Rezension: Bevor ich sterbe

Rezension: Bevor ich sterbe

Bevor ich sterbe von Jenny Downham
320 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570306741
8,95€


Vier Jahre hoffnungsloser Kampf. Tessa ist es Leid die vielen Behandlungen über sich ergehen zu lassen – zumal ihr die Ärzte eröffnet haben, dass der Krebs gesiegt hat. Ihr bleiben noch wenige Monate, mit etwas Glück kann sie ihren siebzehnten Geburtstag noch erleben. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Sie muss langsam Abschied nehmen: von ihrem fürsorglichen Vater, ihrem frechen, jüngeren Bruder, ihrer entfremdeten Mutter und ihrem Leben. Doch wie viel Leben kann man in sechzehn Jahren schon hinter sich haben? Tessa wünscht sich noch so viel erleben zu können. Einmal Sex haben, das Gesetz brechen, Drogen nehmen und einen Tag lang zu allem „ja“ sagen. Wann ist der richtige Zeitpunkt, wenn nicht jetzt? Mit Hilfe ihrer besten (und wohl einzigen) Freundin und ihrer Familie stellt sie sich ihren letzten Monaten und arbeitet sich durch die Liste der Dinge, die sie vor ihrem Tod noch erleben möchte. Dabei trifft sie auf Adam – und bricht das größte Tabu, das sie sich denken kann: sie verliebt sich. Hat eine Liebe kurz vor dem Tod noch Sinn?


Jenny Downham hat sich ein schwieriges Thema für ihre Jugendbuch überlegt: die Frage nach dem Tod. Und ob Liebe in Angesicht der Krankheit überhaupt erlaubt ist. Es ist ein schmaler Grad zwischen Pathetik und Ehrlichkeit, auf dem sie uns Leser balancieren lässt.

Bemerkenswert authentisch wird Tessa beschrieben. Dass sie seit ihrem zwölften Lebensjahr weiß, dass sie an Leukämie erkrankt ist, hat sie zu einer auffallenden Persönlichkeit gemacht. Jetzt, vier Jahre später, lebt sie mit allen dazugehörigen Konsequenzen. So hat sie nur noch eine einzige Freundin, die sich nicht abschrecken lässt und die Sterbende wie jeden anderen Menschen auch behandelt. Dieses bisschen Normalität ist es, an dem Tessa hängt und das sie noch in ihrem Leben verankert. Schließlich ist auf ihren Vater kein Verlass, denn dieser ist so sehr um seine Tochter besorgt, dass er die Tage damit verbringt am Computer nach neuen Behandlungsmethoden zu suchen, anstatt Abschied zu nehmen.

Ebenso verständlich sind Tessas Stimmungsschwankungen. Denn auch wenn sie lange Zeit hatte, um sich auf ihr Schicksal vorzubereiten, macht ihr der bevorstehende Tod Angst. Und er macht sie wütend. Man mag sie deshalb beim Lesen nicht immer sympathisch finden, kann aber nachvollziehen, weshalb sie so unausstehlich handelt. Und diese Seite von Jenny Downhams Jugendroman ist es auch, die besonders positiv auffällt: sie scheut sich nicht davor, einer schwierigen Geschichte auch eine schwierige, aber dafür glaubhafte, Protagonistin zu geben.

Leider kann man nicht über alle Aspekte des Buches so begeistert und leichtfällig urteilen. Insbesondere Tessas Liste mit den Dingen, die sie vor dem Tod noch erleben möchte, dürfte dem einen oder anderen übel aufstoßen. Hier hat die Autorin sich an den einfachsten Klischees bedient und sich meiner Meinung nach nicht unbedingt mit möglichen echten Gefühlsregungen in einem sterbenden Teenager beschäftigt. Denn die Liste reduziert Tessas wahren, verbleibenden Wünsche zunächst zum Großteil auf illegale Aktivitäten oder oberflächlichen Spaß: Drogen nehmen, Verbrechen begehen, Sex haben. Man fragt sich unweigerlich: warum eigentlich? Ist das wirklich das Wichtigste, was ihr im Angesicht ihres nahenden Todes einfällt? Keine Versöhnung mit der entfremdeten Mutter, keine Versuche, tiefe Empfindungen wie Liebe oder Glück zu erhaschen. Stattdessen Rebellion ohne Sinn und Verstand. Soll man es darauf schieben, dass Tessa wütend auf ihr Schicksal ist? Denn obwohl dies natürlich der Fall ist, erklärt es mir noch nicht plausibel die wenig originellen Listenpunkte, die herzlich wenig berührend sind.

Überraschend, angesichts des ansonsten sehr wohl mitreißenden Buches. Die Thematik mag es sein, die zuerst neugierig macht, doch die Geschichte selber zieht einen letztendlich in den Bann. „Bevor ich sterbe“ ist kein perfektes Buch. Auf der einen Seite läuft alles viel zu glatt und auf der anderen zu konstruiert tragisch. Die Sprache ist manchmal zu gewollt jugendhaft. Aber ob man es will oder nicht: man lässt sich auf das Buch ein. Man fiebert mit, hofft, bangt, gibt auf, schöpft neue Kraft und Blättert mit jeder Seite langsamer um, um dem Ende noch nicht zu begegnen.

Fazit: ein durchaus nicht schlechtes und letztendlich berührendes Buch über ein schwieriges Thema, das jedoch durch seine Mängel teilweise überschattet wird und bei näherer Betrachtung etwas in seiner Essenz bröckelt.

In Sternen: 3/5

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