Rezension: Das Lied der Banshee

Rezension: Das Lied der Banshee

Kreischende Sägen und schwere Holzplatten sind eigentlich Aileens Element. Das siebzehnjährige Mädchen lebt in Berlin und macht eine Ausbildung in einer Schreinerei. Ihr normales Leben gerät aber an dem Tag völlig aus den Fugen, an dem sie mit ihrem Schwarm und Arbeitskollegen ein Konzert besucht, denn auf dem Rückweg wird sie von mehreren Schlägern angegriffen.
Dass sie den vier bulligen Männern gerade noch entkommen kann, weiß sie sich selbst nicht zu erklären bis plötzlich ein Mann in ihrem Apartment steht und ihr eröffnet, dass sie die wohlmöglich letzte Banshee auf der Erde ist. Und, dass ihr irgendjemand nach dem Leben trachtet.
Plötzlich findet sich Aileen in einer Welt wieder, in der nicht nur Menschen leben, sondern auch Götterkinder und allerhand Wesen, die für sie vorher in das Reich der Fabeln und Märchen gehörten. Zu allem Überfluss muss sie schnell lernen ihre neuen Fähigkeiten zu kontrollieren, denn unter den Götterkindern braut sich ein Krieg zusammen, der für alle Beteiligten den Tod bedeuten kann…

Das orange leuchtende Cover zieht sofort alle Blicke auf sich. So stolperte auch ich in der Buchhandlung über „Das Lied der Banshee“. Eine Fantasy-Geschichte aus deutscher Feder – beinahe eine Seltenheit!
Glücklicherweise konnte das Buch fast vollkommen überzeugen und hat Spaß gemacht gelesen zu werden.

Aileen selber ist ein sehr sympathischer Charakter. Sie ist sehr vorlaut und frech, reißt manchmal den Mund auf bevor sie nachdenkt und gibt gerne zu allem sarkastische Kommentare ab. Das und die Tatsache, dass sie keinesfalls übermäßig mädchenhaft wirkt, geben ihr eine besondere Note. Allein schon die Tatsache, dass sie eine Schreiner-Lehre macht und nicht ständig über Klamotten und Make-Up sinniert, vermitteln ein bodenständiges Bild von ihr.
So verfolgt der Leser ihre Entwicklung hin zu einer vollwertigen Banshee mit Spannung und kann immer wieder darüber schmunzeln, welche Gedanken ihr durch den Kopf (und aus dem Mund) gehen.

Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir die wichtigsten Nebencharaktere, allen voran das „Trio Infernale“: Macius, Aiko und Pheme, welche ebenso wie Aileen zu den Götterkindern gehören aber keineswegs Banshees sind. Lustigerweise habe ich mir Macius zu Beginn der Geschichte als einen älteren Mann vorgestellt (immerhin ist er an die tausend Jahre alt…), aber letztendlich stellte sich heraus, dass er noch recht jung aussieht. Auch Pheme, die anfangs eher ruppig und unsympathisch erscheint, kann den Leser auf Dauer überraschen und für sich einnehmen. Auf diese Weise gelingt es der Autorin ihre Protagonisten lebendig und greifbar wirken zu lassen. Mehr als einmal hatte ich beim Lesen wortwörtlich ein Bild vor Augen, das deutlich macht, dass man es hier nicht nur mit Romanfiguren, sondern mit „richtigen“ Charakteren zu tun hat. Etwas schade war, dass Macius letztendlich etwas kurz gekommen ist in „Das Lied der Banshee“, aber da alle Protagonisten sich stetig entwickelt haben und immer wieder für Überraschungen gut sind, hoffe ich darauf, vielleicht in einer Fortsetzung noch mehr über die während der Lektüre lieb gewonnenen Götterkinder zu erfahren.

Die Geschichte selber ist ebenfalls für mich etwas ganz Neues gewesen. Es kommen allerhand bekannte Gestalten wie Vampire (nun ja, Lamien), Gargoyles, Dämonen, Nymphen und Harpyien vor, doch erzählt Janika Nowak ihre Geschichte auf ganz ungewöhnliche und neue Art, sodass man sich nicht in Klischees und altbekannten Handlungssträngen wieder findet. Besonders interessant und mitreißen fand ich persönlich die Idee, dass alle diese Wesen die Kinder der vier Götter sind, welche aus der Verbindung mit Menschen hervorgingen. Die Götter sind mittlerweile nicht mehr auf der Erde anzutreffen, doch ihre Kinder führen parallel zu den Menschen (und manchmal auch mitten unter ihnen) ein magisches Leben. Zwischen Göttern und Götterkindern sind nur noch die so genannten Wächter geschaltet – Kinder der Götter, die aus Verbindungen mit anderen Göttern entstanden. Das hierarchische System wird glaubhaft und logisch erklärt, sodass es Spaß macht in diese unbekannten Gefilde ab- und neue Welt einzutauchen.
Gestört haben mich hier höchstens Kleinigkeiten, die eigentlich keine große Erwähnung wert sind – wie zum Beispiel eine Fehde unter zwei Gruppen von Götterkindern, die doch etwas abrupt und sehr einfach beigelegt wird.

Die insgesamt schlüssige und spannende Geschichte wird durch Janika Nowaks Schreibstil unterstützt. Viele flapsige Kommentare von Aileen lockern brenzlige Situationen gekonnt auf und ihre ungefilterten Gedankengänge sind bisweilen kleine Highlights. Allerdings muss ich sagen, dass ab und zu offensichtlich wird, dass sich dieses Buch an ein etwas jugendlicheres Publikum wendet. Die Sprache ist (bis auf einige französische Schimpfwörter – danke dafür, endlich habe ich mal etwas Sinnvolles in der Sprache gelernt!) recht einfach gehalten und wirkt leider manchmal etwas kindisch. Als Beispiel: „Hä, seit wann wusste er denn darüber Bescheid?“ (S. 386) und „Och nö.“ (S. 33). Ebenso verfällt Aileen gerne in „Schwärmereiattacken“ – aber im Großen und Ganzen kann man auch als etwas ältere Leserin mit diesem Schreibstil gut zurechtkommen und stört sich, dank der tollen Geschichte, nicht wirklich daran.
Beinahe lustig waren hingegen einige Rechtschriebfehler, die bei der Korrektur wohl durchs Raster gefallen sind. So wurden aus „Nachbarn“ schon mal die „Nachtbarn“ und anstatt auf der „Haut“, hat Macius ein Tattoo auf seinem „Haus“ (S.372).

Ganz besonders erwähnenswert finde ich zum Schluss nur noch die wirklich wunderschönen Illustrationen, die das Buch begleiten. Mal nur als kleine Verzierungen am Beginn eines neuen Kapitels und mal über eine ganze Seite bilden sie ein weiteres Highlight, das die Lektüre zu etwas Besonderem macht.

Zwar ist „Das Lied der Banshee“ eine in sich abgeschlossene Geschichte, die eigentlich keiner Fortsetzung bedarf, doch wie ich erst letztens gelesen habe, arbeitet Janika Nowak wohl schon an einer. Da die Charaktere noch viel Spielraum für weitere Entwicklungen und eine neue spannende Handlung bieten, lasse ich mich da gerne erneut positiv überraschen und warte gebannt darauf, ob man bald mehr dazu erfahren wird.

Bewertung: ´4/5/>

Das Lied der Banshee von Janika Nowak
480 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN (10. Januar 2011)
ISBN: 978-3426283394
14,99€

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