafür, dass sie so fleißig von einem Ort zum nächsten pendelt, bleiben ihre Entdeckungen erschütternd banal. Man hat beim Lesen ein wenig das Gefühl, dass die Seiten damit gefüllt wurden, dass sie mal mit Person A spricht, dann mit Person B, sie reist mal hier hin und sucht jemanden, dann trifft sie sich mit irgendwem… und egal, wie viele Informationen sie sammelt, im Endeffekt macht doch die Polizei die „richtige Arbeit“. Es ist nicht einfach dem Geschehen zu folgen, aber durch die recht zurückhaltende Protagonistin trotzdem zu meinen, gar nicht richtig beteiligt zu sein. Gerade, wenn man den Hauptcharakter als Ermittler wählt, wäre es doch spannend gewesen auch etwas „Action“ zu bekommen und einen tieferen Einblick in die Verbrechensszene zu bekommen, die ja schon alle Kriterien für Spannung und Nervenkitzel bietet. Als dann nämlich doch endlich etwas passiert, was Kristinas persönliche Verwicklung deutlich macht (und eigentlich für Spannung sorgen soll), erhält die Szene schon beinahe einen Slapstick-Charakter, so … merkwürdig taucht sie plötzlich aus dem Nichts auf und ist genauso schnell wieder vorbei. Unglaubwürdig wirkt sie noch dazu.

Man bekommt als Leser einfach nicht die Zeit in das Thema der Geschichte richtig einzutauchen. Ich weiß, es soll kein Thriller sondern ein Krimi sein – aber mehr als eine oberflächliche Abhandlung der Story darf man sich dennoch wünschen. Abgesehen vom sehr leicht du flüssig zu lesenden Schreibstil, der mitunter sehr bildhaft und greifbar wirkte, fühlt man sich, als würde man von A nach B geleitet und bekäme dabei nur einige Randinformationen bis letztendlich am Ende die Auflösung kommt und man bemerkt, dass die Polizei sich schon um alles gekümmert hat. Moment… und was bedeutet das für Kristina? Die hat sich zwischendurch mit Vorurteilen gegenüber Einwanderern aus Russland und der Ukraine auseinander gesetzt, hat eine neue Freundin gefunden, hat etwas über Nasenspray gelernt und für die Polizei Ausflüge unternommen.

Irene Stratenwerth zeigt durchaus, dass sie sich eine Story ausdenken kann. Ihr Schreibstil trifft es oft genau auf den Punkt und auch ihre Charaktere sind interessant. Doch wird alldem so wenig Platz geboten, dass man am Ende des Buches enttäuscht zurück bleibt und darauf hofft, dass ihr nächstes Buch noch etwas dicker wird.

In Sternen: 2/5

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