Rezension: Das Geheimnis des weißen Bandes

Rezension: Das Geheimnis des weißen Bandes

Das Geheimnis des weißen Bandes von Anthony Horowitz
350 Seiten (Hardcover)
Verlag: Insel Verlag
ISBN: 978-3458175438
19,95€

Inhalt


Ein Mann fühlt sich von den Schatten seiner Vergangenheit verfolgt, ein Straßenjunge wird auf grausame Weise ermordet. Watson berichtet in „Das Geheimnis des weißen Bandes“ von Sherlock Holmes wohl spektakulärsten und gefährlichsten Fall. Er kündigt deshalb gleich von Beginn an, dass die Geschichte erst hundert Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden wird und weist darauf hin, dass es noch keinen größeren Skandal gegeben hat.
Doch erst einmal müssen er und der berühmte Detektiv den verworrenen Spuren folgen. Was hat ein irischer Ganove mit den Straßenjungen Londons zu tun? Jeder neu auftauchende Hinweis scheint auch neue Rätsel auf zu geben und Sherlock braucht dieses Mal seinen ganzen Einfallsreichtum um das Geheimnis des weißen Bandes zu lösen…

Bewertung


Mein allererster „Sherlock Holmes“ ist nun ausgerechnet der Neue, der nicht wirklich „echte“. Denn Anthony Horowitz versucht in die Fußstapfen Arthur Conan Doyles zu treten und lässt sich damit unweigerlich auf ein wagemutiges Experiment ein.

Ob er damit die hartgesottenen Fans überzeugen kann, kann ich nicht sagen. Da mir die Originale von Doyle nicht bekannt sind, möchte ich hier keine Vergleiche ziehen sondern mich ganz darauf konzentrieren über das Buch zu berichten als sei es ein Einzelband und eine völlig neue Geschichte.

Es ist zunächst etwas schwierig sich in die Erzählweise des Buches einzufinden. Watson selber gibt ein „Vorwort“ in dem er erklärt, warum er diese Geschichte erst jetzt veröffentlicht und was ihn seitdem bewegt hat. Sein Sinnieren über sein Leben an der Seite des berühmten Detektives ist, trotz der Kürze, etwas schleppend und als verwöhnter Thriller-Leser wartet man sehnsüchtig darauf, dass endlich etwas passiert.

Tatsächlich gelingt der Einstieg in die Geschichte danach besser und wenn man sich an das gemütliche Tempo des Detektivbuches gewöhnt hat, kann man ganz in die Geschichte abtauchen. So beginnt es auch recht unspektakulär mit einem Mann, der befürchtet von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden. Als er vor vielen Jahren in den USA geschäftlich unterwegs war, geriet er in die Schusslinie einer irischen Verbrecherbande und befürchtet nun, dass jemand seine Rache einfordert. Für Holmes ist dieser Fall beinahe unter seiner Würde, so desinteressiert macht er sich an die Arbeit und wirft bisweilen mit Fragen um sich, die erst gegen Ende des Buches an Bedeutung gewinnen. Der Detektiv ist seinem Leser um Längen voraus – und man merkt es nicht einmal. Erst, als ein Straßenjunge, der manchmal für Holmes arbeitet, brutal ermordet wird, kommt noch etwas mehr Schwung in die Geschichte. Nun scheint sich ein weiterer Handlungsstrang zu ergeben, der irgendwie mit dem Mann zusammen zu hängen scheint, der sich vom Iren verfolgt fühlt. Doch je mehr man häppchenweise erfährt, desto unschlüssiger ist man.

Man kann es also als einen Plus- oder einen Negativpunkt vermerken, dass man als Leser absolut keine Ahnung hat wie alles zusammenhängt und wie sich das Rätsel lösen lassen könnte. Ich selber bin ein großer Fan davon „mitzuraten“ und war etwas enttäuscht, wie wenig man doch geliefert bekommt. Es wirkte auf mich die ganze Zeit so, dass ich zwar ein Geschehen verfolge, es jedoch nicht nachempfinden kann. Und zu allem Überfluss schien Holmes immer bereits alles zu wissen, es jedoch für sich zu behalten. Vielleicht muss man also Fan von dieser Erzählweise sein um das Buch richtig genießen zu können.

Was mich aber durchweg fasziniert hat und was ich als absolut gekonnt empfunden habe, war die Stimmung, die Horowitz durch seine Wortwahl erzeugt. Tatsächlich hat man das viktorianische England sehr gut vor Augen. Alles wirkt düster und mysteriös, wabernde Nebelschwaden, dunkle Seitengassen und verruchte Kneipen inklusive. Allein für die wunderschönen und präzise treffenden Beschreibungen muss man dieses Buch lieben. Immer wenn ich eine Lesepause eingelegt habe, musste ich erst einmal das Gefühl wieder loswerden, dass ich neben Holmes in einer dreckigen Opiumhöhle stand oder mich in einem heruntergekommenen Hotel befinde.

Dennoch konnte mich das Buch von der Geschichte her nicht überzeugen. Mag der Erzählaufbau noch Geschmackssache sein und die Wortwahl schlichtweg toll, so war ich absolut von der Auflösung des Rätsels enttäuscht. Der groß angekündigte Skandal war für mich nicht ganz nachvollziehbar. Ohne zu viel verraten zu wollen, kann ich wohl sagen, dass das, was letztendlich so schockierend sein sollte, im viktorianischen Zeitalter nicht unbedingt unüblich war. Wenn vielleicht auch nicht in diesen Ausmaßen. Zudem war mir der Bezug zur Gegenwart etwas zu offensichtlich und das hat mich schließlich ein wenig geärgert. Denn es wirkt so, als hätte man einen Sherlock Holmes nachgeschoben, der zwar stilistisch den Originalen nachempfunden sein soll, doch für uns „moderne Leser“ auch den Nerv der Zeit treffen soll. Wenn, dann hätte ich mir konsequent eine typische, schlichte – wenn auch spannende – Detektivgeschichte gewünscht.
Wer aber sowieso ein großer Fan von Detektivgeschichten und historischen Schauplätzen ist, der darf „Das Geheimnis des weißen Bandes“ getrost zur Hand nehmen. Wenn schon nicht die Geschichte überzeugt, dann doch zumindest alles drum herum und eine willkommene Abwechslung zu modernen und blutrünstigen Thrillern ist es allemale.

In Sternen: 3/5

3 Comments
  • Stephanie
    Posted at 20:53h, 07 Januar Antworten

    Hm, ich hatte mir da irgendwie mehr erwartet. Scheint so, als könnte ich mir das Buch dann getrost sparen.
    Psst…ich glaube du meintest NebelschwaDEN, oder?
    Herzliche Neujahrsgrüße, Steffi

  • admin
    Posted at 21:20h, 07 Januar Antworten

    Oh mein Gott… jetzt wo du es sagst! Vermutlich hatte ich beim Schreiben der Rezension Hunger ;)

  • Stephanie
    Posted at 13:01h, 08 Januar Antworten

    *lach*…ja, das mag so gewesen sein. ;-P

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