Rezension: Der erste Tod der Cass McBride

Rezension: Der erste Tod der Cass McBride

Wer erfolgreich sein will, muss auffallen. Das weiß auch Cass McBride, die ehrgeizig ihre Ziele verfolgt. Ihr Gesicht lächelt ihre Mitschüler von fast jeder Seite im Jahrbuch an, perfekt inszeniert und makellos. So ist es auch kein Wunder, dass sie sich kaum vor Verehrern retten kann – doch Cass denkt strategisch und wählt ihre Freunde mit Bedacht. Wer kann sie im Leben weiterbringen? Wer verhilft ihr zu ihren Zielen? Der unscheinbare David gehört jedenfalls nicht zu diesen Leuten und so lässt sie ihn abblitzen, als er sie um ein Date bittet. Als wäre das nicht schon schlimm genug für den schüchternen Jungen, macht sie sich auch noch über ihn lustig… und am nächsten Tag ist David tot. Aufgehängt. Sein älterer Bruder Kyle ist der festen Überzeugung, dass nur eine Schuld daran haben kann: Cass. Er entführt das beliebte Mädchen und vergräbt sie lebendig unter der Erde. Eingeschlossen in eine kleine Holzkiste bleiben ihr nur ein Walkie-Talkie und ihre strategischen Überlegungen um Kyle von ihrer Unschuld zu überzeugen bevor es zu spät ist…

Mit „Der erste Tod der Cass McBride“ hält man einen ungewöhnlichen Jugendthriller in der Hand. Die Protagonistin ist einem zunächst so fremd und unsympathisch, dass man gar nicht recht mit ihr mitleiden möchte. Sie scheint die stereotype Diva zu sein: hübsch, intelligent, gemein. Einfach weil sie es kann – und vielleicht sogar braucht – macht sie sich über Mitschüler lustig, diktiert wer „in“ und wer „out“ ist. Gefangen unter der Erde allerdings, entwickelt der Leser ein anderes Verständnis von ihr. Cass Gedankengänge und Gespräche mit ihrem Entführer vermitteln ein ganz neues Bild der Schülerin und gewähren ungewöhnliche psychologische Einblicke. Es ist interessant zu lesen, wie sie ihre Geschichte ausgerechnet ihrem Peiniger nach und nach offenbart und wie dieser darauf reagiert.

Denn Kyle ist zunächst von purem Hass getrieben. Sein kleiner Bruder ist tot und er möchte eine Schuldige finden – und bestrafen. Er selber gehörte während seiner Schulzeit selber zu den „beliebten“ Jugendlichen und schlägt sich dennoch auf die Seite der Verlierer. Während er Cass in ihrem verzweifelten Kampf ums Überleben lauscht, beginnt auch er immer mehr von sich preis zu geben und die Geschichte entwickelt eine Eigendynamik, die der Leser so niemals erwartet hätte. Beinahe erweckt es den Eindruck, als würden Entführer und Entführte ein gewisses Verständnis für einander entwickeln. Wie (und ob) das den Fortlauf der Geschichte beeinflusst, verrate ich natürlich nicht.

So oder so aber waren dies die Punkte, die mich besonders positiv überrascht haben an dieser Geschichte. Gail Giles verlässt sich nicht auf pure Spannung durch Grausamkeit, sondern setzt auf ausgefeilte Charaktere, die herrlich offen und ungewöhnlich verkorkst sind. Sie zeichnet dadurch beinahe ein Bild unserer Gesellschaft, begutachtet Zwänge und Vorstellungen kritisch – von allen Seiten. Ich würde sogar behaupten, dass dies das Hauptmerkmal der Geschichte ist. Von einem typischen Thriller hat das Buch nämlich wenig. Erzählt aus mehreren Perspektiven (darunter Cass, ein ermittelnder Polizist und Kyle), mag sich nicht so recht Spannung aufbauen. Im Prinzip nimmt diese Erzählweise und immer wieder auftauchende Sprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit einen Großteil der Überraschung selber heraus. Dass das Buch dennoch überaus lesenswert ist, liegt definitiv am Wörtchen „Psycho“ in „Psychothriller“. Giles beweist, dass man mit etwas Psychologie und guten Ideen seine Leser fesseln kann. Für gerade einmal 230 riesengroß bedruckte Seiten ist „Der erste Tod der Cass McBride“ erstaunlich vielschichtig und tiefgängig. Auf jeden Fall bringt es einen zum Grübeln und unterhält dabei sogar noch. Eine Empfehlung also für alle, die weniger Wert auf Nervenkitzel als eine durchdachte und interessante Geschichte legen.

Bewertung: 4/5

Der erste Tod der Cass McBride von Gail Giles
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Thienemann Verlag
ISBN: 978-3522201261
13,90€

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