Rezension: Das verbotene Eden

Rezension: Das verbotene Eden

Das verbotene Eden von Thomas Thiemeyer
464 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN
ISBN: 978-3426283608
16,99€

Inhalt


Die „dunklen Jahre“ sind vorbei, doch die Gegenwart in der David und Juna leben, ist nicht weniger dunkel und gefährlich. Im Jahr 2015 muss die Menschheit vor einem Virus kapitulieren. Alles, was eins selbstverständlich war, kehrt sich in rasender Schnelle in das genaue Gegenteil um: Männer hassen Frauen, die neuste Technologie geht verloren, die Welt liegt in Trümmern. Was bleibt sind zwei verfeindete Lager, deren momentaner Frieden, knapp 60 Jahre nach dem Zusammenbruch der Zivilisation, an einem seidenen Faden hängt: die Männer auf der einen, die Frauen auf der anderen Seite. Als die kriegerische Juna sich in den ruhigen Mönch David verliebt, steht deshalb nicht nur die Welt der beiden Kopf. Sie wissen genau: ihre Gefühle zu einander sind verboten und ihre Seiten stehen kurz vor einem verheerenden weiteren Krieg, der die Menschheit dieses Mal endgültig auslöschen könnte…

Bewertung


Auch wenn der Name eine biblische Geschichte vermuten lässt, so ist „Das verbotene Eden“ doch eher eine dystopische Anlehnung an Shakespeares „Romeo und Julia“ – zumindest oberflächlich, denn unter der Oberfläche liegt noch so viel mehr als das.

Juna ist mit ihren siebzehn Jahren schon eine gefeierte Kriegerin in ihrem Verbund. Mit ihrem Pferd und ihrem Falken Camal schlägt sie eine Schlacht, die sie zur Heldin macht. Doch so kriegerisch und stark die junge Frau auch ist, in ihrer Heimat erfährt der Leser sie ebenso als besonnene und liebevolle Protagonistin. Einzig ihr Tatendrang, ihre Unruhe, fällt immer wieder auf und treibt sie voran, wenn sie mit vollem Eifer für eine Sache einsteht.

David ist hingegen zunächst ein ruhiger Charakter. Er arbeitet in einem Kloster und hilft beim Instandhalten und Restaurieren von Büchern. Seine große Leidenschaft sind die verbotenen Liebesromane, die er heimlich liest – allen voran „Romeo und Julia“, dessen Geschichte ihn zu gleichen Teilen fasziniert und irritiert.

Die Welt, in die beide Protagonisten geboren wurden, ist bedrohlich und fremd. Während sie in der Obhut der Frauen aufwächst und ein naturverbundenes Leben führt, ist er sein Leben lang von Männern umgeben. Auf seiner Seite wird das Wort Gottes gepredigt und der Hass gegenüber den Frauen, den „Hexen“, geschürt. Er kennt es nicht anders als in einer Gesellschaft zu leben, die sich in den Ruinen alter Städte breit gemacht hat, umgeben von Relikten aus früheren Zeiten, mit einem gut gehüteten Arsenal der letzten Waffen und Autos, welche die „dunklen Jahre“ überstanden haben. Der Friede, den die Männer mit den Frauen geschlossen haben, basiert auf einem Abkommen, dass auf wackeligen Beinen steht. Umso mehr, als sich herauskristallisiert, dass auf beiden Seiten Leute in den Vordergrund drängen, die sich nicht mehr mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden geben und bereit sind für ihre Seite in den Krieg zu ziehen.

Die „Romeo und Julia“-Geschichte ist in sofern recht offensichtlich: dadurch, dass Juna und David sich verlieben und verfeindeten Lagern angehören, ist ihre Liebe eine Verbotene und steht unter keinem guten Stern. Doch im Laufe der Erzählung wird deutlich, dass es hier nicht bloß eine Nacherzählung der altbekannten Geschichte ist, sondern lediglich mit einigen offensichtlichen Anspielungen darauf beruht. Alle im Buch erwähnten Charaktere sind äußerst komplex gezeichnet und ergeben ein dicht verflochtenes Muster, welches „Das verbotene Eden“ zu einem Unikat macht.

Als besonders faszinierend empfand ich, mit welcher Detailverliebtheit Thomas Thiemeyer diese uns fremde Welt erschaffen hat. Man merkt deutlich, dass alles bis hin zum unwesentlich erscheinenden Fakt genau durchdacht ist. Um ein Beispiel zu nennen: die Männer glauben an Gott und leben demnach eine patriarchalisch geprägte Religion aus (heißt: die Religion wendet sich an eine Vaterfigur als Gott, jemanden, dessen Wohlwollen man sich erarbeiten muss und der genauso grausam und rachsüchtig sein kann, wie er bisweilen schützende Funktion einnimmt) während die Frauen sich auf mehrere Göttinnen berufen, die einem naturverbundenem, matriarchalischem Muster folgen (heißt: die Göttinnen sind wie Mütter, eher gütige Figuren).
Hinzu kommen die äußerst genau geplanten und logischen Hintergründe der Gesellschaftsstrukturen. Denn manchmal fragt man sich unweigerlich während des Lesens: aber wie soll das System funktionieren wenn Männer und Frauen komplett getrennt leben? Und ehe man sich versieht, gibt Thiemeyer darauf eine einfache und einleuchtende Erklärung. So macht es Spaß sich in diese fremde Welt fallen zu lassen: man bemerkt mit einem Schaudern und einer Faszination zu gleich, dass dieses dystopische Szenario möglich wäre.

Als ich schrieb, dass diese Geschichte noch viel tiefer geht als eine oberflächliche Dystopie oder Neuerzählung von Romeo und Julia, dachte ich dabei an viele Themen, die versteckt angesprochen und kritisiert werden. Da wären zum einen das typische Rollendenken von Mann und Frau, Religion und, was ich auch besonders interessant fand, die Kritik an unserer heutigen Gesellschaft, die sich um jeden Preis vom Geld abhängig macht. Dazu wird in einer Passage das Verhalten von Pharmakonzernen, die ein Geschäft aus Krankheit machen, besonders hinterfragt (S. 54).

Es bleibt nun abzuwarten, wie Juna und David ihre eigene Geschichte fortführen. Denn, so viel möchte ich verraten: das Muster kommt einem, von anderen Charakteren im Buch, bekannt vor, doch beide scheinen ihren eigenen Weg gehen zu wollen um alles zu verändern. Da passt ein Zitat von George Bernard Shaw ganz gut, welches die beiden Protagonisten wohl mit einem entschlossenen Lächeln kommentieren würden:
„Wenn die Geschichte sich wiederholt und immer das Unerwartete geschieht, wie unfähig muss der Mensch sein, durch Erfahrung klug zu werden.“

„Das verbotene Eden“ ist auf jeden Fall der Auftakt zu einer Trilogie, die es in sich hat. Beängstigend, faszinierend und gefährlich ist es alle male für das Liebespaar, das aus „unheilvollem Schoß entsprungen“ ist und genauso spannend und romantisch wird ihre Geschichte erzählt. Ein absolutes Lesehighlight für Fans von düsteren Dystopien, mitreißenden Liebesgeschichten und Büchern, die mehr als bloße Unterhaltung bieten.

In Sternen: 5/5

Über den Autor


Thomas Thiemeyer wurde 1963 in Köln geboren und studierte nach der Schule zunächst Geologie und Kunst. Anschließend arbeitete er unter Anderem für Ravensburger als Illustrator und illustriert Bücher und spiele gleichermaßen. Mittlerweile ist er freiberuflich tätig und widmet sich dem Schreiben. Im Jahr 2004 erschien sein erster Roman bei Droemer/Knaur, dem weitere Thriller folgen sollten. Seit 2009 hat er aber den Jugendroman für sich entdeckt und startete mit „Die Stadt der Regenfresser“ eine fünfteilige Reihe, bei der bald der 4. Band veröffentlicht wird. Mit „Das verbotene Eden“ schrieb er, laut eigenen Angaben, seine erste Liebesgeschichte; doch auf Spannung und Abenteuer hat er auch hier nicht verzichtet. Die Geschichte um David und Juna soll in den nächsten Jahren die beiden fortsetzenden Romane zur Komplettierung der Trilogie erhalten.

Homepage: www.thiemeyer.de

2 Comments
  • Pia
    Posted at 20:13h, 24 August Antworten

    Da freue ich mich direkt mehr auf das Buch :)

  • Sarah
    Posted at 10:21h, 25 August Antworten

    Kannst du auch :) Ich fands wirklich gut geschrieben. Dir deshalb noch viel Spaß beim Lesen!

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