Rezension: Göttlich verdammt

Rezension: Göttlich verdammt

Eigentlich ist es in der Highschool das A und O aus der Menge herauszustechen. Aber Helen wollte noch nie zu den beliebten Schülerinnen gehören und auffallen – ihr Mantra ist das Unauffällig-bleiben. Mit eingezogenem Kopf und möglichst unsichtbar verbringt sie ihre Zeit an der einzigen Schule auf der kleinen Neuenglandinsel Nantucket. Lediglich ihre beste Freundin Claire steht ihr immer bei – auch, wenn Helen wieder einmal schreckliche Bauchkrämpfe bekommt, wenn sie zufällig in den Mittelpunkt des Interesses gelangen sollte. Denn obwohl sie sich so sehr anstrengt nicht aufzufallen, weiß sie, dass sie anders ist. Sie ist schneller und stärker als alle Anderen im Laufteam und auch sonst passieren ihr einfach manchmal merkwürdige Dinge.

Mit ihrer Unsichtbarkeit ist es dann auch spätestens vorbei, als sie dem neuen Mitschüler mitten im Gang an die Gurgel geht. Lucas ist mit seiner Familie gerade aus Spanien nach Nantucket gezogen und ist schon der Schwarm aller Mädchen – nur Helen verspürt einen unglaublichen Hass, sobald sie ihn sieht. Die wortwörtliche Mordlust kann sie sich absolut nicht erklären, zumal jedes Mal, wenn einer der Familie von Lucas auftaucht, drei kreischende Frauen erscheinen, die scheinbar niemand außer ihr sehen kann.

Die Situation spitzt sich für die sonst so unscheinbare Helen ins Unerträgliche zu bis sie ausgerechnet von Lucas und seiner Familie erfahren muss, was es mit ihrem Anderssein auf sich hat: sie ist die Tochter einer Halbgöttin. Ihre Mutter hat sie schon seit sie klein war nicht mehr gesehen und langsam begreift sie erst warum. Für Helen selber bedeutet diese neue Enthüllung, dass sie weitaus größere Schwierigkeiten hat, als unter ihren Mitschülern als Freak dazustehen, denn jemand ist hinter ihr her und obwohl sie und Lucas sich eigentlich als angehörige zweier verschiedener Halbgötter-Häuser bis aufs Blut bekämpfen sollten, scheint ein weiterer Fluch auf den Jugendlichen zu liegen: verlieben die beiden sich ineinander, könnte das einen Krieg von nie da gewesenen Ausmaßen entfachen und die ganze Menschheit wäre in Gefahr…

Ein mal eine Fantasygeschichte, die griechische Mythologie gekonnt mit unserer Gegenwart verbindet. Eine Romeo-und-Julia-Geschichte. Verworrene Familienbanden und viel zu viele Geheimnisse.

Das klingt genauso spannend, wie das Buch wirklich ist!
Ich war von Anfang an gefesselt von der Geschichte, die Josephine Angelini uns Lesern erzählt. Mit Helen hat sie eine Protagonistin erschaffen, die einem sofort ans Herz wächst. Zu Beginn tut sie einem beinahe leid, wie sie verzweifelt versucht sich anzupassen und „normal“ zu wirken. Sie hält sich selber für einen Freak und traut sich nur in der Gegenwart ihrer frechen besten Freundin Claire überhaupt annähernd sie selbst zu sein. Man merkt der Sechzehnjährigen an, wie schwierig dieses Versteckspiel für sie ist und obwohl ihr Vater und Claire eine gute Beziehung zu ihr haben, beschleicht sie immer wieder die Angst ihre Vertrauten mit ihrer Andersartigkeit zu verschrecken.
So kann Helen auch erst richtig akzeptieren was sie ist und wie sie ist, als sie von Lucas und dem Rest der Familie Delos von ihrer nicht ganz weltlichen Abstammung erfährt. Davon abgesehen, dass es unheimlich spannend ist sich in die Geschichte hineinziehen zu lassen, macht es auch Spaß zu beobachten, wie Helen sich weiterentwickelt uns zu sich selber findet.

Besonders ins Herz geschlossen habe ich auch sehr schnell die Familie Delos um Lucas. Die Autorin beschreibt das Gewusel der Großfamilie so vertraut, dass ich einige Male schmunzeln musste. Ob nun die Mutter, Lucas Cousin und Cousine oder seine kleine Schwester – alle hatten Charakterzüge, die einem schon beim Lesen ein heimeliges Gefühl vermittelten. So schreibt Angelini: „Das Geschrei brachte die Nerven zwar ein bisschen zum Vibrieren, aber es machte das Haus der Familie Delos unbestreitbar zu einem Heim.“ (S. 336) Und genau das ist es auch. Alles wird so melodisch und realitätsnah beschrieben, dass neben der ständig aufkommenden Spannung, das Heim der Delos wie ein kleiner, sicherer Hafen erscheint.

Für die nötige Auflockerung und Slapstick-Einlagen sorgen hingegen Claire und eine Freundin von Helens Familie: Kate. Claire ist, wie bereits erwähnt, ziemlich frech für ihren einen Meter fünfundfünfzig Körpergröße und spart nicht damit, uns als Leser immer wieder zu überraschen. Die kleine Japanerin mag zwar völlig unwissend wirken, hat aber einen scharfen Verstand und lässt sich nicht einfach so aus Helens übermenschlichem Teil ihres Lebens ausschließen.
Kate taucht dafür nur am Rande ein paar Male auf, bringt dabei aber schöne Zwischenspiele in die Geschichte. Ich hoffe insgeheim, dass sie in den folgenden Bänden eine größere Rolle übernimmt, als ihr bis jetzt zugestanden wurde.

Insgesamt vermitteln alle Charaktere des Buches ein rundes Bild und tragen zur dicht verflochtenen Geschichte auf ihre eigene Art und Weise bei. Sogar die nur kurz auftauchenden Nebencharaktere sind liebevoll gezeichnet und mit Details ausgestattet, die das Lesen zu einer Freude machen.

Die Erzählung selber hat mir mindestens genauso gut gefallen. Tatsächlich kann man ganz ohne Vorwissen über die griechische Mythologie in die Geschehnisse herein finden und ist immer wieder positiv überrascht wie wenig vorhersehbar die Handlung doch verläuft. Durch einen teilweise sehr bildlichen Schreibstil, der definitiv einige Highlights bietet, lassen sich die knapp 500 Seiten zudem schnell und sehr gut lesen.
Schöne Beschreibungen, wie die von Blumen auf einer „Wiese des Elends“ tauchen in beinahe greifbaren Bildern vor den Augen des Lesers auf und sorgen für die nötige Atmosphäre, die dem Buch so eigen ist.

In diese mystische Atmosphäre eingestrickt ist die komplexe Geschichte von Anfang bis Ende spannend. Helen und Lucas werden mit so vielen Bedrohungen und Problemen konfrontiert, dass es dem Leser schwer fällt, das Buch auch nur kurz aus der Hand zu legen. Und so ist zwar die Liebesgeschichte vorhersehbar, bietet aber so viele eigenständige und schöne Ideen, dass man sich ganz und gar davon verzaubern lässt und mithofft und mitbangt, während die Jugendlichen sich ihren Aufgaben stellen.

Zusammengefasst: ich war von „Göttlich verdammt“ begeistert! Sowohl Spannung, als auch eine interessante und gut durchdachte Geschichte kommen nicht zu kurz. Die Charaktere sind allesamt eigenständige Persönlichkeiten, von denen man gerne noch mehr lesen möchte. Somit ist dieses außergewöhnliche Fantasybuch nicht nur ein wunderbares Debüt der Autorin, sondern auch ein fantastischer Auftakt zur Trilogie, auf deren Fortgang ich schon sehr gespannt bin.

Bewertung: 5/5

Göttlich verdammt von Josephine Angelini
496 Seiten (Hardcover)
Verlag: Dressler
ISBN: 978-3791526256
19,95€

8 Comments
  • Nici
    Posted at 19:21h, 01 Mai Antworten

    Dann freu ich mich aber C:
    Meine englische Ausgabe kommt irgendwann nächsten Monat :D

  • Stephie
    Posted at 19:31h, 01 Mai Antworten

    Das ist ja jetzt fiest, jetzt machst du mich ja noch 1000mal neugieriger auf das Buch!

  • Karo
    Posted at 20:42h, 01 Mai Antworten

    Oh, das hört sich guuuut an! *auf die Wunschliste pack*

  • Katarina Liest
    Posted at 21:04h, 01 Mai Antworten

    Dieses Buch möchte ich auch gerne Lesen… Freut mich, dass es dir so gut gefallen hat. LG :)

  • Windfänger
    Posted at 18:37h, 03 Mai Antworten

    Awww, wieder ein Buch, das auf meiner Wunschliste steht und jetzt ein ganzes Stück nach oben gerutscht ist… ich komm einfach nicht hinterher mit dem Lesen ;) Danke für die tolle Rezi :)

  • Sandy
    Posted at 08:49h, 20 Mai Antworten

    Auch eine super Rezension. Ich hatte es am Mittwoch beendet und war ganz genauso begeistert wie du. Es gab keinen einzigen Satz auf irgendeiner Seite, den ich nicht verschlungen habe. Für mich daher die schönste Überraschung des Frühling/Sommers 2011. ;)

  • Robert
    Posted at 15:27h, 26 Mai Antworten

    Genauso schön wie sich das Buch anhört, so schön sind auch die Plakate für den Buchhandel, die der Dressler Verlag aufgelegt hat!
    http://www.buchplakat.de/2011/05/26/triptychon-buchplakat-goettlich-verdammt-starcrossed/

  • OpheliaWinter
    Posted at 17:18h, 02 Juni Antworten

    Hallo!

    Ich habe für meinen Blog http://www.unfugfabrik.de ein Interview mit der Autorin Josephine Angelini („Göttlich verdammt“) organisiert. Selbstverständlich habe ich mir bereits ein paar Fragen überlegt, aber vielleicht wollt ihr ja auch etwas über die Autoren, die Charaktere oder die Geschichte wissen. Dementsprechend habt ihr nun die Chance dazu ein paar Fragen aufzuschreiben.

    Liebe Grüße, Jenny

    P.S.: Die Frage schickt ihr mir am besten per Mail!

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