Rezension: Gut gegen Nordwind

Rezension: Gut gegen Nordwind

Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer
224 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442465866
7,95€

Inhalt


Die Welt ist ein Dorf. Das Internet ein ganzes Universum fĂŒr sich. Und doch ĂŒberschneiden sich beide Felder manchmal ganz zufĂ€llig und schaffen einen neuen Raum, der zwar ĂŒberall, aber auch nirgendwo existiert und nur fĂŒr bestimmte Menschen zugĂ€nglich ist.

So ist es jedenfalls, als Emmi ein Zeitungsabo abbestellen möchte und durch einen kleinen Tippfehler nicht bei der Redaktion von „Like“ sondern bei Herrn Leike landet. Mehrmals. Als dieser sie ĂŒber ihren Irrtum aufklĂ€rt, entspringt dem Ganzen zunĂ€chst ein ungezwungenes, heiteres GesprĂ€ch per Email. Nach und nach entwickelt sich aber mehr zwischen den beiden und ehe sie sich versehen, brauchen sie die tĂ€glichen Mails des jeweils anderen viel mehr, als sie eigentlich sollten. Denn immerhin kennen sie sich nicht, haben sich nie gesehen, gehört oder getroffen. Immerhin ist Emmi verheiratet. Und doch lĂ€sst sie der Gedanke nicht mehr los, was wĂ€re wenn. Wenn sie sich treffen wĂŒrden. Sind ihre GefĂŒhle real und können der RealitĂ€t standhalten oder ist das alles zum Scheitern verurteilt?

Bewertung


Ich bin mir ziemlich sicher, dass Daniel Glattauer mit seinem Buch eine ganze Schar von Frauen dazu gebracht hat, an wildfremde Leute Mails zu verschicken und zu hoffen, dass sie ebenfalls auf einen Leo Leike treffen. Denn viel mehr 21.-Jahrhundert-Romantik kann man gar nicht zwischen zwei Buchdeckel pressen.

Aber um mal am Anfang zu beginnen: genau wie die beiden sich gegenseitig zunĂ€chst nicht kennen, lernt der Leser mit jeder Mail etwas mehr ĂŒber Leo und Emmi. Es macht Spaß ihren GesprĂ€chen zu folgen, genauso wie sie zwischen den Zeilen zu lesen und sich ein Bild der beiden Protagonisten zu machen.
Dass das gesamte Buch tatsĂ€chlich aus nichts als Email besteht, hat mich am Anfang etwas beunruhigt. Kann das denn auf Dauer interessant sein? Zum GlĂŒck kann es das – auch ohne ausschweifende Landschaftsbeschreibungen, allwissende ErzĂ€hler und GeplĂ€nkel zwischendurch versteht es „Gut gegen Nordwind“ zu fesseln und eine ganze Geschichte lĂŒckenlos (oder gerade wegen der LĂŒcken) wunderbar zu erzĂ€hlen. Das hat mich unheimlich positiv ĂŒberrascht und war einer der GrĂŒnde dafĂŒr, dass ich das Buch so schnell durch lesen konnte.

Was mich allerdings immens gestört hat, waren letztendlich zum Großteil die Dialoge selber. Ja, es gibt wunderschöne und romantische Passagen. Teilweise erscheint einem die Situation auch wirklich möglich und nicht bloß fiktiv. Aber (und es ist ein großes Aber): bisweilen war es auch anstrengend. Sowohl Leo als auch Emmi geizen damit aus ihrem Privatleben zu erzĂ€hlen und plĂ€nkeln hĂ€ufig nur so vor sich hin. Das gehört zum einen dazu, da sie sich schließlich relativ anonym hinter der Sicherheit ihres Pc-Bildschirmes verstecken, kann aber auch zu einigen SchwĂ€chen im Text fĂŒhren. So hatte ich beispielsweise das GefĂŒhl, dass den Turteltauben oft der GesprĂ€chsstoff ausgegangen wĂ€re, hĂ€tte Emmi nicht wieder einen ihrer absolut an den Haaren herbei gezogenen Ausraster oder SchmollanfĂ€lle gehabt. Sie beschuldigt ihn aus heiterem Himmel sie anzulĂŒgen, sie beschwert sich ĂŒber Sachen, die sie eingefĂ€delt hat und sie schafft Drama, Drama, Drama wo es nur geht.
Daraus resultiert dann, dass man als Leser manchmal das GefĂŒhl hat, dass die beiden gar keine Gelegenheit haben echte romantische GefĂŒhle fĂŒr einander zu entwickeln, da sie sich einfach so hĂ€ufig streiten, anschnauzen und beleidigte Schreibpausen einlegen.

Außerdem scheine ich ĂŒberlesen zu haben, wann die beiden herausgefunden haben, dass sie in derselben Stadt wohnen. Denn die Adressen gehören genauso wie das Familienleben zur Privatsache. Und dennoch reicht es ĂŒber „das InnenstadtcafĂ©â€œ zu sprechen und beide wissen, welches gemeint ist. Fand ich reichlich verwirrend. Denn selbst wenn ihre Adresse in einer der ersten Mails gestanden hĂ€tte (die ja noch an die Like-Redaktion gehen sollten), so ist es mir schleierhaft woher sie weiß, dass er in derselben Stadt wohnt. Aber vielleicht ist diese Information bei mir auch nur in den ganzen Streitereien der Beiden unter gegangen.

Davon abgesehen hat mich aber doch irgendetwas an dem Buch gepackt. Vielleicht war es das ĂŒberraschende (oder auch nicht) Ende. Vielleicht die Tatsache, dass Daniel Glattauer uns gekonnt vor Augen fĂŒhrt, wie das Internet Segen und Fluch zugleich sein können. Dass IntimitĂ€t auch zwischen Fremden und auf einer völlig unkörperlichen Ebene entstehen kann. Dass jeder manchmal seine Phantasie der RealitĂ€t vorzieht.

„Gut gegen Nordwind“ ist auf jeden Fall eine leicht zu lesende und schön unterhaltende LektĂŒre. Wer möchte, kann sich ganz in der Liebesgeschichte verlieren und dabei ein paar TrĂ€nchen verdrĂŒcken und wem das nicht reicht, der kann auch gerne noch ein bisschen mehr hinein interpretieren. Und weiterspinnen. Oder selber an einen fremden Menschen eine Email schreiben. Ein Buch fĂŒr alle, die sich davon ĂŒberzeugen lassen wollen, dass der Pc keine Teufelsmaschine ist und das 21. Jahrhundert sehr wohl romantisch sein kann.

In Sternen: 3/5

Weiteres


Wer nach „Gut gegen Nordwind“ noch immer nicht genug von Emmi und Leo und ihrem GefĂŒhlschaos per Mail hat, der kann getrost direkt danach zu „Alle sieben Wellen“ greifen.
Denn da geht die Geschichte der Beiden in eine neue Runde.

2 Comments
  • Stephanie
    Posted at 20:50h, 08 November Antworten

    Ich hab schon so viele Rezensionen zu diesem Buch gelesen. Immer waren sie durchweg positiv und nie war eine dabei, die zumindest manche Dinge des Buches negativ hinterfragt. Das begegnete mir heute und ich muss sagen – jetzt möchte ich das Buch unbedingt lesen um mir mein eigenes Urteil bilden zu können. ;-P Vlg Steffi

  • Tete
    Posted at 20:52h, 25 Mai Antworten

    Hi :)
    Also, die Sache mit derselben Stadt: wegen der Zeitschrift, die Emmi abbestellen wollte. Bei mir heißt es auf Seite 19: „wir wissen aufgrundeines miesen Stadtmagazins, dass wir in der gleichen Großstadt leben…“
    Hoffe, dir geholfen zu haben :)
    Tete

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