Rezension: Das Kind auf der Treppe

Rezension: Das Kind auf der Treppe

Da wäre Leni, die aus ihrer Heimat Island vor ihrem gewalttätigen Mann flieht. Und Zicky, Lenis zwölf Jahre ältere Schwester, die in Berlin mit ihrer blinden Freundin zusammen wohnt und ein Restaurant betreibt.
Im Haus von Zicky lebt auch der etwas merkwürdige und ständig kränkelnde Junge Nicky mit seiner bisweilen verdächtig wirkenden Mutter, einer recht beleibten Krankenschwester.
Nicht zuletzt gibt es noch das „Schulwegmonster“ – einen Mörder, der in Berlin um geht und kleine Kinder missbraucht und tötet.

All diese Menschen führt Karla Schmidt in ihrem Erstlingswerk zusammen und spinnt ihre Geschichten unauflösbar zusammen.

Als Thriller deklariert ist das Buch eine große Enttäuschung für mich gewesen. Nachdem ich so viel überschwängliches Lob gehört hatte, waren die Erwartungen dementsprechend hoch und konnten in keiner Weise erfüllt werden.

Zwar ist Karla Schmidts Schreibstil atmosphärisch dicht, intensiv und auf den Punkt gebracht, aber viel mehr Positives kann ich an dem Buch nicht finden. So hat wohl nur der durchweg gute Schreibstil dazu geführt, dass ich die Geschichte überhaupt zu Ende gelesen habe.

Fangen wir mit den Charakteren an:
Leni ist die Protagonistin des Buches, zum größten Teil wird alles aus ihrer Sicht beschrieben. Dennoch bleibt sie dem Leser fremd und man wagt es nicht eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Zu undurchsichtig sind ihre Handlungen und zu wenig erfährt man über ihre Gedankengänge und ihr Gefühlsleben.
Auch die anderen Charaktere im Buch wirken wie hohle Statisten in einer Handlung, die so überzeichnet ist, dass sie unglaubwürdig wird.
Jede einzelne Person in der Geschichte – allen voraus natürlich Leni – erlebt so viele Schicksalsschläge und lebt in einem solchen wirren Elend, dass man manchmal gar nicht weiter lesen möchte. Es ist einfach too much und dabei leider nicht mehr glaubhaft.

Des Weiteren hat mich beim Lesen gestört, dass im Buch einige Fehler auftauchen. Auf Seite 168 zum Beispiel werden die beiden Schwestern Leni und Zicky plötzlich in der Handlung vertauscht. So betritt Leni ein Restaurant und öffnet sich eine Flasche Jägermeister, doch schon wenige Sätze später wird beschrieben, dass es Zicky ist, die „direkt aus der Flasche“ trinkt. Sinngemäß hätte es die ganze Zeit über Zicky sein müssen.
Später im Buch ist mir auch noch eine Fehldruck-Stelle aufgefallen, die bei mir das Gefühl zurück lässt, jetzt irgendetwas verpasst zu haben:
„Die Pappen saugten es auf, als es sich schnell um Magnus’ zuckenden Leib ausbreitete. hatte einen halben Ständer.“ (S. 293). Der Satz sollte wohl ursprünglich rausgekürzt werden und wurde nicht ganz erfasst. Als Leser sitzt man so vor einem etwas merkwürdigen Satzfragment.

Diese beiden Beispiele erwähne ich nur kurz um zu zeigen, dass sich sogar in die 2. Auflage (April 2010) noch so einige Fehler eingeschlichen haben, die einen beim Lesen etwas stutzen lassen.

Insgesamt erschlägt einen die überspitze Handlung, die unsympathischen Charaktere stören und einige Druckfehler/Logikfehler vermiesen beim Lesen zusätzlich die Stimmung. Um einen richtigen Thriller handelt es sich auch nicht, da das erwähnte „Schulwegmonster“ nur noch einmal ganz am Rande vorkommt und relativ unspektakulär zur Handlung beiträgt. Viel mehr erzählt das Buch über das verkorkste Leben der Protagonisten und spart dabei bisweilen nicht an Widerlichkeiten.*

*Wer sich hier gerne etwas vorweg nehmen lassen möchte, der kann meinen Spoiler lesen:
[spoiler]Von häuslicher Gewalt über illegale Abtreibungen im Badezimmer, Folter, Abgerissene Finger, Kannibalen, Promiskuität, gewalttätiger Sex, Vergewaltigung, dramatische Familienzusammenführungen und etwas befremdliche Naktszenen kommt wirklich alles drin vor. Hauptsache man kann die Leser richtig schön ekeln. [/spoiler]
Bewertung: 2/5


Das Kind auf der Treppe von Karla Schmidt
320 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Piper Verlag GmbH
ISBN: 978-3492257817
8,95€

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