Rezension: Das Tal – Das Spiel

Rezension: Das Tal – Das Spiel

Bereits die Anfahrt zum Grace-College lässt erahnen, worauf sich Julia und Robert eingelassen haben: mitten in den kanadischen Einöde, in einem Tal gelegen, erwartet sie ihre zukünftige Schule. Komplett abgeschieden von der Außenwelt ragt einzig das große Gebäude neben dem dunklen See aus der Landschaft hervor und verspricht absolute Isoliertheit.

Auch der Start in das Schuljahr beginnt für die Geschwister nicht so, wie sie es sich erhofft hatten. Robert hat gleich in der ersten Nacht einen fürchterlichen Albtraum und Julia muss versuchen die neugierigen Fragen ihrer Mitschüler zu umgehen. Eins wird schnell klar: die beiden haben eine Vergangenheit, über die sie nicht sprechen – ja nicht einmal nachdenken – wollen.
Dennoch finden sie Anschluss in der Gruppe ihrer Zimmernachbarn und gehen gemeinsam mit ihnen auf die Einweihungsparty im Sperrgebiet neben dem See. Es soll ein vergnügter Abend mit Alkohol und lauter Musik werden, die beiden betreuenden Studenten haben die „Freshmen“ zum Start ins neue Semester geladen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Robert, der eher für seine Intelligenz als für seine Sportlichkeit bekannt ist, springt in den eiskalten See und droht zu ertrinken. Nur mit viel Glück und haarscharf gelingt es einem Mitschüler ihn wieder aus dem Wasser zu retten, während ein bedrohliches Gewitter sich zusammenbraut.
Niemand glaubt Robert, als er erzählt, dass er ein Mädchen gesehen hat: sie sei von einem Felsen direkt ins Wasser gesprungen und nicht wieder aufgetaucht. Er wollte sie retten.
Als am nächsten Tag bekannt wird, dass Angela Finder vermisst wird, nimmt die Geschichte immer bizarrere Ausmaße an… denn Angela ist an einen Rollstuhl gefesselt und wäre niemals in der Lage gewesen auf den Felsen zu klettern, geschweige denn ins Wasser zu springen.

Für Julia und Robert beginnt eine gefährliche Suche nach der Wahrheit: was ist mit Angela geschehen? Wer war das Mädchen, das ins Wasser gesprungen ist? Gibt es vielleicht sogar einen Mörder unter den Studenten?

Über das Buch hatte ich bis dahin nur Gutes gehört. Die Geschichte klang spannend und viel versprechend mit genau der richtigen Portion Mystery – also landete der erste Band der Reihe kurzerhand bei mir im Regal.
Der Einstieg fiel mir, ehrlich gesagt, sehr schwer. So wird zu Beginn etwas langatmig die Schule und der Alltag der beiden Geschwister beschrieben. Auch Roberts etwas eigene Art – er betrachtet seine Umwelt gerne sehr mathematisch und „berechnet“ zum Beispiel die architektonische Aufteilung des Schulgebäudes – haben mich zunächst nicht angesprochen. Durch die gesamte erste Hälfte des Buches musste ich mich eher schleppen und habe sogar zwischenzeitlich überlegt die Lektüre abzubrechen. Gestört hat mich zudem die manchmal etwas überzogene Jugendsprache, die gerade zu Beginn stark auffällt. So beschimpft Julia eine Tür zum Beispiel als „Fuck-Tür“, was während des Lesens doch eher stört.

Nachdem allerdings das an den Rollstuhl gefesselte Mädchen verschwunden war, nahm die Geschichte an Fahrt auf. Schnell wird den Schülern klar, dass Angela Finder nicht das hilflose, bemitleidenswerte Mädchen war, das sie zu sein schien und erste Gerüchte über einen Mord kursieren auf dem Campus. Julia und Robert versuchen beide auf ihre Art des Rätsels Lösung zu finden und geraten dabei selber in Gefahr, denn das Elite-College beherbergt nicht nur Streber und hat zudem eine Vergangenheit, die mit aller Macht vertuscht werden soll…

Gekonnt verknüpft Krystyna Kuhn folgend die Handlungsstränge: die Geschichte wird immer spannender und die Abgeschiedenheit des Colleges weckt beim Leser ein beklemmendes Gefühl, das die Nerven auf eine harte Probe stellt. Dazwischen werden immer mehr Bruchstücke aus Julias und Roberts Leben „vor dem Grace-College“ bekannt und endlich werden Fragen beantwortet, die man sich während des Lesens immer wieder stellt. Warum will Julia vergessen, was ihr passiert ist? Was kann so schrecklich gewesen sein? Und wie hängt ihre Vergangenheit mit der Flucht der Geschwister in die kanadische Einöde zusammen?

Die letzten knapp hundert Seiten des Buches haben meine anfänglich eher schlechte Meinung absolut revidiert. Der etwas merkwürdige Gebrauch der „Jugendsprache“ kam entweder nicht mehr vor oder ist mir vor lauter vor-Spannung-an-den-Nägeln-kauen gar nicht mehr aufgefallen. Ich weiß nur, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte und alle meine guten Vorsätze an diesem Abend einmal etwas früher schlafen zu gehen, in den Wind geschlagen habe um „Das Spiel“ noch beenden zu können.
Letztendlich ist die Geschichte dieses ersten Bandes in sich abgeschlossen und kann als einzelnes Buch betrachtet werden – aber es werden genug Andeutungen gemacht und so viele neue Fragen aufgeworfen, dass ich jedem empfehlen kann, sich die Fortsetzungen auch schnell zu Gemüte zu führen. „Die Katastrophe“ (Band 2) steht jedenfalls ganz weit oben auf meinem Wunschzettel und ich bin schon gespannt wie es in diesem merkwürdig-gruseligem Tal weiter geht. Das Geheimnis um die Vergangenheit des Colleges ist jedenfalls noch nicht geklärt und verspricht eine Gänsehaut-verursachende Fortsetzung…

Bewertung: 4/5


Das Tal: Das Spiel von Krystyna Kuhn
264 Seiten (Softcover)
Verlag: Arena
ISBN: 978-3401064727
9,95€

3 Comments
  • Hanna von thesaurus
    Posted at 23:11h, 02 Oktober Antworten

    So gings mir mit dem Buch auch! Am Anfang hatte ich etwas Schwierigkeiten den „Hype“ nachzuvollziehen, aber die zweite Hälfte hab ich dann auch verschlungen, weils so spannend war. Freu mich auch schon drauf, den zweiten zu lesen. Hab auch gehört, dass der noch besser sein soll. Wahrscheinlich, weil das College dann nicht mehr vorgestellt werden muss, sondern man direkt „starten“ kann … hoffe ich zumindest ;)

    Schöne Rezi!

  • Stephie
    Posted at 23:25h, 02 Oktober Antworten

    Schade, dass du so schlecht hinein gefunden hast. Mich hat das Buch von Anfang an gefesselt, aber das mit der Sprache ging mir genauso.

  • Sarah
    Posted at 12:22h, 03 Oktober Antworten

    @Hanna: Klingt plausibel, dass das zweite Buch dann direkt einsteigt… und darauf freue ich mich! Möchte ja jetzt doch gerne wissen wie es weiter geht und was es mit der Geschichte des Colleges auf sich hat :)
    Ich bin außerdem gerade sehr beruhigt, dass ich scheinbar nicht die Einzige war, die sich in das Buch erst einfinden musste ;)

    @Stephie: Ist wohl alles Geschmackssache ^^ Nun, da ich den Einstieg aber gefunden habe, freue ich mich schon auf den 2. Band!

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