Mut, dein Ding zu machen

Mut, dein Ding zu machen

Etwas zu finden, was einem Spaß macht und von dem man sich vorstellen kann, es für den Rest seines Lebens zu machen, ist unfassbar schwierig.
Heutzutage noch gleich drei mal mehr mit den ganzen Möglichkeiten, die sich uns bieten.

Ich hatte damals mit 15 schon beschlossen, dass ich Redakteurin/Autorin und Fotografin werden will und habe irgendwann in der Oberstufe deshalb auch beschlossen, dass ich Mathe und Co. nun wirklich nicht brauche. Nach der Schule ging es für mich nach Rheda-Wiedenbrück, wo ich fortan täglich eine Vorbereitungs-Designschule besuchte, in der ich auf das Fotodesign-Studium eingestimmt werden sollte. Sollte. Die Schule existiert heute nicht mehr, wenn meine Recherchen das richtig sehen – und das zu Recht.

Es hat damals genau 3 Monate gedauert um meinen knapp 4 Jahre behutsam kultivierten Lebenstraum zu zerstören. Die Lehrer an der Schule waren frustriert und hatten sich ihr Leben wohl selber anders vorgestellt, als irgendwann mal den Nachwuchs zu unterrichten. Vermutlich hatten sie in sich den nächsten Helmut Newton gesehen und haben, als das nichts wurde, ihren Traum an den Nagel gehangen und sind dafür Lehrer in einer Designschule geworden. Entsprechend demotivierend war der Unterricht.

„Du machst Passfotos im Einkaufszentrum“

Ich bin völlig blauäugig da rein gegangen und habe mir gedacht „ich mach erst mal Fotos. Keine Ahnung was für welche, eine bevorzugte Richtung wird sich schon ergeben. Und dann kann ich ja schauen, was man da beruflich so macht.“

Als ich also wagte, den Lehrer damals zu fragen, was es denn später für berufliche Möglichkeiten gäbe – ich hatte ja keine Ahnung, was für Fotografen es so gibt und womit die ihr Geld verdienen! – hat er mich belustigt angesehen.

„Also ein berühmter Fashion-Fotograf wirst du sicher nicht. Die Wahrscheinlichkeit das zu schaffen geht gegen null. Vermutlich machst du irgendwann das, was die meisten Fotodesigner machen: Passfotos im Einkaufszentrum.“

Heutzutage schlage ich dabei nur die Hände über dem Kopf zusammen. Wie kann man so eine Niete auf junge, motivierte Menschen loslassen? Das gehört unter Strafe gestellt. Damals war ich zutiefst schockiert und schlagartig verunsichert. Ist das echt so? Ich schaute mich im Raum um und sah eine ganze Klasse voller junger Menschen, die alle Fotografen werden wollten. Jeder hatte auf die eine oder andere Art eine Vorstellung davon, was mal aus ihm wird. Ich wusste noch nicht einmal, ob ich Fashion, Reportage, Landschaften oder Portraits am besten fand. Wieso sollte dann ausgerechnet ich es schaffen, etwas anderes als ein Kaufhausfotograf zu werden?

Der Panikknopf

Ich grübelte nicht besonders lange nach, sondern bekam Panik. Es dauerte keine zwei Wochen mehr, bis ich zu meinen Eltern ging und meine Bedenken äußerte. Daraus wurde schnell der Entschluss, die Designschule aufzugeben und stattdessen Biologie zu studieren. Klingt etwas spaßig, aber Biologie hatte mir in der Schule schon immer gefallen und gut… wenn schon nicht Fotografie, dann eben „was solides“.

Das Studium zog ich durch. Dann die Promotion angefangen und gemerkt – scheiße, das macht mich nicht glücklich. Der Gedanke daran, dass ich bis ans Ende meines Lebens im Labor stehen soll, war mir ein Graus. Ich schmiss nach einem Jahr in der Promotion hin, orientierte mich komplett um und ging in eine Social Media Agentur als Redakteurin und Community Managerin.

Dafür, dass ich diesen verrückten Quereinstieg und erneuten Wechsel machen konnte, bin ich meinen damaligen Chef noch immer sehr dankbar. Ich hab in der Agentur viel dazu gelernt, habe mich weiterentwickelt und das erste mal in die Kreativbranche hinein geschnuppert.

Dann lernte ich meinen damaligen Freund kennen, der selbstständig und kreativ arbeitet. Darunter ab und zu Aufträge als Fotograf. Das erste mal in meinem Leben hatte ich diesen AHA!-Effekt, weil ich sah, wie man als Fotograf arbeiten konnte und was es überhaupt für Möglichkeiten gab. Das war alles gar nicht so dramatisch und schwierig, wie mein Fotolehrer damals behauptet hatte. Er hatte mir damals das Bild vermittelt, dass man entweder berühmt wird, oder am Hungertuch nagt. Dass es dazwischen noch ca. dreitausend Graustufen gibt und die ganze Welt voller Möglichkeiten ist, war mir bis dahin gar nicht klar.

Back to the roots

Langsam schon. Und mein alter Traum klopfte zunächst vorsichtig, schleichend immer lauter wieder bei mir an. Ich schreckte nachts aus dem Schlaf weil ich geträumt hatte, tatsächlich als Fotografin zu arbeiten. Es dauerte trotzdem eine ganze Weile, bis ich zunächst mir und dann auch meinem Freund eingestehen konnte, dass ich da noch immer (und jetzt stärker denn je) diesen Traum hatte.

Nun hatte ich die letzten Jahre höchstens mal im Urlaub oder bei einem Fotoausflug ins Grüne fotografiert. Übung und Können sind dann doch noch mal etwas anderes gewesen. Aber ich überlegte mir einen Plan und stieg direkt in die People-Fotografie ein. Meine ersten Gehversuche konnten sich bereits sehen lassen. Ich war selber davon überrascht, aber ich bekam von allen Seiten Lob. Insgesamt für meine Bilder. Das bestärkte mich in meinem Vorhaben.

Problem: Mein Freund war nicht so begeistert. Zwar versicherte er mir immer, dass er mich unterstützen würde, doch eigentlich tat er genau das Gegenteil. Ich weiß bis jetzt nicht, warum.

Und von Vorne

Die Situation machte mich zunehmend wütend und verzweifelt. Waren meine Bilder vielleicht doch nicht gut? Ich nicht gut genug? Machte ich mich lächerlich? Doch, meine Bilder waren gut. Mein Freund war es für mich nicht. Da lag das Problem.

Jetzt stehe ich wieder ohne Freund da. Mein Traum hat aber alles überlebt. Über 14 Jahre mittlerweile, obwohl so viel dazwischen kam und mir so viel in den Weg gelegt wurde. Daran erkennt man glaube ich, was man wirklich will. Dieser kleine Gedanke an das „was wäre wenn“ stirbt nie so ganz und kommt immer und immer wieder. Auch in Zeiten, in denen er vielleicht nur ganz leise irgendwo im Hinterkopf schnarcht.

Sich aus dem Nichts etwas aufzubauen, ist alleine verdammt schwierig. Die meiste Zeit verbringe ich noch damit zu kämpfen. Dafür, einen Einstieg zu bekommen, Kontakte zu machen, mich weiter zu bilden und zu entwickeln – und nie, nie, nie aufzuhören. Aber wenn ich am Ende des Tages von meinem Job (in dem ich übrigens auch Fotos machen darf!) nach Hause komme und noch bis zum Schlafengehen weitergearbeitet oder mich fortgebildet habe, dann bin ich stolz. Weil ich mich durchbeiße. Und ich sehe, dass sich etwas verändert und sich jede Minute lohnt.

Was sagt uns diese Geschichte also? Sein Ding zu machen erfordert sehr viel Mut. Es ist schwer, anstrengend und irgendwer oder irgendwas stellt sich einem immer in den Weg. Wenn es nicht wirklich dein Traum ist, dann gibst du an diesem Punkt auf. Dann wirst du Passfotograf. Wenn du es aber wirklich willst, dann gönnst du dir Rückschläge, langsamere Phasen und Misserfolge aber du verlierst das Ziel nie aus den Augen.

Meine Bilder findet ihr jedenfalls seit einiger Zeit hier: www.sarahpritzel.de. Mehr wird folgen.

Und was ist euer Traum? Woran arbeitet ihr?

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7 thoughts on “Mut, dein Ding zu machen

  1. Maja

    Ein wundervoller Text! Ich hoffe, dass du dein Ziel erreichen wirst und dann noch viele Träume folgen werden. Denn diese machen doch das Leben aus. 🙂

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    1. Sarah

      Danke dir <3 Kann ich ja nur zurückgeben 😉

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  2. Dany

    Liebe Sarah, ein toller Text über einen harten Weg. Es stimmt, in der heutigen Zeit hat man sehr viele Möglichkeiten was wiederum nicht ganz einfach ist. Ich geh nun fast auf die 30 zu und weiß nun seit ungefähr einem Jahr was ich machen will zumindest welche Richtung. Texte schreiben die bewegen. Bloggen. Bilder machen die Geschichten erzählen und diese dann in einen Text einfließen lassen. Vollzeitbloggerin, dass ist es für mich. Ob ich schaffen kann – im Moment bin ich da noch etwas im Zwiespalt. Der Vollzeitjob frisst Zeit. Dank deines Textes sehe ich aber, daß es sich lohnt zu kämpfen.

    PS. Die Bilder sind alle wirklich wirklich toll auf deiner Seite!

    Viel Erfolg weiterhin und du hast nun einen weiteren Follower!

    Liebe Grüße Dany

    http://www.danyalacarte.de

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  3. Ralf

    Hallo Sarah, verbinde doch die Fotografie mit der Botanik. Biologie und Fotografie schliessen sich meiner Meinung nicht aus. Hier ergäbe sich auch ein super Alleinstellungsmerkmal durch Bachelor und Master. Die Lehrer in der Foto-berufs-schule waren halt super ehrlich. Im Kaufhaus stehen mittlerweile Fotoautomaten mit denen man Passbilder machen kann. Mein Traum ist es, als Trainer/Coach/Personalentwickler/Unternehmensberater zu arbeiten. Mit meinem Coaching Blog will ich der Welt zeigen, wie ich ticke und für was Coaching gutsein kann-ohne bla bla. Schau gern mal rein: http://www.ralfhauser.wordpress.com

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    1. Sarah

      Sorry, sehe ich ganz anders. Das hat nichts mit Eherlichkeit zu tun, sondern mit Negativität. Das solltest du also Coach aber wissen, dass es immer Möglichkeiten gibt. 😉 Wenn ein Lehrer diese nicht aufzeigt, dann hat er schlichtweg seinen Beruf verfehlt.

      Und nein, ich werde die Biologie nicht mit der Fotografie verbinden. Ich kenne beide Berufsgruppen und es gibt in der Biologie keinen Platz für Fotografen und in der Fotografie keine ernsthafte Nachfrage nach Tier- oder Blümchenbildern. Ich zieh mein Ding durch und hoffe auch anderen den Mut machen zu können, mit Verstand und Plan das selbe mit ihrem Traum zu machen.
      Dir mit deinem Traum alles Gute!

      LG

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  4. nuxi

    Schöner Artikel! Ich wollte Kinder und zuhause bleiben. Muss man sich auch trauen.

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  5. Marcus

    Hallo Sarah,
    dein Artikel beschreibt das Leben, zwischen Erwartungs- und Vorstellungshaltung anderer und seiner eigenen Werte und Bedürfnisse. Ich kann deiner Odyssee durch Leben nur so zustimmen. Ich habe mich auch sehr häufig irritieren lassen und habe nach eine langen selbstfindenen Dürre meine Leidenschaft für das Theater und der persönlichen Entwicklung von Menschen schließlich verbinden können. Heute schreibe ich auch einen Blog ( http://www.mymindwork.de), über Möglichkeiten, wie wir uns besser erkennen könen und unseren Weg finden.
    Vielen Dank für deine erfrischende Schreibweise.
    Für dein weiterkommen slles Gute!
    Lg

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