Rezension: Böses Blut

Rezension: Böses Blut

Ein altes Haus, ein dunkler Wald und ein Kinderspiel, das außer Kontrolle geraten ist…

Die sechsköpfige Patchworkfamilie Wilde/Brown lebt in ständigem Stress: Katherine und Catriona – beide „Cat“ genannt – können sich auf den Tod nicht ausstehen und zetteln bei jedem Familienessen einen Streit über ihren Namen an. Als gäbe es nichts Wichtigeres wer der beiden Steifgeschwister ein Recht auf den Spitznamen hat, vergeht kein Tag ohne Geschrei und Tränen.
Der Familiensegen hängt gründlich schief und so starten die beiden Eltern Harriet und Peter einen letzten Versuch die Teenie-Töchter zum Waffenstillstand zu bewegen indem sie das Angebot annehmen, im alten Haus von Katherines verstorbener Mutter die Ferien zu verbringen. Die beiden Brüder der zwei Zicken, John und Roley, sind mindestens genauso wenig begeistert von dieser Idee, müssen aber notgedrungen mitkommen in die englische Einöde.

„Fell Scar“ heißt das riesige Anwesen, das die Familie bei ihrer Ankunft erwartet, und bereits eine düstere Atmosphäre ausstrahlt: die alten Möbel haben schon bessere Tage gesehen und die überall rum liegenden Bücher sind von einer dicken Staubschicht bedeckt.
Katherine und John sind begierig darauf herauszufinden, wie ihre Mutter Anne als Kind gelebt hat – gerade, weil ihre Erinnerungen an sie bereits zu verblassen drohen. Der 15-jährigen Catriona geht es eher darum ihrer Stiefschwester eins auszuwischen und das schönste Zimmer im Haus zu belegen, während Roley sich zurück nach London und seinem Trainingsprogramm für den Sommer sehn.

Schnell jedoch wird den vier Geschwistern eines klar: mag der nahe gelegene Wald auch gefährlich erscheinen, so lauern die eigentlichen Gefahren im Haus. Denn Katherine entdeckt ein geheimes Spielzimmer hinter einer Schranktür und einen ganzen Stapel Bücher mit geradezu brutal durchgestrichenen Romanfiguren sowie eine Spielanleitung:

„Gelöschte Namen kannst du nicht sprechen,
ist ein Charakter tot, wird die Geschichte zerbrechen,
Ein Opfer, das zählt, ist immer schwer,
Verlorenes findest du nimmermehr.
Gestohlene Worte musst du sagen,
geborgte Macht lässt sich nicht übertragen.
Der Namenfresser braucht sein Mahl,
ob du lebst oder tot bist, das ist ihm egal.“


Besteht etwa ein Zusammenhang zwischen dem gruseligen Kinderspiel ihrer toten Mutter und den mysteriösen Geschehnissen im Haus? In welcher Gefahr befinden sich die Kinder wirklich und was hat dies alles mit den Dorfbewohnern Alice und Fox zu tun?
Eins kann gesagt sein: Wenn ein Spiel einmal begonnen hat, muss es auch zu Ende geführt werden…

Ich muss gestehen, dass das Buch der absolute Spontankauf war. Weder der Titel oder die Autorin waren mir vorher bekannt, noch der Klappentext verriet viel über den Inhalt – also bin ich ohne große Erwartungen an dieses Kinder-/Jugend-Horrorbuch herangegangen. Dafür wurde ich umso mehr überrascht mit einer Geschichte, die es in sich hat!

Sehr gekonnt arbeitet Rhiannon Lassiter mit bekannten Horrorbildern und verwebt sie zu einem einzigen Bild des Schreckens: Puppen, die sich scheinbar von selber bewegen, ein verwunschener Wald, ein altes Haus mit Geheimzimmer, ein außer Kontrolle geratenes Kinderspiel und fantastische Wesen, die nicht unbedingt freundlich sind…

Die Atmosphäre ist beim Lesen teilweise so bedrückend und bedrohlich spürbar, dass ich mich tatsächlich gegruselt habe. Jawohl, ich habe mich bei einem Jugendroman gegruselt! Dazu beigetragen hat sicherlich der einfache – aber nicht anspruchslose – Erzählstil und die wunderbar bildlich inszenierte Sprache des Textes.

Ein kleiner Minuspunkt ist lediglich, dass der Einstieg in die Geschichte etwas schwer ist. Ich hatte zunächst einige Probleme die Kinder dem zugehörigen Elternteil zuzuordnen und auseinander zu halten welche der beiden „Cats“ noch einmal mit welchem der Jungen verwandt war. Nachdem aber etwas Licht in dieses Namenswirrwarr gelangt war, konnte die Geschichte mich vollends überzeugen. Es wird gruselig und spannend, man möchte wissen was es mit dem Kinderspiel und den ausgelöschten Namen auf sich hat, möchte erfahren warum sich Jugendliche vor vielen Jahren ein solch grausames Spiel ausgedacht haben.

Dabei wird die reale Bedrohung für die vier Wilde/Brown-Kinder immer deutlicher und man fängt als Leser an daran zu zweifeln, dass Fantasie und Realität noch getrennt werden können. Letztendlich verschwimmt diese Grenze auch zunehmend und der Höhepunkt der Geschichte hat fantastische Ausmaße.
Da es sich um ein Buch für die Altersgruppe 12-13 Jahre handelt, muss man sich darauf einstellen, dass hier keine allzu komplizierte Lösung des Rätsels geliefert wird. Ich selber habe das allerdings nicht als Negativpunkt empfunden und finde sogar die versteckte Moral hinter der Erzählung durchaus gelungen.

Für mich also eine absolut positive Überraschung und ein Gruselbuch mit Fantasy-Elementen, das ich so noch nie gesehen habe. Ein bisschen was von „Jumanji“, ein bisschen was von „Chucky die Mörderpuppe“, viel Witz, Charme und bizarre Figuren… kurz: ein Buch, welches man unbedingt gelesen haben sollte!

Bewertung: 5/5


Böses Blut von Rhiannon Lassiter
392 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596808038
8,95€

2 Comments
  • Stephie
    Posted at 19:12h, 17 September Antworten

    Also doch ein Buch für meine Wishlist ;)

  • Elena
    Posted at 21:25h, 21 September Antworten

    Klingt wirklich interessant, ich setz es mal auf die Amazon-Wunschliste!

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