Rezension: Ausgelöscht

Rezension: Ausgelöscht

Wenn es nach dem Philosophen Descartes geht, macht den Menschen die Eigenschaft des Denkens aus. Cogito ergo sum.
Doch der unter dem Pseudonym „Dalí“ agierende Entführer nimmt seinen Opfern alles – auch den Verstand.

Smoky Barrett hat sich endlich einen Urlaub verdient. Nachdem ein Psychopath vor drei Jahren ihre Familie brutal vor ihren Augen abschlachtete und sie selber vergewaltigte sowie ihr Gesicht entsetzlich entstellte, war es für sie nicht mehr leicht mit ihrem Leben weiter zu machen. Doch ausgerechnet ein anderer Mörder gab ihr einen neuen Grund zu leben: als er ihre alte Schuldfreundin tötet, muss Smoky deren Tochter Bonnie in ihre Obhut nehmen.
Mittlerweile ist die 13-Jährige für sie wie eine eigene Tochter und mit ihrem neuen Freund zusammen verbringt sie ein paar Tage auf Hawaii bevor die Hochzeit ihrer besten Freundin Callie stattfinden soll.

Als der große Tag gekommen ist, sind die Hochzeitsgäste gespannt darauf die sonst so toughe Callie vor den Traualtar treten zu sehen. Doch selbst hier sind Smoky und ihr Team vor den Psychopathen nicht sicher: mit quietschenden Reifen kommt ein Auto wenige Meter von der Hochzeitsgesellschaft entfernt zum stehen. Eine Frau wird aus dem Wagen geworfen, sie ist in einem desolaten Zustand und offensichtlich stark traumatisiert.

Nur langsam kommt heraus, dass die Frau vor sieben Jahren verschwand und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Und dass noch mehr Frauen verschwunden sind. Viel mehr. Und wenn die Opfer nach vielen Jahren wieder auftauchen, sind sie mehr als nur gebrochen – sie sind lobotomiert. Der Entführer zerstört mit einer Art Meißel bestimmte Nervenbahnen im Gehirn, die Entführten überleben, doch vegetieren nur noch vor sich dahin.
Smoky und ihr Team nehmen unverzüglich die Jagd nach Dalí auf, aber der Serientäter fühlt sich in die Enge getrieben und schnell gerät die leidenserprobte Ermittlerin in sein Visier…

Mit „Ausgelöscht“ legt Cody McFadyen den vierten und (vorerst!) letzten Band aus der Reihe um die traumatisierte FBI-Agentin vor. Schon als ich dieses Buch in die Hand nahm, habe ich mich gefragt, wie viel Smoky noch erleiden kann, bevor sie ganz und gar daran kaputt geht oder zumindest ihre Glaubwürdigkeit als zurechnungsfähige Ermittlerin verliert. Tatsächlich findet McFadyen etwas, das er unserer lieb gewonnenen Protagonistin noch „antun“ kann und wieder einmal blättert man Seite um Seite gespannt um.

Etwas geschockt und überrascht war ich von Smokys Entwicklung allerdings schon. In den vorherigen Bänden hatte ich immer das Gefühl, dass sie irgendwo am Rande des Wahnsinns agiert, nur gerade so noch bei Verstand bleibt und auf geniale Art und Weise ihre Arbeit erledigt. Verbrecher mit der nötigen Härte jagt und zu viel Schreckliches gesehen hat, um noch ein ganz normales Leben führen zu können – auch, wenn sie darum immer bemüht war.
In „Ausgelöscht“ erscheint Smoky dem Leser so normal wie noch nie und ist geradezu ausgewogen. Mit ihrem Freund Tommy und ihrer Adoptivtocher Bonnie ist sie so nah am bodenständigen Glück, wie es ihr möglich ist… und das merkt man ihr an.
Umso befremdlicher wirkt sie auf mich als alteingesessenen Fan der leidenden Powerfrau. Auch, dass sie wieder einmal persönlich ins Visier des Serientäters gerät, kann das neue Bild von ihr nicht ganz zerstören. Sie scheint sich ein kleines Stückchen Glück verdient zu haben – ob sich das nun positiv oder negativ auf den Verlauf der Geschichte ausübt, muss wohl jeder selber entscheiden. Für mich hatte es einen Beigeschmack von einem endgültigen Ende, denn man hatte das Gefühl, dass nun tatsächlich alles erzählt ist und dieses Buch von Anfang an als Abschluss der Reihe gedacht war. Man steuert merklich auf das Ende zu. Da konnte auch das immer wieder kehrende Motiv Matthew Arnolds („Jeder ist eine Insel“) nichts dran ändern. Smoky sinniert zwar darüber nach, als sie mit Tommy auf Hawaii ist und McFadyen treibt dieses Bild noch auf die Spitze indem er die FBI-Agentin eine ganze Seite des Schriftstellers David Rhodes zitieren lässt, der ebenfalls auf das „Leben als Insel“ eingeht (S. 126), doch so ganz kaufe ich ihr die Einzelgängerin nicht mehr ab.

Nichtsdestotrotz war ich an manchen Stellen geradezu fasziniert davon, wie McFadyen es schafft eine Atmosphäre des Grauens zu schaffen. Sein Schreibstil hat sich tatsächlich seit dem ersten Buch kontinuierlich verbessert und hat mittlerweile teilweise poetische Anwandlungen. Auf eine verstörende, grausame Art, versteht sich. Was das angeht, ist gleich der Anfang des Buches und somit Einstieg in die Geschichte ein absolutes Highlight: hier liest man etwas über einen Jungen und seinen Vater. Über die Erziehung. Und darüber, wie manche Menschen zu Monstern werden.
„Nicht alles Böse ist Zufall. Manches wächst in einem finsteren Keller unter einer finsteren Sonne heran, gehegt und gepflegt von einem finsteren Gärtner mit einer Hacke aus Knochen.“ Schreibt er schon auf Seite 19 und lässt Böses erahnen, genauso, wie eine Gänsehaut und einen Schauer über den Rücken des Lesers laufen.
Diese atmosphärisch dichten und unnachahmlich düsteren Beschreibungen sind es, die „Ausgelöscht“ wieder zu einem exzellenten Thriller machen. Anders als seine Vorläufer, ist dieser vierte Band nämlich nicht annähernd so plastisch brutal und sexlastig. An seiner Spannung und dem Grauen büßt er dennoch nichts ein.

Ebenfalls sehr spannend fand ich, dass viele tatsächlich existierende Ermittlungsmethoden einmal genauer beleuchtet wurden. Besonders das „Geografische Profiling“ wird in „Ausgelöscht“ einfach und detailliert erklärt, sodass man noch zusätzlich als Leser einen Einblick in echte FBI-Arbeit erhält.

Diese gekonnte Mischung aus realitätsnaher Ermittlungsarbeit und nervenaufreibender Spannung haben mich das Buch jedenfalls wieder schnell verschlingen lassen. Ein paar Wehrmutstropfen für die ungewohnt ausgewogene Smoky, doch alles in Allem wieder ein Thriller, den man gelesen haben sollte. Als Fan von Cody McFadyen sowieso.

Bewertung: 4/5

Ausgelöscht von Cody McFadyen
464 Seiten (Hardcover)
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3785723906
19,99€

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