Rezension: Crashed

Rezension: Crashed

Achtung: Wer den ersten Band („Skinned“) noch nicht kennt, könnte hier Spoiler finden!

Ihr Körper ist tot, ihr Geist lebt weiter.
Seit Lia den Autounfall hatte und als ein Mech – eine Maschine mit dem Bewusstsein der alten Lia Kahn – zu sich gekommen ist, hat sich alles verändert. Sie musste auf schmerzhafte Art lernen, dass sie eine Gefahr für die Menschen in ihrer Umgebung ist, denn ihre Existenz kennt keine körperlichen Grenzen. Eisige Kälte und schwere Stürze können ihr nichts mehr anhaben, Luft wird nur noch mechanisch durch ihren Mund gepumpt, ein Herz schlägt nicht mehr in ihrem Körper. Auch ihre Familie kommt nicht mit ihrer Unsterblichkeit klar und so schließt sie sich der Gruppe Mechs um Jude an. Der junge Anführer bleibt für sie ein Mysterium und Lia vermag es nicht, seine wahren Ziele zu durchschauen. Immer wieder betont er, dass sie und die anderen Mechs akzeptieren müssen, dass sie nicht länger zu den Menschen – den „Orgs“ – gehören. Aber steckt vielleicht mehr dahinter und Jude plant einen Krieg gegen die Lebenden? Als ein Anschlag in einem Kaufhaus 42 Menschen das Leben kostet und Lia in Verdacht gerät, muss sie beginnen sich zu fragen, auf wessen Seite sie steht. Noch dazu hat sich aus den „Erleuchteten“ eine radikale Gruppe abgekapselt, die hart gegen alle Mechs vorgeht. Allen voran steht Lias ehemaliger Freund Auden, der Vergeltung dafür will, was ihm wegen ihr passiert ist…

Der zweite Band um Lia Kahn setzt mit kurzem Abstand hinter dem Ersten an und führt die Geschichte spannend weiter.

Man merkt als Leser sofort, dass sich Lia weiterentwickelt hat. Sie lässt sich ganz aus ihrer alten Existenz fallen, kapselt sich von ihrer Familie ab und versucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Als Prozess ihrer Anpassung an das Leben der Mechs hilft sie Jude neue Mitglieder für seine Gruppe zu gewinnen und begleitet das Trüppchen auf ihren waghalsigen Ausflügen. Ein Sturz aus mehreren tausend Metern Höhe und die Einnahme illegaler „Dreamer“ gehören da genauso zu, wie Botengänge im Auftrag Anführers der Mechs. Dennoch scheint sie Jude nicht trauen zu können – zu viele Details hält er vor seinen Anhängern geheim, zu radikal sind auch seine Ansichten bisweilen. Dass es andere Mechs gibt, die Jude auch noch blind folgen, stößt ihr immer wieder bitter auf. So ist es nicht verwunderlich, dass sie gut versteckt – vielleicht sogar vor sich selber – noch immer an ihrem alten Leben festhält. Auden, den sie noch vor wenigen Monaten geküsst und der ihr nun den Kampf angesagt hat, schwirrt ihr noch genauso im Kopf herum wie ihre Familie.
Man kann bei den intensiven Beschreibungen aus Lias Sicht gut nachvollziehen wie sie denkt und fühlt und warum sie die Vergangenheit noch nicht ganz bereit ist hinter sich zu lassen.

Es ist interessant, dass immer wieder die Frage nach dem „Was macht einen Menschen aus?“ auf kommt und tatsächlich viele Charaktere im Buch diese mit der Existenz eines schlagendem Herzens beantworten. Doch Lia kann nicht einmal mehr ihre Umgebung fühlen – äußere Reize nimmt sie wahr, spürt dabei aber nichts mehr. Gefühlskalt ist sie aber absolut nicht, denn allein ihre Gedanken verraten schon, dass sie noch menschlich reagiert.
Die ganze Problematik Mensch – Maschine wird in diesem zweiten Teil nicht mehr so ausführlich und philosophisch angegangen wie noch in „Skinned“, dennoch bleibt das Thema präsent. Eine weitere detaillierte Ausführung würde vermutlich das Fortschreiten der Handlung stören und nur zu Wiederholungen führen. So hat Wasserman es geschafft, sich nun auf die Geschichte zu konzentrieren und einen Schritt nach Vorne zu machen. Nicht mehr pure Theorie steht im Vordergrund, sondern Lias persönliches Schicksal und wie ihre Existenz weiter verläuft.
Natürlich stößt sie dabei immer wieder auf Probleme, auf Herausforderungen und muss sich daran erinnern, dass sie kein Mensch mehr ist obwohl sie wie einer empfindet.

Meiner Meinung nach ist es der Autorin erstaunlich gut gelungen diesen Zwiespalt darzustellen und dennoch eine Geschichte zu konstruieren, die berührt und fesselt. Anders als in vielen 2. Teilen einer Trilogie hatte ich nicht das Gefühl, dass es sich hier um einen Lückenfüller handelt, der nur auf das große Finale hinarbeiten soll. Ganz eigenständig kommen hier mehr Details und Hintergründe zum Vorschein, die zum Nachdenken anregen. Nicht zuletzt das Thema Treue und Verpflichtung spielen eine große Rolle. Und sogar eine kleine Liebesgeschichte entspinnt sich – sie nimmt jedoch keine Rahmenfüllende Handlung ein, sondern beschränkt sich auf leise Untertöne und macht bereitwillig Platz für das eigentliche Geschehen.

Lediglich, dass noch immer nicht alle Charaktere einen klaren Standpunkt in ihrer Rolle zu haben scheinen, hat mich etwas gestört beim Lesen. So wirkt gerade Lias Familie noch etwas undurchschaubar und ändert den Verhandlungslauf erstaunlich plötzlich und unerwartet.

Dennoch ist „Crashed“ eine sehr gelungene Fortsetzung, die absolut lesenswert ist und von allem etwas zu bieten hat: Spannung, Liebe, Selbstfindung, Drama. Lia ist und bleibt eine Protagonistin, der man gerne durch ihr unsterbliches Leben folgt und deren Entwicklung man auch im abschließenden Teil der Trilogie („Wired“ – 1. September 2011 bei Script5) kaum erwarten kann zu lesen.

Bewertung: 4/5

Crashed von Robin Wasserman
431 Seiten (Hardcover)
Verlag: Script5
ISBN: 978-3839001141
16,90€

Die Reihe:
1. Skinned
2. Crashed
3. Wired (1. September 2011)

No Comments

Post A Comment