Rezension: Der Junge im gestreiften Pyjama

Rezension: Der Junge im gestreiften Pyjama

Der Junge im gestreiften Pyjama von John Boyne
272 Seiten (Hardcover)
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596852284

Inhalt


Laut Buchrücken ist der Inhalt geheim. Nach meiner Einschätzung kann ich aber folgendes verraten: Es geht hier um einen neun Jahre alten Jungen, der mit seiner Familie aus Berlin wegzieht – hin an einen Ort, der eigentlich nichts für Kinder ist. Oder für irgendjemanden. Und an diesem merkwürdigen Ort lernt er dennoch ein anderes Kind kennen und freundet sich langsam mit diesem Jungen an.
Es ist eine traurige Geschichte, eine überraschende Geschichte und ja – vielleicht auch eine, über deren Inhalt man im Vorfeld nicht allzu viel wissen möchte. Wer sich also lieber überraschen lässt, der liest auch besser meine Rezension nicht weiter, denn zwangsläufig werde ich einiges über den Inhalt sagen (müssen).

Bewertung


Mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ versucht Boyne, wie viele vor ihm, ein sensibles Thema aufzugreifen und zu verarbeiten. Seine spezielle Sichtweise – durch die Augen eines Kindes – bietet eine neue Perspektive, kann aber leider absolut nicht überzeugen.

Tja und um jetzt sofort etwas zu verraten: die Geschichte spielt im zweiten Weltkrieg. In Nazideutschland. Und der neunjährige Protagonist Bruno ist der Sohn eines Mannes, der eine wichtige Rolle in der Maschinerie der Grausamkeiten des dritten Reiches inne hat. Gemeinsam mit seinem Vater, seiner Mutter und seiner 3 Jahre älteren Schwester zieht Bruno deshalb nach „Aus-wisch“ um dort, direkt neben dem Gefangenenlager zu leben. Der Junge, mit dem er sich anfreundet, ist ein Kind auf der anderen Seite des Zauns – ein jüdisches Kind…

Die Geschichte an sich klingt unheimlich rührend und viel versprechend, doch immer wieder musste ich mich zusammenreißen um die gerade mal knapp 270 Seiten überhaupt zu lesen. Zu häufig musste ich leider den Kopf schütteln und mich fragen: ernsthaft?
Denn Bruno wird mehrmals als ein Neunjähriger vorgestellt, benimmt sich aber leider eher als wäre er entweder geistig etwas zurückgeblieben oder aber erst fünf Jahre alt. So kam es häufig vor, dass ich mich regelrecht geärgert habe. Ein Beispiel: Bruno bemerkt, dass sein neuer Freund sehr dünn ist und ungesund aussieht. Deshalb beschließt er, ihm etwas zu Essen mitzubringen, wenn sie sich das nächste Mal an ihrem Treffpunkt am Zaun sehen. Schmuel, der kleine jüdische Junge, sitzt in solchen Momenten immer auf „seiner“ Seite des Zauns und Bruno auf der anderen, auf der freien Seite. Der Weg zu ihrem Treffpunkt ist nun nicht gerade sehr nah, denn natürlich treffen sich die beiden Jungen nicht direkt unter den Augen anderer Gefangener oder irgendwelcher Aufseher, sondern haben eine abgelegene und unbewachte Ecke des Zauns gefunden. Nun ist es so, dass Bruno für seinen Freund tatsächlich etwas zu Essen einpackt, auf dem „langen Weg“ aber etwas Hunger bekommt und einfach den Großteil des Kuchens schon isst. Dann bei Schmuel angekommen, bietet er ihm nicht einmal die Reste an, weil das ja nicht gut aussehen würde. Für den Leser ist diese Situation geradezu schmerzhaft weil einem über deutlich unter die Nase gerieben wird, wie sehr Schmuel leidet und wie einfach es gewesen wäre ihm zu helfen – es jedoch aus der Naivität Brunos heraus nicht geschieht. Geärgert habe ich mich nun darüber, dass Bruno mit neun Jahren überhaupt so dermaßen naiv ist. Ich behaupte, dass man in diesem Alter zumindest schon genug Cleverness hat um zu verstehen, dass etwas zu Essen für Schmuel wichtig wäre. Und dann wiederum ärgere ich mich über den Autor, der solche Situationen zu Hauf gewählt hat um uns Lesern auf eine solch offensichtliche Art und Weise dieses ganze (und häufiger stattfindende) „es wäre so einfach gewesen zu helfen, aber es hat einfach niemand etwas getan. Seht: das war falsch!“-Moralszenario aufzudrängen. Es wirkt einfach platt. Unheimlich konstruiert und macht somit überhaupt keinen Spaß gelesen zu werden.

Ebenfalls sehr gestört hat mich das Pseudoverheimlichen der Gegebenheiten. Denn anstatt alles beim Namen zu nennen, lässt Boyne seinen Protagonisten etwas dämlich durch die Welt rennen. Er kann weder „Auschwitz“ (wird bei ihm konsequent zu „Aus-Wisch“) noch „Führer“ (wird zu „Furor“) aussprechen. In einigen Situationen wird sogar noch geschildert, wie Bruno auf seine falsche Aussprache hingewiesen und ihm das Wort richtig vor gesprochen wird, doch auch dann kann er es nicht korrigieren. Erstaunlicherweise schafft es der Autor, auch die korrigierenden Personen das Wort nie wirklich aussprechen zu lassen und benutzt stattdessen Aussparungen wie „er sagte das Wort richtig“. Für mich war auch dies ein Indiz für gewollt gezwungene Wichtigtuerei. Denn wozu sollte man alle Begriffe, die auf Nazideutschland und die Zeit des 2. Weltkrieges hinweisen, ein ganzes Buch über entweder verschweigen oder verfremden? Kinder, die dieses Buch lesen, würden vermutlich nur schwer verstehen worum es überhaupt geht und nach der Lektüre mehr verwirrt daraus hervor gehen als sich tatsächlich auf einfühlsame Weise mit diesem schrecklichen und sensiblen Thema auseinander gesetzt zu haben. Erwachsene hingegen durchschauen dieses „Spiel“ sofort und sind fortan höchsten von der Wortwischerei genervt.

Als letztes hat mich auch das Ende gestört. Ich werde dazu nichts verraten, nur so viel sagen: es wirkte genauso gezwungen, wie leider der ganze Rest des Buches. Der dramatische Abschluss, der noch einmal mit einem fetten Rotstift darauf hinweist, wie furchtbar alles ist, was damals geschehen ist. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass man sich mit diesem Thema auseinander setzen muss, aber Oberlehrerhaft und viel zu dick aufgetragen wie in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist einfach keine besonders gute Herangehensweise. Für mich hat Boyne nur ein Thema aufgegriffen, aus dem sich immer eine Geschichte machen lässt, hat es mit der Geschichte eines Jungen verknüpft und leider genau das bekommen, was man erwarten würde: viel zu gute Kritiken für ein Buch, das leider viel zu gewollt und nicht gekonnt ist. Enttäuschend.

In Sternen: 1/5

2 Comments
  • luziefer
    Posted at 13:55h, 13 Oktober Antworten

    Oh du hast ja so Recht, ich fand das Buch auch schrecklich, zum größten Teil langweilig und gekünzelt…
    und vorher hatten mir alle davon vorgeschwärmt. Ich denke, dass man es nicht gelesen haben muss. Es gibt deutlich schönere Bücher zu dem Thema ;)

  • Annika
    Posted at 10:10h, 26 Mai Antworten

    Ich finde nicht, dass du Recht hast. Ich kann mich ja noch als Kind bezeichnen, denn ich bin gerade mal 13 Jahre alt. Ich habe dieses Buch als Schullektüre lesen müssen und war begeistert. Ich habe jede Einzelheit davon verstanden. Ich habe verstanden dass sie in Auschwitz waren und Bruno nicht verstehen konnte was da los ist. Wie soll er auch? Niemand erklärt ihn etwas. Ich finde es schön wie es in der Kinderperspektive aufgefasst ist. Ich fand es auch nicht verwirrend. Leser, welche historisch gut informiert sind, kommen schnell darauf in welcher Zeit sich der Junge befindet. Und das mit den Worten wie „Furor“ oder „Aus-Wisch“ finde ich eher gut, da man auch darüber nachdenken sollte was er damit meint. Dieses Buch ist auch ein Jugendbuch und Kinder neigen dazu, wenn sie einige Worte nicht verstehen einfach auszublenden und durch die ständige Wiederholung denkt man darüber nach.Ich finde es ist ein tolles Buch.

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