Rezension: Davids letzter Film

Rezension: Davids letzter Film

Als der „Meister des Undergroundfilms“ hat David Mosbach schon immer polarisiert. Nun soll sein Jugendfreund Florian aus Spanien zurück nach Berlin kehren und über den Regisseur einen Artikel schreiben. Bei einer geheimen Filmvorführung wird jedoch schnell klar, dass Mosbach dieses Mal eine Grenze überschritten hat. Sind die Bilder dieses Horrorfilms gar echt? Flo macht sich auf die Spur Davids und gerät in einen Albtraum, der ihn von Film zu Realität, von einem Schreckenszenario zu echtem Schrecken führt…

Als mir das Buch in die Hände fiel, musste ich zugeben, noch nichts von Jonas Winner gehört zu haben. Ein deutscher Psychothriller – ob der sich mit Sebastian Fitzek und Cody McFadyen, die ich sonst lese, messen kann? Kann er!

Florian Baumgartner ist ein mäßig erfolgreicher Journalist, der sich nach Spanien zurückgezogen hat. Warum, erfährt der Leser zunächst nicht. Doch als der Anruf aus Deutschland kommt, macht er sich aus Neugierde zurück auf den Weg in sein kaltes Heimatland, in der Hoffnung, vielleicht wieder Kontakt zu David zu bekommen, mit dem er seit seiner Kindheit befreundet war – und deren Leben bis dahin unterschiedlicher nicht hätten verlaufen können.
Folgend beginnt Flo mit seiner Arbeit und gerät bei seiner Recherche in Kreise, in denen Fiktion und Realität sich erschreckend vermischen.
Es war spannend dem Journalisten dabei zu folgen, zu sehen wie er arbeitet und mühsam an Informationen kommt, die er braucht um zu verstehen, was den Mythos David Mosbach umgibt. Immer weiter wird der Leser in einen Strudel aus Schrecken hineingezogen, sodass man mit zitternden Händen die Seiten liest.

Mir persönlich hat dabei am allerbesten gefallen, wie Jonas Winner es schafft, komplizierteste Gedankengänge verständlich zu erklären und mit Schreckensbildern arbeitet, die an die Urängste des Menschen appellieren. Größtenteils wird auf detaillierte Schilderungen brutaler Szenen verzichtet, dennoch habe ich selten einen Thriller gelesen, der so schockierend beängstigend ist.
Das liegt vermutlich auch daran, dass die bildhafte Sprache geradezu dazu auffordern, die Geschichte wie einen Film vor sich zu sehen. Spannung wird durch kurze Sätze sowie geschickte Andeutungen gleichermaßen aufgebaut. So spielt gleich die Einstiegszene eine Rolle, die sich dem Leser erst hinterher erschließt. Aber auch Kleinigkeiten, die man höchstens am Rande wahrnimmt, suggerieren eine Atmosphäre, die einem die Haare im Nacken aufrichtet. Ein unbewusstes „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“ macht den Nervenkitzel hier aus.

Bei dieser bildhaften Umsetzung der Geschichte überrascht es auch wenig, dass das Thema Horrorfilm und die Vermischung von Realität und Fiktion greifbar rüberkommen. So postuliert Florian selber: „Dieses Misstrauen ist echt, es ist dem Schein sozusagen entkommen.“ (S.195) – und trifft damit den Nerv dieses Buches, in dem nicht nur das Misstrauen gegenüber dem gesuchten David Mosbach immer größer wird, sondern auch eine Angst und Faszination zugleich auf den Leser übergreifen.

Da man gemeinsam mit Baumgartner die Filme Mosbachs erlebt und beginnt zu verstehen, welchen manipulativen, beängstigenden und zugleich genialen Plan der Regisseur verfolgt, geht man unweigerlich vom Allerschlimmsten aus. Das ist es dann leider auch, was bei mir zu einer Bewertung von „nur“ 4 von 5 Sternen geführt hat: das atemberaubende Tempo, das die Geschichte vorgibt und der Nervenkitzel, den die Szenen unweigerlich verursachen, überholen sich selber. Beinahe hat man das Gefühl, dass Jonas Winner so grandios in die Geschichte eingestiegen ist, dass er seine selbst gesetzte Messlatte nicht bis zum Ende halten kann. Dafür aber erwartet den Leser ein Finale, das mir beinahe ein Schmunzeln aufs Gesicht gezaubert hat – denn (und ich möchte nicht zu viel verraten, deshalb belasse ich es bei einer vagen Andeutung) tatsächlich schafft Winner mit seinem Buch, woran der Charakter Mosbach seit vielen Jahren mit seinen Filmen arbeitet. Insofern lässt zwar ein wenig die Spannung gegen Ende des Buches nach, doch diese perfekt durchdachte Geschichte trumpft zum Schluss noch einmal mit einer Wendung auf, die tatsächlich überrascht.

Für mich ist „Davids letzter Film“ in vielerlei Hinsicht eine große Überraschung gewesen, denn das man auf knapp 350 Seiten so viel rüberbringen kann, so viel „thrill“ vermittelt und mich dazu bringt alles um mich herum auszublenden, ist selten. Auf der Rückseite steht der Vergleich mit dem Regisseur David Lynch – und falsch ist das nicht. Für Fans von schaurigen Filmen, dem nötigen Quäntchen „mindfuck“ und guten Thrillern eigentlich ein Muss!

Bewertung: 4/5

Davids letzter Film von Jonas Winner
352 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3423212601
8,95€

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