Rezension: Der wahrhaftige Volkskontrolleur

Rezension: Der wahrhaftige Volkskontrolleur

Der wahrhaftige Volkskontrolleur von Andrej Kurkow
430 Seiten (Hardcover)
Verlag: Haymon Verlag
ISBN: 978-3852186795
22,90€

Inhalt


Weg aus der kleinen bäuerlichen Kolchose, rein in das Lebensabenteuer „Volkskontrolleur“: Pawel Drobynin weiß zwar selber nicht so genau warum, aber plötzlich sieht er sich mit der ehrenvollen Aufgabe betraut Russland zu überprüfen. Was genau er überprüfen soll? Weiß er auch nicht so genau, aber zum guten Start in seinen neuen Job stellt ihm der Kreml gleich ein weißes Pferd, ein Büchlein über Lenin und eine Dienstehefrau. Mit dem Buch und seinem Pferd reist er in eine der abgelegensten und kältesten Ecken des russischen Reiches und macht auf seiner abenteuerlichen Reise die Bekanntschaft vieler skurriler und einiger gefährlicher Genossen.

Währenddessen trifft ein Engel in Russland ein. Schon länger hat er sich gewundert, warum nie auch nur ein einziger Bürger dieses großen Landes den Weg in den Himmel gefunden hat und so begibt er sich auf die Suche nach gütigen Russen und einem neuen gelobten Land.

Der Schuldirektor Banow hingegen scheint die Sicht auf sein gelobtes Land langsam zu verlieren: all die Neubauten in der Stadt versperren ihm den Blick auf den Kreml. Dass seine Moral dennoch nicht gebrochen ist beweist er bei dem selbstlosen Versuch einer Frau ihre Träume zurück zu geben.

Mark Iwanow hat derweil schon aufgehört zu träumen. Mit seinem Gedichte rezitierenden Papagei (und einzigem Freund) fährt er quer durch Russland und belustig die Menschenmassen. Sein neuster Zuhörer allerdings erscheint ihm dann doch wie ein Traum…

Bewertung


Sowohl Spannung, als auch schwarzer Humor und etwas Zynismus werden bei Kurkows neuem Werk versprochen. Tatsächlich hält „Der wahrhaftige Volkskontrolleur“ an vielen Stellen, was er verspricht, doch hundertprozentig überzeugen konnte mich das Buch dennoch nicht.

Die vier Protagonisten – Pawel, der Engel, Banow und Iwanow – leben zwar alle im Russland der ausklingenden 20er Jahre, doch mehr haben sie scheinbar nicht gemeinsam. Ihre vier Geschichten verlaufen nebeneinander her und berichten jeweils von den Problemen und erstaunlichen Geschehen im Leben der Männer.
In vielen Momenten, in denen man als Leser den Protagonisten über die Schulter blickt, muss man tatsächlich grinsen. Allein der Moment, in dem der verheiratete Pawel bemerkt, dass ihm in seiner Dienstwohnung auch gleich noch eine Dienstehefrau gestellt wird, ist von einem so feinen schwarzen Humor gezeichnet, das man sich an diesen Stellen des Buches unentwegt erfreuen kann.
Zynisch ist die Geschichte auch alle male, wenn auch mehr aus der Tatsache heraus, dass Kurkow als geborener Russe die Wertvorstellungen und das System des kommunistischen Russlands sehr aufs Korn nimmt. So grenzt es an schmerzhaft parodistisch, wenn Pawel träumt, dass Lenin eine Schar von Kindern zu einem Weihnachtsfest zwingt und mit ihnen „fröhlich“ um den Tannenbaum tanzt, bis eines anfängt zu weinen (S. 160) oder wenn ein Engel einen Wutanfall bekommt und eine Gewehrkugel auf einen Rachefeldzug durch Russland schickt.

Diese durchweg überdrehte, humoristische Geschichte vermag also durchaus zu unterhalten, kann aber leider nicht begeistern.
Mir persönlich war die Kritik zu deutlich raus zu hören und hinterließ einen leicht fahlen Geschmack im Mund beim Lesen. Hinzu kommt, dass die vier Protagonisten der Mittelpunkt ihrer Erzählteile sind, jedoch keine rechte Verbindung untereinander auftritt. In diesem Sinne liest man mehrere Handlungen parallel, springt von einem Schauplatz zum Anderen, und weiß bis zum Schluss gar nicht so recht, warum diese völlig von einander isolierten Charaktere den Rahmen für die Handlung bieten.

Für Nicht-Kenner des Russischen und der russischen Gepflogenheiten ist „Der wahrhaftige Volkskontrolleur“ ebenfalls eine zweischneidige Sache. Zum einen war ich mit manchen Begriffen schlichtweg überfordert und habe, mangels Erklärung, länger als nötig gebraucht um sie zu verstehen. Nicht jeder weiß immerhin gleich was eine Kolchose ist. Auf der anderen Seite war dieser absolut natürlich Umgang mit den russischen Begriffen eine kleine Offenbarung. Selten habe ich in einem Buch auf so interessante Weise etwas über dieses mir fremde Land im Osten gelernt und einen gleichsam humorvollen als auch ernsthaften Einblick in das Leben dort bekommen.

Für mich überwog letztendlich aber, dass die Kritik zu offensichtlich und platt verpackt war und die Handlungsstränge keinen rechten Zusammenhang aufweisen wollten. Für Fans von schwarzem Humor, schrägen Gestalten und Russland ist „Der wahrhaftige Volkskontrolleur“ allerdings sicher das richtige Buch für Lesestunden in der kalten Jahreszeit.

In Sternen: 2/5

Über den Autor


Der Schriftsteller wurde 1961 in St. Petersburg, Russland, geboren. Seit seiner Kindheit lebte er allerdings in Kiew und beendete dort im Jahr 1983 auch erfolgreich die Ausbildung in einem staatlichen Fremdspracheninstitut. Anschließend arbeitete er in verschiedenen Berufen und verdiente sein Geld als Gefängniswerter, Kameramann und Zeitungsredakteur gleichermaßen. Mittlerweile ist er freier Schriftsteller und schreibt nebenher auch für das Fernsehn.

2 Comments
  • Ayanea
    Posted at 15:12h, 08 September Antworten

    Oje nur 2 Sterne für den Volkskontrolleur? Da bin ich ja gespannt, wie ich das Buch finden werde, steht auch schon hier und wartet darauf gelesen zu werden.

    Ach und hast du inzwischen Ashes, Ashes? Das wird derzeit auf ThrillerOnline verlost (falls du mit machen möchtest):

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    LG
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    Jeden Montag neuer Lesestoff

  • admin
    Posted at 05:55h, 09 September Antworten

    Ach, warte erst mal ab – vielleicht gefällt dir das Buch viel besser :) Habe ja begründet was mich gestört hat und das kann einfach Geschmackssache sein. Ich wünsch dir also trotzdem auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen!

    Nein, das Buch habe ich noch nicht. Danke für den Tipp ich hab beim Gewinnspiel gleich mal mitgemacht :)

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