Rezension: Der Augensammler

Rezension: Der Augensammler


Wenn man ganz unten angekommen ist, geht man eigentlich davon aus, dass es im Leben nur noch bergauf gehen kann. Nicht so bei Alexander Zorbach.

Der (nun Ex-) Polizist hadert mit seinem Leben seit er sich bei einem Einsatz entscheiden musste entweder ein entführtes Baby zu retten und die Entführerin zu erschießen oder abzuwarten ob die Entführerin ihm das Baby aushändigt und dabei zu riskieren, dass das Kind erstickt. Er entschied sich für das Kleinkind und erschoss die Frau.
Seitdem befindet er sich in psychologischer Behandlung, musste seinen Dienst quittieren und wurde von seiner Frau verlassen – die auch noch gleich den gemeinsamen Sohn mitnahm.

Mittlerweile arbeitet Zorbach als Reporter bei einer Zeitung, denn sein Insiderwissen aus Polizeikreisen ist im Bereich der Berichterstattung hoch gefragt. So ist es auch er, der immer wieder über den „Augensammler“ berichtet: ein Mörder, der seit kurzem in Berlin sein Unwesen treibt. Dabei erschüttert der Mörder immer wieder mit seiner äußerst perfiden Vorgehensweise: er dringt in ein Haus ein, töte die Frau und entführt das Kind. Für den Vater lässt er eine Stoppuhr zurück, die ihm ein Ultimatum von 45 Stunden lässt um sein Kind zu finden – ansonsten muss es qualvoll ersticken. Gefunden werden die Leichen schließlich mit nur noch einem Auge, das Zweite wurde ihnen entfernt…

Als Zorbach den Polizeifunk für seine Arbeit mal wieder abhört, bekommt er die Information, dass der Augensammler erneut zugeschlagen hat und macht sich auf den Weg zum Tatort. Die Frau: tot. Diesmal sind es sogar zwei Kinder, die entführt wurden.
Dort angekommen trifft er auf seinen erstaunten Ex-Kollegen, der ihm erklärt, dass der Tatort nicht über Funk durchgegeben wurde und somit niemand außer dem Mörder die Stelle kenne könne.
Zorbach wird selber zum Gejagten und Hauptverdächtigen des Falles. Als jedoch eine blinde Physiotherapeutin plötzlich bei ihm in der Wohnung steht und behauptet zu wissen wer der Augensammler sei, beginnt der ganze Albtraum erst richtig, denn der Ex-Polizist gerät viel zu tief in das Spiel, dass der Mörder spielt…

Nach „Die Therapie“ und „Das Kind“ war dies nun das dritte Buch, welches ich von Sebastian Fitzek gelesen habe – und es war mit großem Abstand sogar noch viel besser als die beiden Anderen!
Zunächst einmal ist die Aufmachung des Buches schon ein Highlight für sich: Die Kapitel und Seitenzahlen verlaufen „falsch herum“ vom Epilog zum Prolog hin und sind zusätzlich mit einer Deadline versehen („Noch 44 Stunden und 38 Minuten bis zum Ablauf des Ultimatums“ etc.). Das allein führt schon zu einer Spannung, die mit jeder abnehmenden Seitenzahl zunimmt und obwohl bereits zu Anfang im „Epilog“ angedeutet wird, dass diese Geschichte nicht einfach enden wird, sondern gerade erst beginnt, fragt man sich unweigerlich was es mit diesem mysteriösen Satz und der eigenwilligen Seitennummerierung auf sich hat. Glaubt mir: man erfährt es zum Schluss – aber das verrate ich natürlich nicht.

Weiter bin ich wieder restlos davon überzeugt, wie uns Lesern die Charaktere der Geschichte näher gebracht werden. Es wird ein glaubhaftes Bild eines Mannes gezeichnet, der aufgrund einer einzigen Entscheidung alles verlor und sich seitdem mehr schlecht als recht durchs Leben kämpft. Auch die Beschreibungen der blinden Physiotherapeutin Alina Gregoriev zeigen, wie ausführlich hier im Vorfeld recherchiert und das Gesamtbild durchdacht wurde. Die handelnden Personen wirken dadurch erschreckend real und „zum Greifen nahe“, sodass man sich ideal in die Geschichte einfühlen kann.

Wie immer, konnte ich auch bei diesem Thriller nicht anders und musste beim Lesen spekulieren um wen es sich beim „Augensammler“ – dem Täter – handelt. Jeder käme in Frage und Indizien werden die gesamte Zeit über so geschickt gestreut, dass ich zwischendurch fast jeden auftretenden Charakter zumindest kurz hätte verdächtigen können. Es war ein ständiges Hin und Her in meinem Kopf bis ich schließlich auf den letzten knapp 150 Seiten das Denken ganz aufgegeben und mich nur noch auf die Geschichte konzentriert habe. Ab da wurde es nämlich geradezu unerträglich spannend und ich konnte mich nicht einmal kurz vom Buch losreißen um zu meiner Teetasse zu greifen (der Tee war letztendlich kalt als ich mit dem Buch durch war und Zeit gehabt hätte ihn zu trinken. Danke dafür, Herr Fitzek! ;)).
Auf jeden Fall wird dem Leser hier eine Spannung geboten, die nur schwer zu toppen ist. Bis jetzt habe ich jedenfalls noch keinen anderen Thriller-Autor gefunden, der es schafft eine vergleichbare Sogwirkung zu erzeugen, die einen dazu bringt mit angehaltenem Atem die Seiten umzublättern.

Einen Kritikpunkt gibt es diesmal von meiner Seite aus jedenfalls nicht. Einzig möchte ich erwähnen, dass man als Leser bereit sein sollte auch übernatürlich erscheinende Phänomene für den verlauf der Geschichte zu akzeptieren. Immerhin ist die blinde Alina davon überzeugt anhand einer Vision der Vergangenheit des Augensammlers diesen erkannt zu haben. Letztendlich werden Kenner anderer Bücher von Sebastian Fitzek aber bereits wissen, dass scheinbar Paranormales in seinen Büchern immer eine kleine Rolle spielt und dem Handlungsverlauf sogar noch eine gewisse Extraspannung hinzufügt, anstatt ihr zu schaden.

Wie bereits erwähnt, habe ich bis jetzt erst zwei andere Bücher von Sebastian Fitzek gelesen – und zwar „Die Therapie“ und „Das Kind“. Deshalb kenne ich mich nicht mit allen seinen Werken aus, war aber etwas amüsiert und habe mich sehr darüber gefreut nun in „Der Augensammler“ einige Anspielungen auf diese Bücher zu finden. Dabei handelte es sich um nichts, was für den Verlauf der Geschichte relevant war (man muss also die vorherigen Bücher nicht unbedingt kennen), aber es sorgte für einen angenehmen Wiedererkennungseffekt.

Zusammengefasst: Mit seinem neusten Thriller ist Sebastian Fitzek ein erstaunliches und packendes Buch ohnegleichen gelungen! Nicht einmal mit der letzten Seite ist dem Leser ein Durchatmen gegönnt, denn die Geschichte um Alexander Zorbach lässt einen nicht mehr los…

Bewertung: 5/5


Der Augensammler von Sebastian Fitzek
448 Seiten (Hardcover)
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN: 978-3426198513
16,95€

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