Rezension: Ascheherz

Rezension: Ascheherz

Das Mädchen mit den roten Haaren und rauchbraunen Augen hat viele Namen: Summer, Taja und Sulamar – für jedes Leben einen anderen.

Seit knapp eineinhalb Jahren versucht sie wieder Fuß zu fassen und sich ein Leben aufzubauen, nachdem sie ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit aufgewacht ist. Gerade nennt sie sich Summer und arbeitet als Schauspielerin in einem kleinen Theater in Maymara, genießt ihren Auftritt als maskiertes Sommermädchen des Stücks. Doch die einzige Konstante in ihrem Leben holt sie ein: der Blutmann, von dem sie jede Nacht träumt, scheint ihren Träumen entsprungen und verfolgt sie nun in ihrer Realität – und sie weiß, dass er sie töten will.
Voller Angst beschließt sie zu fliehen und versteckt sich in einer leer stehenden Wohnung. Dort begegnet sie Anzej, einem jungen Mann der zwar ihre Sprache nicht spricht, in dem sie aber einen Verbündeten sieht. Gemeinsam gelingt den beiden die Flucht vor dem Blutmann aus der Stadt und sie machen sich mit dem Schiff auf die Reise in das ferne Nordland, wo ein grausamer Krieg herrscht.
Immer wieder kommen winzig Erinnerungsfetzen an ihr altes Leben zurück und Summer beginnt, an der Loyalität Anzejs zu zweifeln. Welches Geheimnis umgibt den blonden Mann und was hat er mit ihrer Vergangenheit zu tun?

Wieder flieht sie… nicht nur vor dem Blutmann, der ihr noch immer auf den Fersen ist, sondern auch vor Anzej, der sie mehr als einmal belogen hat.
Im Nordland angekommen, holt die Vergangenheit Summer ein und sie erkennt nicht nur wie wichtig es ist sich zu erinnern, sondern wird auch in den dort herrschenden Krieg hineingezogen und begegnet nicht zuletzt dem Blutmann erneut…

Als ich „Ascheherz“ begann, erwartete ich ein Buch, das mich gut unterhält. Im Nachhinein muss ich aber sagen: ich habe so viel mehr bekommen! Summers Welt ist unserer nicht ganz unähnlich, aber dennoch vollkommen fremd. Bereits die Chimären des Theaters vermitteln einem das Gefühl einer ganz anderen, aufregenden Welt und ist einmal das Bild des doppelköpfigen Fuchses oder des Pferdes mit Tigerfell vor dem Auge des Lesers entstanden, lässt einen dieser Zauber nicht mehr los.
Man spürt, dass Summer anders ist als die Menschen in ihrer Umgebung, aber tappt zunächst genauso im Dunkeln wie das Mädchen ohne Erinnerung selbst.

Was wie eine fantasievolle Geschichte beginnt, entwickelt sich langsam zu einem großartigen Fantasy-Werk und zieht einen in seinen Bann. Im Nordland begegnen wir beim Lesen nicht nur kriegerischen Menschen, sondern auch fremden Völkern wie den Tierläufern, den Zorya und den Tandraj und bekommen erste Einblicke in das, was Summer die „zweite Wirklichkeit“ nennt.
Ohne viel Action entsteht so eine Spannung, die einen regelrecht gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Zu viele Fragen werden aufgeworfen um nicht hinter das Geheimnis des rothaarigen Mädchens kommen zu wollen.

Auch die auftretenden Figuren erscheinen von der ersten Minute an so real, dass man sie beinahe alle ins Herz schließen muss. Besonders gefallen hat mir dabei, dass kein Charakter im Buch eindimensional beschrieben wird, sondern vielschichtig wie eine echte Person handelt. Summer selber muss erkennen, dass sie eine tiefe Schuld mit sich trägt und die vermeintlich „Bösen“ entpuppen sich nicht als das, was sie zu sein scheinen.

Voller Liebe zum Detail zeichnet Nina Blazon so eine Welt, in die man vollkommen abtauchen kann. Das beherrschende Thema – die Todesmystik und eine Liebesgeschichte – umweben dabei diese Welt wie ein Kokon die verpuppte Raupe.
Ich muss gestehen, dass ich so sehr von dem Buch gefesselt war, dass ich mich zwischendurch zwingen musste es beiseite zu legen um es nicht zu schnell zu beenden. Es ist keine Geschichte voller Atem raubender Spannung, aber dafür voller leiser, poetischer Sprache und einer glaubhaften, verzaubernden Liebe.
Auch die Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod gehört zu „Ascheherz“ und wird auf unpathetische Weise angesprochen. So stellt Summer einmal die Frage: „Was ist ein ewiges Leben wert, Moira? Eine Seele braucht das Wachsen und sie ist bereit, zu vergehen. Was wird aus ihr, wenn sie in der Ewigkeit gefangen ist? Wenn nichts mehr einen Wert hat, weil nichts vergänglich ist?“.
Diese Beschreibung berührt einen beim Lesen und erscheint als Wohltat in einer Zeit, in der wir von Vampirliteratur überschwemmt werden.

Das Buch empfehle ich guten Gewissens allen, die mal wieder eine wunderschöne, detailliert ausgearbeitete Fantasy-Geschichte lesen möchten, die sowohl leise Untertöne als auch eine ergreifende Liebesgeschichte beinhaltet. Definitiv wird „Ascheherz“ seinen Lesern verzauberte Lesestunden im Winter schenken, in denen man eingewickelt in eine dicke Decke das rothaarige Mädchen durch den Schnee des Nordlandes bis hin zu den im Winter blühenden Bäumen begleitet.

Bewertung: 5/5


Ascheherz von Nina Blazon
544 Seiten (Hardcover)
Verlag: cbt
ISBN: 978-3570160657
Erscheinungsdatum: 10. Januar 2011
18,99€

12 Comments
  • Kari
    Posted at 16:21h, 04 Oktober Antworten

    Ich hab jetzt nur den Schluss deiner Rezi gelesen, denn ich will mich absolut überraschen lassen von „Ascheherz“. Dennoch bin ich jetzt noch viel viel mehr gespannt, wie es wird. Vor allem, ob es mit „Faunblut“ mithalten kann!!

  • Stephie
    Posted at 16:38h, 04 Oktober Antworten

    Hab auch nur den Schluss gesehen und freue mich jetzt umso mehr auf das Buch. Werde es aber noch ein kleines Weilchen liegen lassen.

  • Rishu
    Posted at 20:36h, 04 Oktober Antworten

    Wow, das ging schnell. Hab die Rezi nicht gelesen, da ich vielleicht das Buch lesen möchte. Gibt’s denn da keine Rezensionssperre? Wundert mich.

  • Sarah
    Posted at 20:41h, 04 Oktober Antworten

    @Kari: Faunblut habe ich leider noch nicht gelesen, aber Ascheherz hat mich jetzt so von Nina Blazon überzeugt. dass es ganz weit nach oben auf meinem Wunschzettel rutscht :D

    @Stephie: Kannst dich auch freuen, das Buch ist wirklich schön!

    @Rishu: Nein, ich war auch sehr verwundert aber es scheint keine Sperre zu geben. In einer Mail wurde mir heute auf Nachfrage noch mal bestätig, dass ich die Rezension sogar schon auf anderen Plattformen wie Lovelybooks veröffentlichen darf.

  • Shiku
    Posted at 13:22h, 05 Oktober Antworten

    Hach, das klingt ja toll! Das kommt gleich mit auf meine Wunschliste. (:
    Aber je mehr Rezis ich zu Nina Blazon lese, desto mehr habe ich den Eindruck, dass man mit dieser Frau gar nichts falsch machen kann! oo

  • Sarah
    Posted at 13:45h, 05 Oktober Antworten

    @Shiku: Das hier war mein 3. Buch von Nina Blazon… ich bin also auch noch keine Expertin ;) „Die Königsmalerin“ fand ich persönlich aber ziemlich langweilig (was auch daran liegen könnte, dass ich kein Fan von historischen Romanen bin) und Schattenauge war gut aber nicht überragend. Ascheherz ist das erste Buch, was mich von ihr absolut und uneingeschränkt überzeugt hat :) Du kannst ja mal schauen welche Bücher von ihr dich am ehesten ansprechen (sie hat ja Krimis, Fantasy und Historisches geschrieben) und dann sehen welches du lesen möchtest. Bestimmt wird dir auch nicht ALLES von ihr gefallen aber insgesamt kann man schon sagen, dass sie eine tolle Autorin ist, von der man mal etwas gelesen haben sollte :)

  • Shiku
    Posted at 15:59h, 05 Oktober Antworten

    Ich kenne bisher nur „Totenbraut“, welches mich sehr begeistert hat – und da ich immer nur Gutes hörte, wenn ich was gehört hab, kam ich zu dieser Schlussfolgerung. :D
    Da ich mit Krimis sowieso ein bisschen aufs Kriegsfuß stehe, werde wahrscheinlich nur die Fantasy- und Historienbücher etwas für mich sein. Von denen hab ich auch einige auf der Wunschliste stehen, „Königsmalerin“ klang für mich zum Beispiel auch sehr gut. :D

  • Hanna von thesaurus
    Posted at 10:01h, 06 Oktober Antworten

    Das Cover erinnert mich an „Das Schweigen der Lämmer“ ….

  • Sarah
    Posted at 11:26h, 06 Oktober Antworten

    @Hanna: Stimmt, mit dem Falter auf dem Mund ^^ Aber das Cover passt sehr gut zum Inhalt… ist also nicht bloß willkürlich so gewählt :)

  • Irina [Bücher über alles]
    Posted at 13:55h, 06 Oktober Antworten

    Ich hab zwei Bücher von Nina Blazon gelesen („Die Totenbraut“ und „Schattenauge“) und sie haben mich beide nicht überzeugt – aber jetzt steh ich doch wieder hier und finde, dass das Buch super klingt und wills trotz meiner Blazon-Erfahrungen haben. Was ist nur los mit mir?! ;)

  • Hanna von thesaurus
    Posted at 15:09h, 06 Oktober Antworten

    Na dann sei’s verziehen ;)

  • Nici
    Posted at 06:39h, 08 Oktober Antworten

    Ich will es unbedingt lesen, obwohl ich skeptisch gegenüber ihren Fantasy-Büchern bin. ‚Totenbraut‘ hat mich verzaubert, aber ‚Schattenauge‘ hat mir nicht gefallen.
    Trotzdem will ich ‚Ascheherz‘ unbedingt lesen, um zu sehen, ob das eine Ausnahme war.

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