Rezension: Before I Fall

Rezension: Before I Fall


Der schönste Tag deines Lebens…
 

Sam hat es geschafft: vom hässlichen Entlein hat sie sich zum schönen Schwan gewandelt. Sie gehört zu den beliebtesten Schülerinnen an ihrer Highschool, hat einen umschwärmten Freund und diktiert zusammen mit ihren drei Freundinnen wer “in” und wer “out” ist. Es ist der 12. Februar als sie gemeinsam mit Ally, Lidsay und Elody die Party eines Mitschüles besucht. Der Wodka wird rumgereicht, Pläne für die Nacht mit ihrem Freund werden geschmiedet und die unbeliebte Schülerin Juliet wird an ihre soziale Position ganz am Ende der Nahrungskette erinnert.
Die Mädchen sind ausgelassen, als sie um kurz nach Mitternacht in ihr Auto steigen und sich auf den Weg nach Hause machen – doch sie werden nie dort ankommen. Denn nur wenige Meter nachdem sie losgefahren sind, haben sie einen schrecklichen Unfall bei dem Sam stirbt.
Als sie am nächsten Morgen wieder in ihrem Bett erwacht und feststellt, dass ihr Handy wieder den 12. Februar anzeigt, weiß sie: sie ist gefangen in einer Zeitschleife. Ihren letzten Tag auf Erden muss sie wieder und wieder durchleben und sie beginnt sich zu fragen, was sie hätte anders machen können…

Bis jetzt hatte ich nur Gutes über “Before I Fall” gehört und war relativ neugierig, wie sich die Geschichte entwickelt. Zu Beginn war ich doch sehr skeptisch, denn 340 Seiten lang immer das Selbe zu lesen, stellte ich mir etwas anstrengend vor. Tatsächlich musste ich mich nach dem 1. Tag etwas zwingen weiter zu lesen weil es mir davor graute nun eine einfach Wiederholung geliefert zu bekommen – dem war aber zum Glück nicht so und die Geschichte entwickelte sich folgend sehr spannend und ergreifend.

Sam selber ist meiner Meinung nach ein etwas schwieriger Charakter und letztendlich daran “Schuld”, dass ich dem Buch keine vollen 5/5 Sterne geben kann. Sie gehört zur beliebten Clique in der Schule und die sind, bekanntlich, nicht gerade freundlich sondern bezeichnend eher zickig, oberflächlich und mit der unangenehmen Eigenschaft andere nieder zu machen, behaftet. So fühlt man sich als Leser zu Anfang, als wäre man in der literarischen Verarbeitung von “Clueless” gelandet: die Mädchen kleiden sich im Partnerlook mit knappen Röckchen und flirten ungehemmt mit dem gut aussehenden Mathelehrer. Sie ziehen über Mitschüler her und benehmen sich wie Königinnen, immer mit der festen Überzeugung sich einfach alles leisten zu können.
Auf dieser Grundlage fiel es mir zunächst sehr schwer mich in die Charaktere hinein zu versetzen und wirkliche Sympathie für sie zu empfinden. Sam selber hat glücklicherweise durch ihre Nachtod-Erfahrung genug Zeit sich noch zu verändern, was wohl auch den Kern des Buches ausmacht.

Besonders interessant fand ich dabei, dass das Mädchen offensichtlich die Phasen der Trauer bewältigt, während sie immer wieder aufs Neue den 12. Februar durchlebt. Zunächst die typische Verdrängung, dann das Aufbrechen von Emotionen. An diesem emotionalen Tag ist sie meiner Meinung nach wieder ungenießbar und sehr unsympathisch. Nun… aber wer wäre das nicht, wenn ihm klar wird, dass er tot ist und sowieso egal ist, wie man sich verhält? Danach beginnt ihre intensive Suche nach Antworten.
Warum musste sie sterben? Was hätte sie in ihrem Leben anders machen können? Hat sie wirklich immer richtig gehandelt?

Der Leser begleitet sie folgend auf spannende Weise dabei, wie sie durch das Verändern nur kleiner Handlungen immer mehr die Zusammenhänge aller Leben ihre Mitmenschen erkennt. Ihr perfekter Freund wirkt plötzlich nicht mehr so perfekt, die unbeliebten Schüler entpuppen sich als gar nicht so schlimme Menschen. Die Fassade bröckelt. Es ist geradezu schmerzhaft Sam auf ihrem Weg zu folgen und zu sehen wie kleinste Veränderungen große Auswirkungen haben können. Ganz, wie bereits am Anfang des Buches gesagt wird: wenn ein Schmetterling irgendwo mit den Flügeln schlägt, kann das am anderen Ende der Welt einen Tornado auslösen. In diesen Tornado gerät unsere Protagonistin auch zunehmend, bis sie endlich in der letzten Phase der Trauer angekommen ist: dem neuen Selbst- und Weltbezug.

Das Finale ist zwar einigermaßen vorhersehbar, hindert aber nicht daran, beim Lesen einen großen Kloß im Hals zu spüren. Denn die Entwicklung, die Sam vollzieht, die Gedanken, die sie sich macht und die Umstände, die ihr Schicksal bestimmt haben, verwirren sich zu einer Geschichte, die sehr wohl ans Herz geht.

Etwas schade fand ich, dass nur ihre Freundinnen etwas farblos blieben. Man erfährt zwar viel im Verlauf der Handlung, was man zu Beginn nie von Elody, Ally oder Lindsay gedacht hätte, doch reicht es nicht ganz aus um auch für sie eine große Sympathie zu empfinden. Das Hauptaugenmerk liegt allerdings auch klar auf Sam – und ihre Geschichte wird glaubwürdig und ergreifend beschrieben.

Am Ende sitzt man noch etwas benommen vor dem Buch. Zu viele Gedanken, die man plötzlich selber hat. Eins jedenfalls kann man gut aus “Before I Fall” mitnehmen: man sollte sich klar darüber sein, dass jede Entscheidung, die man fällt, auch seine Konsequenzen hat. Ein Buch für ruhige Abende oder verschlafene Nachmittage, an denen man die Oberflächlichkeit des Fernsehprogramms ein mal Leid ist und sich nicht davor fürchtet selber über sein Leben nachzudenken.

Bewertung: 4/5


Before I Fall von Lauren Oliver
368 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Hodder & Stoughton
Sprache: Englisch
ISBN: 978-0340980903
7,30€
Deutscher Titel: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

3 Comments
  • Miss Bookiverse
    Posted at 11:06h, 10 März Antworten

    So wie Sam sich zu Beginn verhält, würde ich sie im echten Leben auch nicht mögen. Es in einem Buch zu lesen, fand ich aber unterhaltsam und natürlich macht sie im Folgenden ja eine beachtliche Wandlung durch.

    Von Lindsay erfährt man noch ziemlich viel und sie wird zwar nicht sympathischer, aber am Ende konnte ich sie besser verstehen und hab so was wie Mitleid für sie empfunden. Ally und Elody hätten leider auch eine Figur sein können.

  • admin
    Posted at 11:38h, 10 März Antworten

    Stimmt, Lindsay rückt (vergleichsweise) noch ziemlich in den Vordergrund. Aber mir ist ihre Erklärung einfach zu… falpsig. „Ich dachte, es hört auf“ für ihre Taten als Rechtfertigung? Schauderhaft unsympathisch ;)

    Ich stimme dir vollkommen zu: Ally und Elody konnte ich auch bis zum Schluss nicht richtig aus einander halten. Einzig, dass immer betont wurde, dass Elody „die Netteste“ und „Beste“ von den Vieren sein soll, ist irgendwie hängen geblieben.

    Insgesamt aber ein wirklich schönes Buch, das ja auch seine poetische Seite hat und glücklicherweise nicht nur an der Oberfläche kratzt.

  • Miss Bookiverse
    Posted at 11:49h, 10 März Antworten

    Der Schreibstil hat mich an dem Buch mit am meisten beeindruckt, wirklich richtig richtig schön, flüssig und poetisch. Ich frage mich wie das in der Übersetzung gelungen ist.

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