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Fremde Länder, fremde Kulturen. Über den Iran wissen die meisten Menschen hier nur wenig bis gar nichts – und wenn, dann im Zusammenhang mit den strengen Regeln, die die Religion dort den Menschen auferlegt.

„Die Stumme“ von Chahdortt Djavann erzählt die Geschichte der 15-jährgen Fatemeh. Das iranische Mädchen sitzt im Gefängnis und wartet auf ihre Hinrichtung. Als letzter Akt der Rebellion beschließt sie ihre Geschichte und die Geschichte ihrer schönen, aufmüpfigen Tante, der „Stummen“, zu erzählen. Gerade einmal ein Heft hat sie um alles zu berichten, was in den letzten Monaten passierte und schildert mit trockener, einfacher Sprache wie es dazu kam, dass sie auf ihre Hinrichtung wartet.

Wie ein Tatsachenbericht beginnt das Buch damit, dass eine Frau das geschriebene Manuskript Fatemehs erhält und veröffentlicht. Ohne große Einleitung wird der Leser direkt in die Welt der 15-jährigen Iranerin geworfen und erfährt auf leise, aufwühlende Art, wie schwer das Leben für Frauen im streng religiösen Iran ist.
Die „Stumme“ ist Fatemehs Tante väterlicherseits und spricht seit einem schlimmen Ereignis in ihrer Kindheit nicht mehr. Das Schweigen verschafft ihr Freiheiten, von denen andere Frauen nur träumen können: als taubstumm oder geistig verwirrt abgestempelt, kann sie auf ein Kopftuch verzichten und hat nicht viel mit der Religion am Hut. Dass sie dennoch nie richtig frei sein kann und ihr Leben von den Regeln der Religion bestimmt wird, erfährt man auf tragische und grausame Weise als sie sich in den Bruder der Frau ihres Bruders verliebt.
Fatemeh ist zunächst weniger rebellisch obwohl sie zu ihrer Tante ein weitaus engeres Verhältnis hat als zu ihren Eltern. Besonders ihre Mutter macht ihr mit ihren strengreligiösen Ansichten immer wieder zu schaffen, aber alle Konventionen erscheinen ihr zunächst eher wie ein unausweichliches Ärgernis als ein Gefängnis.
Ihre Meinung ändert sich aber radikal als ihre geliebte Tante für ihr Verhalten bestraft wird und auch Fatemeh zu einem Leben gezwungen wird, welches sie sich nie gewünscht hat…

Mit gerade einmal 110 sehr groß bedruckten Seiten, empfand ich „Die Stumme“ weniger als ein Buch, als viel mehr eine Kurzgeschichte. Dennoch ist der Bericht, der von der ersten bis zur letzten Seite scheinbar auf wahren Begebenheiten beruht, verstörend und fesselnd. Als Leser erfährt man auf tragische Weise über das Schicksal der zwei Frauen in einem Land, das noch an Regeln und Riten festhält, die für uns heute unmöglich erscheinen. Es ist anrührend Fatemehs Geschichte zu lauschen obwohl – oder gerade weil – alles so kurz und schlicht berichtet wird.
Wirklich unter die Haut geht das Schicksal der beiden Frauen, die auf ihre unterschiedliche Weise versuchen sich in dieser Welt zu Recht zu finden und eigentlich nur Frieden und Freiheit wollen. Sich verlieben dürfen, in wen man will. Zur Schule gehen. Westliche Kinofilme schauen.
Alles was uns normal erscheint, ist für Fatemeh und ihre Tante unerreichbar und etwas, für das sie verbissen kämpfen müssen – nur, um letztendlich daran zu scheitern.

Chahdortt Djavann ist selber Iranerin und musste 1993 nach Frankreich fliehen. Seitdem beschäftigt sie sich eingehend mit den Gefahren des Islamismus und hat bereits mehrere Essays und Sachbücher, sowie fiktive Geschichten veröffentlicht.
Mit diesem Buch ist es ihr gelungen einen Einblick in den Islamismus zu geben, der schockiert und berührt. Auf jeden Fall hinterlässt die Lektüre des Buches ein ungutes Gefühl und man möchte verantwortliche schütteln und rütteln, bis sie begreifen, was sie den Frauen dort antun.

Empfehlen kann ich „Die Stumme“ allen, die sich für die Religion, das Land oder Frauenrechte interessieren. Gerade, da das Buch so dünn ist, darf man keine ausgefeilte, sprachlich und stilistisch wertvolle Geschichte erwarten, aber wie gesagt: die Schlichtheit, die hier an den Tag gelegt wird, hat seine Reize und unterstreicht die Glaubwürdigkeit des Berichts, wenn man bedenkt das Fatemeh erst 15 Jahre alt war.

Ein Buch voller Traurigkeit, den Willen zu Kämpfen und den Wunsch frei zu sein.

Ich selber gebe dennoch nur 3/5 Sternen weil mir das Buch zu kurzweilig war. Die Seiten flogen nur so dahin und innerhalb knapp einer Stunde hatte ich die Geschichte zu Ende gelesen. Erst mit ein paar Tagen Abstand kann ich noch mal darüber nachdenken und finde, dass Chahdortt Djavann ein durchaus imposanter Bericht gelungen ist – der jedoch direkt nach dem Lesen noch etwas nichtssagend wirkt. Auch die 15€ für ein so dünnes Buch halte ich für übertrieben.

Bewertung: 3/5


Die Stumme von Chahdortt Djavann
112 Seiten (Hardcover)
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 9783442312313
14,95€

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