Rezension: Der Krieg der Kinder

Rezension: Der Krieg der Kinder

Alterra. Der Krieg der Kinder von Maxime Chattam
432 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN
ISBN: 978-3426283073
16,99€

Achtung: Die Rezension kann Spoiler enthalten, wenn man den 1. und 2. Teil der Reihe nicht kennt!

Inhalt


„Leben bedeutete, mit Problemen konfrontiert zu werden, vor Dilemmas zu stehen. Leben bedeutete, kämpfen zu müssen.“ (S. 38)

Die Gemeinschaft der Drei existiert nicht mehr. Matt und Ambre können noch immer nicht fassen, dass sie Tobias an den Torvaderon verloren haben, doch so schmerzhaft ihr Verlust auch ist: aufgeben dürfen sie jetzt nicht. Denn mittlerweile ist klar, dass die grausame Hautjagd der Königin Malronce auf die Karte von Muttermalen auf Ambres Haut abzielt. Liegt darin wirklich der Schlüssel zu einem Geheimnis, das die Menschheit retten kann? Um lange nach zu denken bleibt den beiden Pans auf jeden Fall keine Zeit, denn ihr Weg muss sie nach Eden, die Hauptstadt der Pans, führen um die Kinder vor dem bevorstehenden Krieg mit den Zyniks zu warnen. Und so kommt es, dass die Kriegsvorbereitungen einen dunklen Schatten voraus werfen, als Matt und Ambre sich auf die Suche nach Antworten machen und dabei auf alte Feinde und Freunde gleichermaßen treffen…

Bewertung


„Der Krieg der Kinder“ ist das Finale der epochalen Trilogie Maxime Chattams, die uns Leser in eine völlig veränderte Welt entführt. So geht die Reihe nicht leise und klanglos, sondern mit einem großen Knall zu Ende und bezaubert genauso wie seine Vorgänger.

Wer meint, dass dem französischen Autor mittlerweile die Ideen ausgegangen sein müssten, liegt absolut falsch. Auch in diesem dritten Teil überrascht Chattam erneut mit ausgeklügelten Systemen und Ideen, die nur so vor Fantasie sprühen.
Matt und Ambre haben in ihren früheren Abenteuern bereits viele verschiedene Gemeinschaften kennen gelernt: die Kinder auf der Carmichael-Insel und die Chloropanphylliker, die über den Kronen des Blinden Waldes leben, genauso wie die gefährlichen Zyniks in ihrer Stadt Babylon oder die Schwindel erregenden Treppen der Stadt Henok. Jetzt sind sie im verlorenen Paradies, der Stadt Eden, angekommen. Die detaillierten Beschreibungen der Stadt und des Systems, unter dem die Pans dort leben, ziehen den Leser augenblicklich in den Bann und man wünscht unwillkürlich, dort noch etwas länger verweilen zu können. Doch der nahende Krieg zwingt die beiden Jugendlichen wieder in das Reich der Königin Malronce zurück zu kehren. Auf ihrem Weg begegnen sie erneut dem Torvaderon, über den man nun endlich mehr erfährt. So wird geklärt, warum er Matt jagt und wofür er eigentlich steht.

Neue Charaktere tauchen auf und begleiten die beiden Übriggebliebenen der „Gemeinschaft der Drei“ ein Stückchen und werden dem Leser so vertraute Nebenfiguren, dass man sich nur ungerne von ihnen trennt. Zum Beispiel Horace, der zynische Pan, der nur noch durch seinen Hass aufrecht gehalten wird. Oder die Hundemeute, die Matts Hündin Plusch zur Unterstützung kommt und sich mit ihrem wuscheligen Fell und der ergebenen Treue auch gleich einen Platz im Herzen der Leser sichert.

Abgesehen davon, steigert sich die Spannung in „Der Krieg der Kinder“ noch einmal auf ein geradezu nervenzerreibendes Level. Viel düsterer durch die permanente Bedrohung, die wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Kinder hängt. Viel erwachsener durch die Gefühle und Gedanken, die Matt und Ambre hegen. Viel fantastischer durch die mitreißenden Beschreibungen der fremden Welt und ihren Bewohnern. Es ist schwierig zu beschreiben wie der Sog des Buches auf einen wirkt, aber das letzte Mal habe ich mich in so einer aufregenden, neuen Welt so wohl gefühlt, als ich die Harry Potter Bücher gelesen habe. Und das, obwohl Maxime Chattams Welt eine ganz andere ist. Denn hier gibt es weder Hexen oder Zauberer, noch Drachen oder Einhörner. Dafür aber meterhohe Pflanzen, fliegende Luftschiffe, die gruseligen Stelzenläufer, Schattenfresser und Nachtschleicher. Es gibt Schmetterlinge und Hunde, die groß genug sind um auf ihnen zu reiten und skrupellose Erwachsene genauso wie Verräter in den eigenen Reihen.

Wäre das Ende nicht gewesen, so hätte ich diesem 3. Teil der Trilogie am liebsten mehr als fünf Sterne verliehen. So allerdings muss ich etwas zurückrudern. Denn (und ich weiß nicht ob ich mich jetzt vielleicht völlig täusche) ich meine, relativ kurz nach Veröffentlichung des 1. Bandes gelesen zu haben, dass diese Reihe weit mehr als nur drei Teile erhalten soll. Chattam hatte ursprünglich wohl geplant nicht bloß eine Trilogie zu verfassen. Und das merkt man dem „Krieg der Kinder“ leider sehr deutlich an. Sind die ersten ¾ des Buches noch genauso detailliert und aufregend erzählt wie die Bände zuvor (wenn nicht sogar besser!), so hat mich das letzte Viertel regelrecht erschreckt. Man hatte zwischendurch den Eindruck, dass jemand mit einer Peitsche hinter dem armen Autor stand und ihn gezwungen hat sein Werk möglichst schnell zu beenden. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum große und wichtige Geschehnisse plötzlich in einem einzigen Nebensatz abgehandelt werden und warum viel zu viel auf einmal passiert, sodass es doch den Lesespaß gewaltig trübt.

[spoiler show=“Spoiler zeigen“ hide=“Spoiler verstecken“]Beispiel:
Ambre muss zurück zu den Chloropanphyllikern weil die Karte ihrer Muttermale sie dorthin führt. Nachdem sie, Matt und Tobias im letzten Band ein Schiff der Kinder geklaut und sich heimlich aus dem Staub gemacht haben, ist deren Ansehen von Ambre und Co. natürlich nicht besonders hoch. Doch anstatt großartig zu beschreiben wie das Mädchen es trotzdem schafft dort ihre Mission zu erfüllen, wird darüber nur kurz berichtet ehe die Handlung wieder zu einer ganz anderen Szene und einen anderen Ort springt. Viele Seiten später taucht Ambre dann unerwartet gemeinsam mit dem Chloropanphyllikern auf und als Erklärung gibt es nur den kurzen Satz, dass sie nun von den Kindern als eine Art Göttin verehrt wird. Da fragt man sich schon, ob es nicht möglich gewesen wäre das etwas präziser zu beschreiben. Von Feind zu Göttin ist ja doch ein größerer Sprung und das alles mit ein bis zwei Sätzen abzuspeisen, empfand ich als unbefriedigend.[/spoiler]

Hinzu kommt, dass die Moralkeule durch die Komprimiertheit des Endes viel zu deutlich rauskommt. Verteilt auf mehrer Bände, wären die doch eindeutigen Moralvorstellungen und Lehren des Buches leichter zu verdauen gewesen – so hingegen bereiten sie etwas Bauchschmerzen. Insgesamt wirkt die Auflösung der Geschichte einfach übertrieben. Zu viel auf einmal. Zu viel von allem. Zu unspektakulär nach den drei fantastischen Bänden, die uns immer wieder gut unterhalten haben.

Dennoch kann ich die Alterra Reihe allen ans Herz legen, die einen fantastischen Abenteuerroman zu würdigen wissen. Sowohl von den Ideen, als auch vom Schreibstil her, schafft es Maxime Chattam seine Leser zu verzaubern und sie in eine Geschichte mitzunehmen, deren Ende einen traurig stimmt. Nur widerstrebend verabschiedet man sich von Matt, Ambre und Tobias, der Hündin Plusch, den Zyniks, Weitwanderern und dem blinden Wald und wünscht sich, dass die Reihe nicht schon zu Ende wäre.

In Sternen: 4/5

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